Enduroreifen – Ein ewiger Kompromiss

Den besten Reifen gibt es nicht. Es kommt, wie immer, darauf an. „Was kann ich?“ und „Was will ich?“ sind schon mal zwei Fragen, die man für sich beantwortet haben sollte, bevor hitzige Internetdebatten und PR-Prosa konsultiert werden. Dennoch versuche ich hier ein paar Grundsätze zu umreißen. Die Kurzfassung gibt es vorab: Kauft euch das, worauf ihr Lust habt.

DSC_0293.JPG

Von – Bis. Das Profildesign ist schonmal ein guter Indikator…

Da sich bereits beim Begriff „Gelände“ die Geister scheiden, werden Enduroreifen meist in drei oder vier Kategorien eingeteilt, bei denen die Übergänge entsprechend fließend sind. Teilweise könnte man die Kategorien nochmal in A und B unterteilen, je nach Orientierung Richtung Straße oder Gelände. Ob ein Reifen die an ihn gestellten Erwartungen erfüllen kann, hängt aber nicht nur von den rein materiellen Eigenschaften (Art des Profils und Gummimischung) des Pneus ab. Auch der Untergrund und dessen Beschaffenheit von hart über sandig bis matschig entscheidet über die Traktion. Das Absenken des Luftdrucks kann den Vortrieb im Gelände und bei Schnee zusätzlich verbessern, bei Schlauchreifen erhöht sich dabei allerdings auch die Gefahr einer Reifenpanne. Den größten Einfluss dürften nach wie vor Moped und Fahrer haben. Weshalb Erfahrungsberichte per se nur einen begrenzten Wert haben können.

Bei jedem Modell werben Hersteller mit Angaben zur Straßen- und Geländeeignung, beispielsweise 70 % Gelände und 30 % Straße. Diese bieten eine grobe Orientierung und oft bedeuten Vorteile auf der Straße einen genau entgegengesetzten Nachteil im Gelände und umgekehrt. Die Vorteile werden aber erst mit einer gewissen Dynamik (Geschwindigkeit oder Kurven, Stichwort Seitenführung) spürbar. Was auf der Straße gut bremst, bremst im Gelände schlecht und umgekehrt. Schräglagen auf Asphalt sind oft vergleichbar, Feedback und Nässetauglichkeit kann zum Teil deutlich schlechter ausfallen. Als eindrucksvolle Größe habe ich daher mal die Bremswege (trockene Straße, 100 km/h) für eine R 1250 GS herausgesucht und den jeweiligen Kategorien zugeordnet. Die Daten stammen aus dem Top Test bzw. dem Reifentest von MOTORRAD.

Bridgestone A41: 40,2 Meter (Enduro-Straßenreifen)
Mitas E-07+: 43,3 Meter (Allrounder)
Continental TKC 80: 45,4 Meter (Grobstoller)
Pirelli Scorpion Rally / Metzeler Karoo 3: 45,9 Meter (Grobstoller, Tendenz Richtung Straße)
Michelin Anakee Wild: 48,2 Meter (Grobstoller, Tendenz Richtung Offroad)


Enduro-Straßenreifen (ca. 90 % Straße, 10 % Gelände)

Obwohl Enduroreifen dieser Art bereits mehr Negativprofil als normale Tourenreifen besitzen, bleibt ihr Haupteinsatzzweck die Straße. Daher sind sie oft ab Werk auf neuen Reiseenduros aufgezogen. Schotterwege und trockenes Geröll sind damit ohne Probleme befahrbar. Wird es aber lehmig, feucht oder sandig wird ein Vorwärtskommen zur Rutschpartie. Und sogar auf Feldwegen fordern lange Bremswege und schlechte Seitenführung eine vorausschauende Fahrweise. Auf der Haben-Seite steht natürlich die Performance auf Asphalt, der Fahrkomfort, die lange Lebensdauer, sehr gute Bremswerte und die besten Fahreigenschaften bei jeder Witterung. Für Vielfahrer-Enduristen, die nur ab und zu auf Schotter- oder Waldwegen fahren, sind diese Reifen ideal. Sie halten in der Regel auch sehr lange, teilweise über 10 000 Kilometer.

DSCN2248b

Pirelli Scorpion Trail 2 (R 1200 GS)

Typische Vertreter dieser Kategorie sind unter anderem: Continental Trail Attack 2 und 3, Dunlop Trailmax, Michelin Anakee II und III, Metzeler Tourance und viele mehr. Ein klein wenig mehr geländeaffin geben sich Continental TKC 70 und Michelin Anakee Adventure.


Allzweckreifen (ca. 60 % Straße, 40 % Gelände)

Die Reifen dieser Kategorie sind als klassischer Kompromiss zu verstehen. Sie glänzen mit Vielseitigkeit, sind in den einzelnen Teildisziplinen jedoch reinen Spezialisten unterlegen. Anders gesagt: Auf der Straße fahren sie, klar, schlechter als Straßenreifen, aber besser als grobstollige Reifen. Für das Gelände entsprechend andersherum. Das Profil ist daher auch deutlich gröber, die Blöcke sind jedoch oft noch pfeilartig angeordnet. Je nach Reifendimension sind teilweise auch Mittelstege verbaut. Diese erhöhen zusätzlich die Laufleistung. Trotz deutlich erhöhter Geräuschkulisse sind diese Reifen auf der Straße sehr gut fahrbar. Auch bei Nässe sind sie gröberen Reifen überlegen. In trockenem Gelände, Schotter, Wald- und auf Feldwegen ist man damit recht souverän unterwegs, für Matsch oder Sand bleibt jedoch nur der Griff zu den stärker profilierten Kollegen. Für eine lange Anreise mit gelegentlichen Geländeausflügen sind diese Reifen mit ihrer hohen Laufleistung aber ideal. Diese liegt meist bei über 7 000 Kilometern und teilweise sogar im fünfstelligen Bereich.

DSC_1185b

Heidenau K60 Scout (G 650 Xchallenge)

Zu den beliebtesten Reifen dieser Art zählen Metzeler Enduro 3, Heidenau K60 Scout oder die tschechischen Mitas E-07 bzw. nun E-07+. Auch die heftig aussehenden Pirelli Rally STR würde ich eher noch in diese Schublade einsortieren. Relativ neu und mit typischem Traktorprofil gesegnet sind die Avon TrekRider.

20200404_120634

Mitas E-07+ hinten und E-07 vorne (R 1200 GS)


Grobstollige Geländereifen (50/50, bis zu 70 % Gelände)

Stollenreifen bieten durch den hohen Anteil an Negativprofil viel Traktion im Gelände und meist akzeptable Leistungen auf der Straße. Was alle Stollenreifen eint: lautes Abrollgeräusch, eingeschränkte Bremsleistung (um die 50 Meter Bremsweg aus 100 km/h, das unterbieten Straßen-Enduroreifen sogar bei Nässe), geringe Lebensdauer, schlechtes Nassfahrverhalten. Vor allem bei diesen Modellen bestimmt die Gummimischung  die Ausprägung der Nachteile. So sorgt eine härtere Mischung für eine längere Lebensdauer, der Fahrstil bei Regen sollte dafür umso weicher sein. Umgekehrt sind weichere Mischungen unbedenklicher zu fahren, müssen aber dafür noch öfter gewechselt werden. Mitas bietet beispielsweise E-09 und E-10 in der Standard und in der Dakar-Variante an, die mit ihrer harten Gummimischung durchschlagsfester und langlebiger sind. Bei Nässe sind die Standard-Varianten jedoch im Vorteil.

DSCN1146

Continental TKC 80 (R 100 GS)

Grobstollige Reifen halten meist zwischen 4000 und 7000 Kilometer im gemischten Einsatz. Dann sind die Stollen aber meist so abgefahren, dass sie im Gelände auch nichts mehr reißen. Bei einer langen Anreise ins Urlaubsland sollte man daher über einen Transport via Hänger, Autozug, Spedition oder Fähre nachdenken. Bei Fernreisen werden teilweise Ersatzreifen mitgeführt, neue Reifen gekauft oder vor Reisebeginn an Zwischenzielen deponiert.

DSCN1335b

Metzeler Karoo 3 (G 650 Xchallenge)

Die zivilisiertesten Reifen dieser Kategorie sind Klassiker wie der seit über 20 Jahren angebotene Continental TKC 80, Mitas E-10 oder der aktuelle Metzeler Karoo 3, der wie wie sein Halbbruder Pirelli Scorpion Rally (ohne STR!) wohl zu den straßentauglichsten Grobstollern gehört. Der noch relativ neue (2016) Michelin Anakee Wild schielt dafür etwas stärker Richtung Gelände, genauso wie Michelin T63, Mitas E-09 oder Pirelli MT21. Auch die 2019 neu aufgelegten Bridgestone Battlax AX 41 sind eher in diesem Bereich angesiedelt.

DSCN0031

Michelin T63 (G 650 GS Sertao)


Feinstollige Geländereifen (100 % Gelände)

Für den artgerechten Einsatz an Endurowochenenden und im Wettbewerb werden gerne spezialisiertere Reifen aufgezogen. Michelin Desert, Metzeler 6 Days, Dunlop Geomax Enduro oder Mitas C-Modelle sind genau das: Spezialisten für Lehm, Sand oder Steinböden mit kaum vorhandener Straßeneignung und teilweise auch fehlender Zulassung. In diesem Bereich ist die FIM-Homologation (Motorradsportverband) bedeutender, die aber eine Straßenzulassung nicht ausschließen muss. Trotzdem: Auf geteerten Verbindungsetappen sind sie mit Vorsicht zu genießen und verschleissen sehr schnell. Mit einer runden und vorausschauenden Fahrweise fahren sie aber besser, als sie aussehen. Im Gelände sind sie ohnehin über jeden Zweifel erhaben und taugen nur im Ausnahmefall als Ausrede. Aber ob sie nun 1000 oder 2000 Kilometer halten mögen, diese Reifen sind höchstens für  reine Offroad-Urlaube oder eben für Wochenendausflüge auf der Crossstrecke geeignet.

DSCN2732b

Metzeler 6 Days Extreme (G 650 Xchallenge)

Fazit

Nach Erzählungen älterer Kollegen gibt es wohl heutzutage – mit wenigen Ausnahmen – keine schlechten Reifen mehr. Wer jedoch noch nie auf Stollenreifen unterwegs war, sollte etwas Eingewöhnungszeit einplanen. Und vor allem kein Grip-Wunder bei drei Grad Celsius und Regen erwarten. Also fahrt das, worauf Ihr Lust habt. Daher verzichte ich an dieser Stelle auch auf konkrete Empfehlungen. Was beim einen „bis auf die Rasten!!“ geht, sorgt bei anderen für merkwürdige Rutscher. Und was bei vielen auch „erstaunlich gut im Regen funktioniert“, sorgt bei anderen dafür, diesen Reifen „nie wieder zu montieren“. Die Foren sind voll mit derart auseinander gehenden Erfahrungen. Trotzdem: Für Fragen zu meinen verwendeten Reifen gebe ich gern Auskunft.

Nicht unerwähnt bleiben sollte die Möglichkeit eines zweiten Radsatzes. Klar, mehr Sinn macht es eigentlich nur, wenn es andere Felgendimensionen sind. Also zum Beispiel 21/18 Zoll fürs Gelände und 17/17 Zoll fürs Supermotofahren. Ich habe für die Xchallenge zwei gleiche Radsätze verwendet um Allzweckreifen für den „Alltag“ zu fahren und einen Geländeradsatz, um nicht jedes Mal das organisatorische Hick-Hack mit Reifenwechsel zu haben. Mit zweitem Motorrad und einer neuen Werkstattsituation sind ein zweiter Radsatz und die hohe Laufleistung des Heidenau K60 jedoch verzichtbar geworden, weshalb ich ihn wieder verkauft habe.

Stets lesenswert sind außerdem die Fahrberichte bei Wolfs Bike on Tour sowie mehrere Übersichten auf der Homepage von Chris Scott (Adventure Motorcycling Handbook).

Aktuell verwende ich:

  • Mitas E-07 und E-07+ auf R 1200 GS, für mich der perfekte Kompromissreifen
  • Metzeler 6 Days auf G 650 Xchallenge, für reinen Geländeeinsatz
  • Metzeler Enduro 3 auf G 650 Xchallenge, als vernünftigen Alltagsreifen

Ständig beäugte, potenzielle Nachfolger:

  • Mitas E-09 für G 650 Xchallenge, etwa für eine Reise mit Offroad-Schwerpunkt
  • Metzeler Karoo 3 (nochmal) für G 650 Xchallenge, hab mich damit immer wohl gefühlt
  • Pirelli Scorpion Rally STR für R 1200 GS, Kompromiss für Straße und leichtes Offroad
  • Avon Trekrider für R 1200 GS, Kompromiss für Straße und leichtes Offroad

Bereits (mehr oder weniger intensiv) gefahren:

  • Metzeler Karoo 3 auf G 650 Xchallenge
  • Heidenau K60 Scout auf G 650 Xchallenge
  • Metzeler Enduro 3 Sahara auf G 650 Xchallenge
  • Metzeler Tourance und – Next auf G 650 GS Sertao, R 1200 GS, HP2
  • Michelin T63 auf G 650 GS Sertao
  • Pirelli Scorpion Trail II auf R 1200 GS

DSC_0539

Ein Gedanke zu “Enduroreifen – Ein ewiger Kompromiss

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s