Long Way Down

Nach Long Way Round (2004) und dem Intermezzo Race to Dakar folgte 2007 die zweite, große Motorradtour der Schauspieler Charley Boorman und Ewan McGregor. Wer nicht schon vorher auf Enduroreisen stand und nicht durch „LWR“ dazu kam, wurde nun wieder in Versuchung geführt. Wie der Titel bereits andeutet, startet die Reise dieses Mal am nördlichsten Punkt Schottlands und führt das Duo bis nach Südafrika. Wer die erste Serie mochte, wird auch mit diesen zehn Episoden viel Freude haben. Nachdem ich nun alle drei Serienteile hintereinander gesehen und parallel dazu die Bücher gelesen habe, wollte ich auch diesen Versuch einer Rezension gründlich überarbeiten.

Keine Sorge, die DVDs haben eine bessere Bildqualität als dieser Trailer (Youtube / MCN)

Das Fortsetzungs-Dilemma

Wie bei anderen erfolgreichen Werken stehen Fortsetzungen immer vor gewissen Herausforderungen und Erwartungen. Im Idealfall identifizieren und behalten sie die Stärken des ersten Teils. Es besteht aber auch die Gefahr, dass die Balance abhanden kommt, Unnötiges aufgepumpt wird und das Werk eigentlich nur im Sog des Vorgängers funktioniert. Long Way Down nutzt im Wesentlichen die gleiche Formel wie Long Way Round. Ewan und Charley trommeln das gleiche Produktionsteam zusammen und sichern sich jede Menge Sponsoren. Um, wie es heißt, „auf dem Weg bzw. nebenbei Gutes zu tun“ füllen auch zahlreiche Termine bei UNICEF oder anderen sozialen Projekten den engen Zeitplan, mehr noch als im Vorgänger. Die Route ist beachtlich: Großbritannien, Frankreich, Italien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Sudan, Äthiopien, Kenia, Uganda, Ruanda, Tansania, Malawi, Zambia, Namibia, Botswana und schließlich Südafrika. Im Vergleich zur ersten Weltreise werden die Monate der Vorbereitung spürbar eingedampft, was einen besseren Fluss in die Geschichte bringt, die ganze Produktion aber professioneller und etwas kommerzieller wirken lässt. Die Grundkonstellation ist die selbe: Charley, Ewan und Kameramann Claudio fahren meist im Trio, die Supportcrew (die Produzenten Russ und David, Kameramänner und ein Rettungssanitäter) reisen in zwei Jeeps hinterher. Eine kleine Besonderheit ist, dass Ewans Frau Eve einen Teil der Tour mitfahren möchte. Das sorgt zumindest in der Vorbereitungsphase für sichtbare Kontroversen, wurde aber bei Fans häufig größer aufgeblasen, als es dann war. Nach nur wenigen Fahrstunden begleitet sie die beiden auf einer F 650 GS durch Malawi und Zambia. Das darf man ihr auch einfach gönnen. Unvergesslich bleibt trotzdem der durch den Schnitt gesetzte Kontrast: Ewan und Charley pflügen mit der HP2 Enduro durch die Offroadschule in Wales, Eve eiert mit einer Fahrschulhonda um Pylonen. Aber hey, so hat jeder und jede mal angefangen. Ewans gebrochener Knöchel schafft einen künstlichen Cliffhanger, bevor sie in der zweiten Folge Richtung Schottland aufbrechen. Denn dank ihres Londoner Hauptquartiers samt Team schaffen Ewan und Charley mal wieder in wenigen Wochen, wofür andere Monate oder Jahre brauchen:

  • Motorräder mit Touratech-Goodies in beneidenswerter Werkstatt ausrüsten
  • Zwei Tage Offroad-Fahrtraining in Wales (und Fahrstunden für Eve)
  • Campingausrüstung zusammenstellen
  • Routenplanung
  • Grundlagen für Wartung und Reparatur schaffen oder auffrischen
  • Survival- und Fitnesstraining
  • Klärung aller Formalitäten, insbesondere Carnets und Visa
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Ewans R 1200 GS Adventure im Museum in Glasgow (© Stephen C. Dickson / Wikipedia CC BY-SA 4.0*)

Ein weiteres Abenteuer

Die Reise startet schließlich im Mai 2007 in John O’Groats. Nach Übernachtung auf der Rennstrecke Silverstone und langweiligem Dauerregen auf französischen Autobahnen stehen die beiden schnell am berühmten roten Werkstor von Moto Guzzi und dürfen ein paar Runden auf der alten Teststrecke drehen. Schon in Italien wird der enge Zeitplan spürbar, den sich das Team auferlegt hat. Über Siena, Rom und die wunderschöne Amalfi-Küste erreicht die Gruppe Sizilien, wo die Motorräder schließlich umbereift werden. Auf der Fähre nach Tunesien werden Vorfreude auf den großen Kontinent, aber auch Sorgen spürbar. Im Eiltempo geht es weiter, und trotzdem wäre man gerne dabei, wenn die beiden römische Ruinen oder das ehemalige Star Wars Set besuchen, der wohl berühmteste Wohnkrater der Welt. Wer es nicht schon durch die Bildqualität der Onboardkameras gemerkt hat, wundert sich spätestens in Libyen, wie lange 2007 schon her ist. Unübersehbares Oberhaupt war damals noch Ghadhafi, Nordafrika und Syrien noch relativ stabile Reiseziele. Mit der Fähre in den Sudan startet die nächste Phase, die Farbpalette ändert sich mit jeder Grenzüberquerung, in Äthiopien wird es erstmals wieder grün und nass. Der Hauptgegner für die schweren GS und ihre Besatzung bleibt trotzdem Sand in allen Farben und sämtlichen Mahlgraden. Größere Probleme oder Pannen bleiben aus, nur die Federbeine werden immerhin so häufig gewechselt, dass der Wechsel zum Ende der Reise in „ten minutes flat“ klappt. Zur Ehrenrettung erfährt man zumindest im Buch, dass darunter auch Austauschfederbeine eines gewissen schwedischen Herstellers waren.

Licht und Schatten

Landschaftlich und kulturell scheint jedes weitere Land das vorherige zu toppen, die Menschen wirken bis auf wenige Ausnahmen freundlich, interessiert, höflich, neugierig und bereit zu teilen, obwohl sie selbst wenig besitzen. Gleichzeitig stellt man sich dabei diese gewaltige Entourage vor, die in diese kleinen Dörfer einfällt. Mit Motorrädern, Jeeps, drei Kameraleuten und einem lokalen „Fixer“, der immer als Übersetzer und Problemlöser für Polizei und Grenzen dabei ist. So auch bei den zahlreichen UNICEF-Projekten. Sie zeigen immerhin, welche schwierige Geschichte hinter den Menschen liegt, geben aber auch Hoffnung. Der Zweck heiligt in diesen Fällen sicherlich die Mittel, gibt der Doku vielleicht einen Sinn über die reine Unterhaltung hinaus. Trotzdem wundert man sich, wenn dort teuer ausgerüstete Zwei- und Vierräder stehen und daneben Menschen sitzen, für die ein paar Dollar, eine Impfung oder ein Moskitonetz den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten können. Bevor man jedoch sein westliches Lebensmodell komplett in Frage stellt, zerstreuen wieder bombastische Landschafts-, und Tieraufnahmen oder afrikanische Sonnenuntergänge die Sorgen. Und so setzt sich die Reise fort, durch Nationalparks, durch ein Afrika voller Schönheit und Widersprüche. Im Schlussinterview sagt Ewan, sie hätten lediglich die Oberfläche angekratzt. Anders kann es auch nicht sein, selbst auf einer Reise über 80 Tage. Und trotzdem sieht man Afrika danach vielleicht mit anderen Augen. So wirkt auch Charleys Fazit glaubwürdig, dass sie Menschen für diesen Kontinent begeistern wollten. Als Hardcore-Reisender mag man all das belächeln und nicht authentisch finden (um es nett auszudrücken), die trotzdem auftretenden (teilweise auch selbst verschuldeten) Strapazen der Reise und die sehenswerte Aufbereitung kann man der Produktion jedoch nicht absprechen. Daran ändert auch die heutige Bildqualität der GoPro-Reisenden auf Youtube nichts. Nebenbei: Wie bei bei Long Way Round begleitet auch hier ein sehr gut ausgewählter Soundtrack die Bilder. Deutlich afrikanischer, aber eben nicht nur.

Immer noch gut

Long Way Down gilt oft als die weniger sehenswerte Serie. Das mag an gewissen Routinen liegen, den größeren Sicherheitsvorkehrungen oder auch dem größeren Zeitdruck geschuldet sein. Mir ging es ähnlich. Long Way Round konnte ich jedes Jahr anschauen, es wurde mir nie langweilig. Long Way Down habe ich oft bei der mittleren DVD abgebrochen, ohne wirklich sagen zu können, warum. Teilweise lag es daran, dass mich Nordafrika mehr fasziniert, als große Teile Mittel- und Südafrikas. Warum auch immer. Dieses Mal, ein paar Tage vor dem Schreiben dieser Zeilen, konnte ich es kaum erwarten, die DVD wieder zu starten. Gleichzeitig habe ich abends nach- oder vorgelesen, und so noch mehr Details der Reise aufsaugen können. Am Ende fühlte ich mich an meine bisher längste Reise erinnert: Drei Wochen Italien und Griechenland. Wohl kaum vergleichbar, aber trotzdem spürte ich einen Teil dieser Melancholie, wenn man nachhause kommt, die Reise zu Ende ist und wieder die Routinen des Alltags übernehmen. Ich verstehe nach wie vor, wenn man Long Way X nichts abgewinnen kann. Mir ist das egal, für mich ist die Serie mehr als die Summe seiner Videominuten. Und nach 13 Jahren gibt es endlich einen neuen Teil. Zum Glück habe ich die Serien erst 2014 entdeckt…

Eine schöne Bildauswahl zu Long Way Down (sowie allen anderen Teilen) gibt es auf der offiziellen Webseite.
Aus urheberrechtlichen Gründen kann ich leider kein Bildmaterial direkt in den Beitrag einbinden.

* Quelle:
Stephen C. Dickson für Flickr / Wikipedia / CC BY-SA 4.0 (https://en.wikipedia.org/wiki/File:Ewan_McGregor’s_motorbike_from_%22long_Way_Down%22,_now_in_the_Riverside_Museum,_Glasgow.JPG)

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