Long Way Round

Long Way Round ist noch heute eine der bekanntesten Motorrad-Reisedokus. Dass die Serie von 2004 angeblich zahlreiche Fans auf das Motorrad brachte, scheint nicht übertrieben. Und diejenigen, die schon einen Führerschein hatten, führte der Weg nicht selten zur BMW R 1150 GS Adventure. Auch ich kann mich davon nicht gänzlich freimachen. Die Entscheidung für den Direkteinstieg zur Klasse A stand zwar schon vorher fest. Doch all die Vorfreude bis dahin, die Modellsuche, Spaß am Schrauben und Fernreisefieber verdanke ich mitunter auch Ewan McGregor, Charley Boorman und Claudio von Planta. Spätestens jetzt, nachdem der dritte Teil veröffentlicht wurde, ist es an der Zeit, meinen ersten Versuch einer Rezension gründlich zu überarbeiten.

Da es bis heute keinen offiziellen Trailer gibt, muss es der Vorspann eben richten (Youtube / MCN)

Prep-Phase

Die Entstehung ist schnell umrissen: Charley Boorman und Ewan McGregor lernten sich bei Dreharbeiten kennen und freundeten sich an. Wohl auch, weil sie mit dem Motorradfahren schnell ein gemeinsames Thema fanden. Für 2003 planten sie dann eine größere Tour, die eigentlich nach Spanien gehen sollte. Daraus entstand dann Stück für Stück die Idee, mit dem Motorrad von London nach New York zu fahren. Um sich die Reise in Erinnerung zu halten, wollten sie ihre Erlebnisse auch filmen. So wurde aus der Motorradtour ein umfangreiches Projekt, das als DVD und Buch veröffentlicht werden sollte. Kritik, dass sich da zwei steinreiche Schauspieler ihre Abenteuerreise bezahlen lassen wollen, blieb selbstverständlich trotzdem nicht aus. Aber wer die Serie gesehen hat, wird diesen Eindruck nicht teilen, trotz einer Fülle an Sponsoren. Die größte Entscheidung betraf das Expeditionsfahrzeug. Eine gewisse Berühmtheit erlangte die Szene, in der Charley ein KTM-Poster von der Wand reißt, zerknüllt und wütend in den Abfalleimer wirft. Trotz Charleys Begeisterung zog sich KTM aus dem Deal zurück. So griffen sie auf das BMW-Angebot zurück und die 1150 Adventure wurde zum vierten Star der Serie. Obwohl kleine und größere Schäden nicht ausblieben. Aus heutiger Sicht war das Risiko für BMW vermutlich auch viel geringer, als für KTM, die mit der damaligen 950 Adventure gerade ihre erste Zweizylinder-Enduro auf die Räder gestellt hatten.

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Charleys 1150 GSA (© Phil Guest / Wikipedia CC BY-SA 2.0*)

Bevor es dazu kommt, führen die ersten beiden Folgen durch die monatelange Vorbereitung. Bereits das ist ein Genuss zum Mitfiebern, was auch an der Dynamik und Harmonie aller Beteiligten liegt. Zum Kernteam zählen auch Producer Russ Malkin und David Alexanian und besagter Kameramann Claudio, der schon in wesentlich heftigeren Einsätzen unterwegs war. Trotzdem steht zwischen ihm und der Teilnahme noch eine britische Fahrprüfung. In den Wochen der Vorbereitung passiert das, was Normalreisende nur in Monaten oder Jahren schaffen:

  • Motorräder besorgen und anpassen, natürlich in einer hübschen Werkstatt
  • Offroad-Fahrtraining
  • Campingausrüstung zusammenstellen
  • Routenplanung
  • Grundlagen für Wartung und Reparatur schaffen oder auffrischen
  • Erste-Hilfe-Kurs, Impfungen und Gesundheitscheck
  • Klärung aller Formalitäten, insbesondere Carnets und Visa
  • Kompakte Sprachkurse und intensives Fitnesstraining

Trotz aller Inszenierung und einem Stab an Mitarbeitern sieht man beiden ganz ohne Neid einfach gerne zu, stöbert parallel nach hübschen Teilchen für das Motorrad und zieht daraus vielleicht auch etwas Vorfreude für die nächste Schraubersession.

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Der ehemalige Workshop in der Bulwer Street, aufgenommen im Juni 2015

„Get me out of fuckin‘ London“

Die Reise startet schließlich im April 2004 auf zwei bzw. drei vollbepackten BMW R 1150 GS Adventure, die bereits ohne Zusatzgepäck gute 280 Kilogramm wiegen. Vom Workshop in der 25 Bulwer Street ausgehend fuhren die beiden über Belgien und Deutschland (vorbei am Nürburgring) nach Tschechien und über die Slowakei. Bei allen Aufnahmen merkt man, wie sehr man sich an HD-Bilder omnipräsenter GoPro-Kameras gewöhnt hat. Das stört jedoch nicht wirklich, zumal die Bord- und Helmkameras die hübschen Aufnahmen der Claudio-Cam nur ergänzen. Während Russ, David und weitere Teammitglieder in zwei Begleitfahrzeugen folgen, ist Claudio auf einer dritten GS unterwegs und begleitet Ewan und Charley. Selbst im Europateil der Reise kommt gut rüber, dass die beiden keinen normalen Urlaub vor sich haben, sondern eine große Reise. Die etwas umfangreichere Grenzkontrolle in Tschechien erinnert mal wieder eindrucksvoll daran, wie lange 2004 (und die Nicht-EU-Mitgliedschaft Tschechiens) schon her ist. Bei diesen Gelegenheiten sieht man auch wieder Russ, David und Zweitkameramann Jimmy. Auch die ein oder andere Sehenswürdigkeit nehmen die beiden mit, so etwa Prag oder die Church of Bones. Abenteuerlicher wird es in der Ukraine und spätestens in Kasachstan und dem ersten Russland-Transit. Die erzählerischen und bildgewaltigen Highlights liegen defintiv in dieser Phase der Reise, die über die Mongolei nach Sibirien bis nach Magadan führt. Ein heftiger Sturz eröffnet einen Nebenplot, bei dem Claudio zeitweise auf einem mongolischen Fabrikat unterwegs ist und Kreise um Schlaglöcher und die schweren BMW fährt. Wenn der „Red Devil“ nicht gerade wieder repariert werden muss. Dass die GS schwer und überladen waren, das wussten alle Beteiligten sicherlich selber. Neben einem reinen Erlebnisbericht bietet das Filmmaterial auch komplett neue Blickwinkel auf Länder, die man vorher höchstens auf dem Globus kannte. Beim Zelt aufschlagen in der kasachischen Steppe bekommt dann auch der letzte Stubenhocker Lust aufs Reisen. Das Beiwerk wird weniger touristisch, aber nicht weniger interessant. Charley und Ewan besichtigen unter anderem eine Mine in der Ostukraine, den Aralsee, lernen mongolische Bräuche kennen, werden in einer Banja durchgewalkt, besuchen UNICEF-Hilfseinrichtungen und schmuggeln sich an Bord eines sibirischen Zugs, bis sie dann irgendwann auf einer eingestürzten Holzbrücke stehen und unter ihnen nur das reißende Schmelzwasser des Winters vorbeirauscht.

Der Flug nach Alaska offenbart einen Kulturschock, der sogar durch das Zusehen vorstellbar und greifbar wird. Hier Fertigfutter aus dem Campingkocher und große Hilfsbereitschaft trotz Sprachbarriere, dort Hyper-Konsum. Der letzte, für sich genommen immer noch gewaltige Abschnitt nimmt bedeutend weniger Platz auf den DVD ein. Eine gute Entscheidung, denn man wird das Gefühl nicht los, sich nicht nur als Zuschauer nach Wildnis, Stollenreifen und Charley und Ewan in verschlammten Rallye-Anzügen zurückzuwünschen. Die Reise ist noch nicht zu Ende, aber irgendwie doch schon vorbei. Trotzdem folgt man den beiden auch durch die letzten Folgen. Durch Kanada und die USA, auf Straßenreifen, auf Pferden, auf grotesken Orange County Choppern, bis nach Nu Joohk.

Langer Schatten

Nach 31 000 km und dreimonatiger Reise erreichten sie New York im Juni 2004. Das haben andere zuvor, und andere danach geschafft, aber selten so unterhaltsam aufbereitet. Aber andere haben selbstverständlich in den seltensten Fällen so viele Sponsoren und eine Support-Crew. Das schmälert den Sehgenuss, zumindest für mich, trotzdem nicht im geringsten. Meiner Meinung nach ist Long Way Round nach wie vor eine sehr sehenswerte Reisedoku, die für mich zum Pflichtprogramm im Winter geworden ist, spätestens, wenn ich ein oder zwei Tage krank im Bett liege. Die Kritik an der Produktion, den vermeintlichen Wannabe-Abenteurern sowie der gesamten Inszenierung kann ich nicht nachvollziehen. Das Projekt und die Entstehung werden relativ transparent gezeigt, der Rest ist nunmal Marketing. Mit dem Erfolg der Serie folgten später weitere (Solo-)Projekte, die mal mehr, mal weniger gelungen sind. Bereits 2007 erschien „Long Way Down“ in ähnlicher Machart, bis zum Nachfolger „Long Way Up“ vergingen jedoch lange 13 Jahre bis zum Release auf Apple+. Bereits 2019 tauchten vereinzelte Fotos aus Südamerika auf. Ich hoffe jedoch noch auf einen DVD-Release. Immerhin, wer Apple+ nutzt, kann wenigstens die anderen Teile auch sehen. Mehr zu den anderen Teilen folgt noch in anderen Beiträgen, die ich nach vier Jahren ebenfalls kräftig überarbeiten möchte.

Wer sich ein eigenes Bild des wichtigen, ersten Teils machen möchte, sollte das in Verbindung mit dem Buch und dem sehr guten Soundtrack machen, der zudem eine perfekte Begleitung für einen Werstkattabend abgibt. Ich empfehle außerdem unbedingt die zehnteilige Special Edition, die viel Zusatzmaterial enthält. All das kostet heute nicht mehr viel Geld. Die Folgekosten könnten jedoch wesentlich höher ausfallen.

Eine Bildauswahl zu Long Way Round (sowie allen anderen Teilen) gibt es auf der offiziellen Webseite.
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*Quelle:
Phil Guest für Wikipedia / Flickr / CC BY-SA 2.0 (https://de.wikipedia.org/wiki/Long_Way_Round#/media/File:BMW_R1150GS_Charley_Boorman_Long_Way_Round.jpg)