Gepäckprobleme und -lösungen

Wie so viele Motorradthemen wird auch beim Stichwort „Gepäck“ äußerst leidenschaftlich diskutiert, manchmal auch missioniert. Teilweise verkommt die Debatte zu typischer Schwarz-Weiß-Malerei. „Hard vs. Soft“ bzw. „Koffer vs. Weichtaschen“. Nachdem ich jahrelang im „Soft“-Lager verortet war und Alu-Koffer dementsprechend als schweren Bling-Bling abgetan habe, bringt mir Anschaffung eines Koffersystems nun den verdienten Spott. Aber immerhin kann ich aus den Beweggründen und Gedanken einen neuen Beitrag gießen, der vielleicht keine neuen Erkenntnisse bringt („There is nothing new under the sun“), aber Neulingen vielleicht zu einem besseren Überblick verhilft. Es versteht sich von selbst, dass sich viele Gepäcksysteme auch miteinander kombinieren lassen.

Was funktioniert, was ist für die Tonne?

Auch wenn ich die grundsätzlichen Gepäcklösungen vorstellen möchte, kommt es (wie bei der Wahl des vermeintlich besten Motorrads) auch beim Gepäck auf den Einsatzzweck an. Die Unterscheidung zwischen Touring, Endurowandern und sportlichem Endurofahren ist hier sehr wichtig. Aber auch ob man ausschließlich in Pensionen und Hotels nächtigt, ob das Gepäck schnell abnehmbar sein sollte, auch mal unbeaufsichtigt sein kann und, am wichtigsten, wie viel man mitnehmen möchte. Möglich ist vieles, aber nicht alles ist sinnvoll. Tendenziell schwere Koffersysteme beinflussen das Fahrverhalten, Gewicht und Geländegängigkeit bei leichten Motorrädern zum Beispiel viel entscheidender, als bei ohnehin größeren Zweizylindern. Daher wird an meine leichte Xchallenge auch in Zukunft kein Koffersystem kommen. Bewusst ausklammern möchte ich außerdem folgende, weitgehend selbsterklärende Taschen:

  • Rucksäcke (versuche ich auf Reisen zu vermeiden oder am Motorrad zu verzurren)
  • Tankrucksäcke (gibt es in zig Größen, Farben, Materialien und Befestigungsmöglichkeiten)
  • Kleine Hecktaschen (vielen Größen, gern genutzt für Regenzeug, Werkzeug und Verbandszeug)
  • Zusatztaschen (für die Befestigung an Sturzbügeln, Gepäckbrücken oder an größeren Taschen)
  • Topcase (gibt es als Kunststoff- und Alu-Koffer, ich nutze den Platz lieber für andere Taschen)

Ein kleines Vorwort noch zum Thema „Diebstahlschutz“. Diesen Punkt erwähne ich nicht weil mir schon mal etwas geklaut wurde, sondern weil ich überwiegend alleine reise. Hundertprozentige Sicherheit bietet kein Gepäckstück und die wirklich wichtigen Sachen habe ich sowieso bei mir. Genauso wie man das Gepäck nachts abnimmt. Für mich ist es aber ein Unterschied, ob ich ein Motorrad mit Alu-Koffern oder eins mit Softgepäck vor dem Supermarkt oder dem Café stehen lasse. Wenn man zu zweit oder überwiegend in der Pampa unterwegs ist, ist das ziemlich wurscht.

Soft: Gepäckrollen

Macht ein schlankes Heck und reicht je nach Reisestil für Wochen… (Oxford Heritage Roll Bag 30 Liter)

Gepäckrollen gibt es in vielen Größen- und Preisklassen, sie dürfte viele im ersten Mopedurlaub begleitet haben. Klassischerweise sind sie aus wasser- und staubdichtem Tarpaulin gefertigt. Gerade im Retro-Bereich gibt es auch Varianten aus Stoff, die über eine wasserdichte, zweite Innenschicht verfügen. Verschlossen werden sie entweder mit einem Rollverschluss, der mehrfach umgeschlagen und dann seitlich von Steckschnallen gehalten wird. Gestopft und herausgezogen wird alles an einer Seite. Teurere Versionen bieten daher auch Reißverschlüsse, die ein Beladen „von oben“ ermöglichen, die Zipper sind jedoch anfälliger und langfristig pflegeintensiver. Manche Gepäckrollen (z. B. mein gelbes TT Rack Pack) kombinieren diese Öffnung mit einem Rollverschluss, sind aber ebenfalls teurer. Egal wie sie befüllt wurde, landet die an sich sehr leichte Rolle entweder längs oder quer auf dem Gepäckträger oder auf einem Koffer. Dort werden sie meist mit zwei oder drei Packriemen oder Expandern verspannt und halten so bombenfest am Motorrad. Günstige Rollen gibt es für unter 20 Euro, diese können nach meinen Erfahrungen jedoch schon nach wenigen Touren bzw. Jahren reißen oder undicht werden. Höherwertige Rollen halten dagegen oft Jahrzehnte. Taschen mit 30 bis 50 Liter sind daher eine gute und langfristige Investition, die sich wunderbar mit anderen Gepäcksystemen kombinieren lassen, es gibt sie aber auch mit Seesack-ähnlichen 90 Liter. Ein abschließbares Gepäcknetz erhöht bei Bedarf die quasi nicht vorhandene Diebstahlsicherheit. Ich behelfe mir hin und wieder mit einem umlaufenden Kabelschloss, was günstiger und schneller an- und abgebaut ist. Weiterlesen ist ab hier nicht nötig, denn mehr Motorradgepäck braucht es eigentlich nicht…

  • Was immer noch für die Gepäckrolle spricht:
    • die günstigste Art, Gepäck auf dem Moped zu transportieren (60 Liter für 10 Euro!)
    • viele Größen verfügbar, für Wochenendtrips bis zu mehrwöchigen Urlauben
    • flexibel an jedem Motorrad einsetzbar, schlank und sicher verzurrbar
    • in Kombination mit Koffern oder Seitentaschen nutzbar
    • sehr leichtes Eigengewicht
  • Warum man vielleicht trotzdem irgendwann das Gepäck erweitert:
    • nicht diebstahlsicher
    • nicht erweiterbar, ein großes Fach (wasserdichte Tüten helfen)
    • Inhalt nicht direkt zugänglich
    • aufschnallen und verzurren dauert je nach Heck immer ein paar Momente

Mein Fazit: Gehört bei so gut wie jeder Reise einfach dazu. Und: Teure Rollen sind ihr Geld schon wert!

Beliebte Kombi: Gepäckrolle als Ergänzung zum Koffersystem (Touratech Rack Pack 30 Liter)

Soft: Große Hecktaschen

Typische Hecktasche von SW-Motech

Eine weitere Möglichkeit, viel Gepäck ohne Träger oder Koffer zu transportieren sind große Hecktaschen. Im Gegensatz zu Gepäckrollen haben sie meist integrierte Riemen und werden wie diese auf dem Soziusplatz und/oder der Gepäckbrücke verzurrt. Daher ist der Inhalt, im Gegensatz zu Gepäckrollen, auch im verzurrten Zustand zugänglich. Sie sind in vielen Formen verfügbar, als mittelgroße oder riesige, weiche Boxen, nach Art einer Gepäckrolle oder als eine Art weiches Topcase (also eher würfelförmig). Außerdem bieten die Hecktaschen oft viele Fächer und Außentaschen, manche erweitern das Packvolumen noch durch seitlich herunterhängende Taschen. Damit passen sie fast an jedes Motorradheck, sind dafür aber auch relativ teurer und können je nach Form nicht ganz so einfach mit anderen Gepäckstücken kombiniert werden. Wie Gepäckrollen sind sie logischerweise weder vor Diebstahl noch vor dem Aufschlitzen geschützt.

  • Warum Hecktaschen ein guter Kompromiss sein können:
    • wetterfest, leicht, universell
    • Mit Unterteilung, Außentaschen und großer Öffnung sehr praktisch
    • teilweise mit Zusatztaschen erweiterbar
    • Inhalt bleibt auch ohne Abschnallen zugänglich
  • Warum sie mich nicht wirklich begeistern:
    • Ggf. höherer Schwerpunkt als bei Gepäckrollen
    • nicht diebstahlsicher
    • verzurren dauert ein paar Momente
    • für das gebotene Volumen meist deutlich teurer als Gepäckrollen
    • Schmutzanfällige Reißverschlüsse sind in der Adventure-Szene zu Recht verpönt

Mein Fazit: Objektiv besser als Gepäckrollen, für mich aber irgendwie eher etwas für Tourer und Naked Bikes.

Soft: Satteltaschen (ohne Kofferträger)

Mit Satteltaschen bleiben Sitzbank und Gepäckträger frei (Enduristan Blizzard L mit angebrachter Zusatztasche)

Satteltaschen werden ebenfalls ohne Gepäckträger am Motorrad verzurrt und stellen daher die leichteste Möglichkeit dar, Gepäck seitlich zu transportieren. In Verbindung mit einer Hecktasche oder Gepäckrolle bekommt man dann schon einiges unter, hält dabei aber das zusätzliche Gewicht und den Schwerpunkt niedrig. Die gezeigten Blizzard von Enduristan passen an (fast) jedes Motorrad und erlauben durch ihre Form viel Bewegungsfreiheit beim Stehendfahren. Viele Seitentaschen sind durch ihre quadratische Form ehrlicherweise praktischer. So oder so, selbst voll beladen bauen die Systeme nicht besonders breit. Zumindest im Vergleich zu Koffern. Das Volumen fällt dafür je nach Modell nicht allzu üppig aus, es gibt jedoch auch deutlich größere Satteltaschen von Giant Loop und Enduristan. Wasser- und staubdicht sind fast alle, entweder durch einen Materialmix oder wasserdichte Innentaschen. Je nach Offroadfokus kommen hier ebenfalls die bewährten Rollverschlüsse oder Reißverschlüsse zum Einsatz. Die Seiten oder Unterseiten lassen sich außerdem häufig Zusatztaschen für Kanister etc. erweitern. Das Verzurren erfolgt meist mit vier integrierten Riemen, daher ist der Inhalt auch hier zugänglich. Um die idealen Verzurrpunkte zu finden, sollte man vor der ersten Fahrt mit Gepäck etwas Vorbereitungszeit einplanen. Selbst dann sitzen die universellen Taschen nie komplett wackelfrei, aber trotzdem sicher. Das Verzurren und Lösen dauert nach etwas Übung nicht länger als eine Minute. So oder so, wenn es mit viel Gepäck in hartes Gelände™ gehen soll, führt kaum ein Weg an Weichtaschen vorbei. Das liegt zum einen am geringen Eigengewicht der Taschen, zum anderen an den fast unvermeidbaren Stürzen: Die Taschen dämpfen Stürze gewissermaßen und schonen damit den Heckrahmen, viel wichtiger aber: sie haben keine harten Kanten und reduzieren damit deutlich das Verletzungsrisiko für den Fahrer. Diebstahlsicher sind sie konzeptbedingt natürlich nicht, abschließbare Draht-Gepäcknetze können auch hier für eine gewisse Sicherheit sorgen. Je nach Lage des oder der Endtöpfe verlangen die Taschen außerdem nach einem Hitzeschild, auch über Kratzer im Lack darf man sich dann nicht ärgern. Leider sind sie auch relativ teuer. Ein „neues“ Konzept, das viele Vorteile gegenüber den „Überwurftaschen“ hat, nutzt beispielsweise Touratech oder Mosko Moto. Dabei wird ein Haltersystem (auch aus „Stoff“) am Motorrad verzurrt, das schnell abgebaut ist, aber im Prinzip am Motorrad bleibt. Links und rechts gibt es dann eine Tasche, in die jeweils ein wasserdichter Packsack geschoben und verzurrt wird. Das ist aufjedenfall praktischer, als die Satteltaschen immer neu verzurren zu müssen. Das Haltersystem bietet auf der Oberseite zusätzlich noch Platz für eine Gepäckrolle, an den Außenseiten sind häufig Schlaufen für Zusatztaschen. Ein Hitzeschild am Auspuff ist aber auch hier meist obligatorisch.

An der Africa Twin: „Reckless“-System von Mosko Moto
  • Warum ich Softbags schätze:
    • günstiger als Koffersysteme
    • so gut wie an jedem Motorrad einsetzbar
    • sehr geringes Eigengewicht, eng anliegend
    • oft noch mit Zusatztaschen erweiterbar
    • durch die geringe Verletzungefahr besonders geeignet für Offroad-Ausflüge
  • Wieso trotzdem nicht jeder mit Weichgepäck durch die Welt fährt:
    • teurer als Gepäckrollen
    • nicht diebstahlsicher
    • je nach Modell wenig Stauraum (aber mit Gepäckrolle kombinierbar)
    • Abstandshalter oder Hitzeschild notwendig
    • Befestigung dauert ein paar Momente (Ausnahme: Holster-Systeme wie im letzten Abschnitt beschrieben)
    • universelle Passform kann auch bedeuten, dass es nicht zufriedenstellend passt

Mein Fazit: Für leichte Motorräder wie meine G 650 X die erste Wahl, sobald man etwas mehr Gepäck braucht.

Soft: Seitentaschen am Kofferträger („Soft Panniers“)

KTM im Enduristan-Ornat. Die Monsoon-Seitentaschen sind mit und ohne Gepäckträger nutzbar

Im Gegensatz zu den typischen Satteltaschen sind diese Seitentaschen explizit für die Kombination mit einem Edelstahl-Kofferträger entworfen und kommen werden daher als Einzeltaschen an den Träger. Für das vernachlässigbare Zusatzgewicht eines Kofferträgers (drei bis vier Kilo) bieten sie deutlich z. T. mehr (mit Gurten anpassbares) Raumangebot, sitzen immer perfekt, wackelfrei und sind meist mit einem Handgriff abgenommen. Hersteller wie Kriega, Mosko-Moto, Wolfman und viele andere bieten dafür entsprechende Platten, die als Basis am Trägergestell dienen. Die Taschen werden dort einfach eingeschoben oder nach oben herausgezogen. Oft sind die Halter für viele Kofferträger anpassbar, manche Taschen passen nur an die herstellereigenenen Stahlrohr-Kofferträger. Kleiner, eigentlich nicht erwähnenswerter (weil rein optischer) Nachteil: Ohne aufgesetzte Tasche sehen die Halter an den Kofferträgern meist sehr blöd aus. Es gibt aber auch Taschen, die sich auf kleine Kunststoffhalter an der Rückseite der Tasche beschränken, was nicht nur für eitle Gockel wie mich Vorteile hat, sondern auch nochmal viel Gewicht spart. Dafür benötigt man kein Hitzeschild am Auspuff… So oder so sind die Taschen oft per integriertem Schloss, Vorhänge- oder Kabelschloss am Kofferträger abschließbar. Einer Klinge haben die meist sehr robusten Materialien jedoch auch nichts entgegenzusetzen. Ein abschließbares Gepäcknetz bliebe auch hier die letzte Möglichkeit, die Sicherheit (und damit auch den täglichen Aufwand) zu erhöhen. Immerhin können sie ja wie beschrieben schnell abgenommen und mit ins Zelt/Hotel genommen werden. Wie Satteltaschen zum Überwerfen sind sie perfekt fürs Endurowandern und heftigere Geländeeinsätze geeignet, durch Rollverschlüsse und Kunststoff-Materialien gibt es auch hier keinen Wassereinbruch zu befürchten. Die Breite hält sich trotz des Trägersystems im Rahmen, somit sind Staudurchfahrten oder enge Trails auch ohne (zusätzlichen) Angstschweiß machbar. Abgesehen davon halte ich die Kombination aus starrem Kofferträger und flatterfrei montierten Seitentaschen (neben den bewährten Alu-Koffern) für die beste Option für längere Reisen. Auch weil die Taschen nochmal Haltepunkte für weitere Taschen oder Werkzeugrollen bieten. In diesem Beitrag findet ihr ein paar aktuelle Beispiele, die für meine GS mit Touratech-Kofferträger in Frage kommen. Bei den Varianten mit Halter sollte man sich allerdings keine große Gewichtsersparnis erhoffen, das nimmt sich teilweise nicht viel zu einem Alu-Koffer.

  • Warum „weiche Koffer“ sinnvoll sind:
    • viel Platz, geringes Gewicht (ohne Halter)
    • schnell abnehmbar (mit Halter)
    • mit Zusatztaschen erweiterbar
    • besonders für Offroad-Ausflüge geeignet
    • z. T. günstiger als feste Koffersysteme
    • zumindest teilweise abschließbar (mit Halter)
    • Kofferträger sind ja womöglich eh schon vorhanden
  • Warum sie nicht perfekt sind:
    • sehr teuer, schon der Kofferträger kostet 200 bis 300 Euro
    • schützt den Inhalt weniger als ein Alu-Koffer
    • immer noch aufschlitzbar
    • mit fester Halteplatte teilweise ähnlich schwer wie Alu-Koffer

Mein Fazit: Für Reisen mit hohem Offroad-Anteil eine starke Alternative zum Alu-Koffer.

Hard: Koffersysteme aus Kunststoff

Adventuresk gestylte, sehr eng anliegende BMW Variokoffer; Old-School-Plastikkoffer aus dem Zubehörmarkt

Kunststoff-Koffer sind der Standard bei Tourenmotorrädern und, wenn nicht sowieso Serie, meist Teil des Zubehörangebots. Sie benötigen zwar ebenfalls Halter, diese sind aber in der Regel dezent und im Heck integriert. Auch die Koffer selbst fügen sich sehr schlank ans Heck, was nicht nur gut aussieht, sondern auch die Handlingnachteile minimiert. Sie sind wetterfest, zumindest für Gelegenheitsdiebe unattraktiv und meist mit dem Zündschlüssel auf- und zuschließbar. Bei manchen Herstellern (v. a. die bekannten Varios von BMW) sind die Koffer in der Breite verstellbar. Durch die an Heck und Auspuff angepasste Form fällt das Volumen meist nicht besonders üppig aus, je sportlicher geschnitten, desto lächerlicher das Platzangebot. Die Öffnung zur Seite sehen viele als Nachteil an, ebenso dass die Koffer meist nur hingelegt und nicht abgestellt werden können. Dafür sind sie schnell an- und abgebaut und benötigen normalerweise keine Innentaschen, auch wenn diese oft angeboten werden. Damit eignen sich die schlanken (und meist hübschen) Koffer für normales Touring mit Hotelübernachtungen. Für Fernreisen, schlechte Pisten und Gelände sind sie eher ungeeignet. Die Koffer sind zwar nicht aus Pappe, aber die Halterungen empfindlich und nach einem Sturz oft irreparabel. Viel leichter als Alu-Koffern sind sie ohnehin nicht, nur durch das fehlende Trägermaterial spart man ein paar Kilo. Womöglich sind sie auch robuster als ihr Ruf und ihr Aussehen, ehrlicherweise entscheiden sich auch viele (mich eingeschlossen) aus optischen Gründen gegen Plastikkoffer.

Eine erwähnenswerte Sonderform sind „robuste“ Outdoor-Kunststoffkoffer wie die berühmten Peli-Cases, die als Motorradkoffer zweckentfremdet werden können. Sie dürften einiges wegstecken, sind in vielen Größen erhältlich und von Haus aus wasserdicht, staubdicht und sicherlich auch abschließbar, verlangen aber ebenfalls nach einem Kofferträger. Damit sind sie, wie Eigenbau-Koffer aus Alu oder umgebaute Munitionskisten eine Alternative, spielen für die Masse der Motorradreisenden aber nicht wirklich eine große Rolle. Eigens für Motorradreisen entwickelte, robuste Koffer wie die berühmten Gobi-Koffer von Hepco & Becker können eine Alternative zu Alu-Koffern sein. Wie diese benötigen sie ebenfalls einen Kofferträger, einen Gewichtsvorteil dürften sie aber nicht wirklich haben.

  • Warum man sich über beim Kauf enthaltene Tourenkoffer freuen kann:
    • perfekt integriert (inkl. gleicher Schlüssel), relativ schlank (außer bei „gehärteten“ Kunststoff-Koffern)
    • gutes Design
    • abschließbar, schnell an- und abgebaut
    • in der Regel sehr dezente Kofferhalter (außer bei den „gehärteten“ Kunststoff-Koffern)
    • mittelgroßes Volumen, teilweise erweiterbar
  • Weshalb sie irgendwann doch bei ebay landen könnten:
    • hohes Leergewicht (rund 3 bis 5 Kilogramm pro Koffer)
    • als Nachrüstlösung teuer (aber günstiger als Alu-Koffer)
    • Nachteil der designlastigen Form = stehen nicht von selbst, geringes Packvolumen
    • nicht besonders geländetauglich (Ausnahme: „gehärtete“ Koffer)

Mein Fazit: Super für Tourer, aber bitte nicht an einer Enduro. Da pflege ich meine Vorurteile.

Noch harder: Koffersysteme aus Aluminium

Hier könnte Ihre Werbung stehen: Die Koffer bieten viel Platz für Sticker

Alu-Koffer werden offensichtlich gleichermaßen geliebt wie belächelt, verteidigt wie angefeindet. Grundsätzlich verteufeln oder als Poser-Equipment abtun sollte man sie sicherlich nicht, denn der Erfolg hat, wie bei gewissen Motorrädern, sicherlich nicht nur etwas mit Marketing zu tun. Der Anteil derer, die damit tatsächlich auf Fernreisen unterwegs waren, stützt diese Behauptung. Was sind also die Gründe, warum Motorradfahrer um die 1000 Euro ausgeben und im Anschluss rund 15 Kilogramm Zusatzgewicht (ohne Inhalt) ans Motorrad schrauben? Alu-Koffer sind robust, wetterfest, abschließbar und ungeheuer praktisch: Sie lassen sich von oben beladen, bieten eine rechteckige Grundform und sind darüber hinaus als Hocker, Tisch, Ablage oder als Aufbockhilfe bei einer Panne zu gebrauchen. Mit Laschen an den Deckeln sind sie meist noch erweiterbar, können etwa weitere Taschen oder Gepäckrollen aufnehmen. Die breiten Rückseiten werden außerdem gerne genutzt, um Flaschen- oder Kanisterhalter anzubringen. Damit eignen sie sich also vor allem für lange Touren oder Reisen mit Campingausrüstung. Uncool, aber ein Vorteil für alle, die kein Auto besitzen: Einkaufen gestaltet sich damit wesentlich einfacher, als mit anderen Gepäckstücken. Ihre solide Form kann zudem die Besatzung vor Anremplern schützen, der ggf. sensible Inhalt wird hier bei Umfallern am besten geschützt.

Ein breites Heck lässt sich kaum verhindern. Viele Hersteller bieten dafür verschiedene Koffergrößen an

Bei Stürzen im Gelände werden all diese Vorteile aber zum Nachteil: Zwar stützen sie das Motorrad gewissermaßen auch, können aber ihrer unnachgiebigen Struktur nach auch Füße oder Beine verletzen. Mitunter schaden sie auch dem Heckrahmen, denn die Kofferträger können (ähnlich wie Sturzbügel) die Energie nicht absorbieren. Die Koffer selbst stecken das meist gut weg, können meistens auch wieder in Form gedengelt werden. Wenn die Boxen nicht ohnehin schnell abgenommen werden können, bieten sich Innentaschen an, die den Inhalt zudem vor Abrieb des Alus schützen. Wer nicht gerade eine Ikea-Tasche nutzt und etwas passendes möchte, zahlt damit nochmal 100 bis 200 Euro drauf. Bei eloxierten Koffern soll das aber kein Thema mehr sein. Zu den bereits genannten Nachteilen kommt noch der offensichtlichste: Durch den notwendigen Kofferträger wird das Heck je nach Motorrad ganz schön breit. Das lässt sich teilweise durch die gewählte Koffergröße abmildern. Beliebt sind daher schmalere Koffer für die Auspuffseite und breitere für die andere Seite. Klassische Formate liegen jedoch zwischen 30 bis 45 Liter Volumen, teilweise auch mit modellspezifischem Ausschnitt für den Auspuff (z. B. die Koffer für BMW Adventure Modelle). Wer sich dagegen für die universellen, quadratischen Boxen entscheidet, benötigt dafür bei einem neuen Motorrad nur einen neuen Kofferträger. Bei den vor über 30 Jahren noch häufig selbst angefertigten Koffern gibt es mittlerweile große Unterschiede in der Ausstattung und beim Design. Von zweckmäßigen Alu-Boxen bis zu „rollenden Werkzeugkästen“, von relativ dünnwandigen Koffern bis zu vermutlich beschusssicheren Exemplaren. Schön im klassischen Sinne sind auch die Kofferträger aus Edelstahl nicht, viele sehen meiner Meinung nach (wie die Koffer selbst und manche Schutzteile) jedoch regelrecht überdesignt aus. Das ist jedoch, wie bei allen Gepäckstücken, Geschmackssache. Schlussnotiz: Viel Stauraum lädt auch dazu ein, viel einzupacken… Ob das nun ein Vor- oder Nachteil ist? Fairerweise sei noch gesagt, dass auch Alu-Koffer keineswegs hundertprozentige Sicherheit bieten. Mit dem passenden Werkzeug sind die Verschlüsse vermutlich schneller aufgehebelt, als einem lieb ist.

  • Warum ich zum Alu-Koffer-Fan geworden bin:
    • Praktische Form mit viel Stauraum, können an neues Motorrad gebracht werden
    • unverwüstlich und meist reparierbar
    • abschließbar, damit perfekt für Solo-Reisen
    • wetterfest und pistentauglich (eingeschränkt geländetauglich)
    • als Hocker / Tisch / Aufbockhilfe nutzbar, besonders bei Fernreisen oder Camping
    • mit Zusatzhaltern oder Taschen erweiterbar
    • „looks the business“
  • Warum das sechs Jahre gedauert hat, nach wie vor berechtigte Kritikpunkte:
    • sehr teuer (allein Kofferträger und Koffer kosten neu mindestens 750 Euro)
    • hohes Leergewicht (rund 4 bis 6 Kilo je Koffer, Kofferträger um die 4 Kilo)
    • bauen je nach gewählten Koffergrößen sehr breit
    • erhöhen die Verletzungsgefahr in schwerem Gelände
    • Alu-Abrieb, sofern nicht eloxierte Koffer oder Innentaschen genutzt werden
    • „looks the business“

Mein Fazit: Für Globetrotter oft die erste Wahl, für mich überwiegen die Vorteile auch auf kürzeren Reisen.

Fazit

Wie schon angedeutet gibt es auch hier kein einfaches „Entweder – oder“ und, ich wiederhole mich, sicherlich nicht „das Beste“. Denn wer minimalistisch unterwegs ist, kann wochenlang mit einer Gepäckrolle verreisen. Wer aber monatelang verreist, oder auch mal Fotoausrüstung und Laptop, Zelt und Schlafsack dabei hat, tut sich damit schwer und investiert vielleicht lieber in ein Kofferset, das gebraucht auch gar nicht mehr so teuer sein muss. Je nach Motorrad und Urlaub lässt sich das Gepäck nahezu beliebig kombinieren. Auch „weiche“ Koffer sind ein guter Kompromiss, die höchstens Nachteile haben, wenn das Motorrad mal länger irgendwo abgestellt wird. Ein Kofferträger macht sich also auch mit Weichgepäck bezahlt und gehört gewissermaßen auch zum Charme einer Reise-Enduro. Wer nur in der Wildnis unterwegs ist, hat damit kein Problem. Meine Gründe für Alu-Koffer lagen vor allem im begrenzten Volumen meiner Softbags und den Erfahrungen der letzten längeren Tour nach Griechenland. Insbesondere habe ich die Möglichkeit vermisst, meine Fotoausrüstung abschließen zu können. Daher habe ich mir jetzt gebrauchte Touratech-Koffer besorgt. Die sehr simpel und zweckmäßig aussehenden Zegas der ersten Generation gefallen mir ohnehin besser als die aktuelle Pro- und Evo-Serie, von Modellen anderer Hersteller ganz abgesehen. Für einen Wochenendtrip oder Urlaub ohne Zelt nutze ich trotzdem nach wie vor gerne meine Gepäckrolle. Oder eben eine Kombination aus „Hard und Soft“. Es lebe die Vielfalt und der Kompromiss. Abschließen möchte ich trotzdem mit einer Faustformel: Je höher der Geländeanteil, desto weicher sollte das Gepäck sein. Daher erwäge ich, mir Seitentaschen zu kaufen, die an den Kofferträger meiner GS passen. So kann ich je nach Reiseziel oder Laune zwischen Alu-Koffer oder weichen Taschen wählen.

Im Reisealltag, wenn man „vom“ Motorrad lebt, relativiert sich so einiges

Als Rausschmeißer noch ein (englisches) Video vom geschätzten Bret Tkacs:

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