Nach A. und (i) zurück – Tag 2

  • Abschnitt: Trento – Firenzuola
  • Strecke: ca. 340 Kilometer
  • Fahrzeit: 09:20 bis 18:00 Uhr
  • Motto / Idee des Tages: Etwas auf einer Arschbacke absitzen
  • Lied des Tages: Thundamentals -Milk & Honey

Nachdem ich auf Italienisch bis 100 gezählt habe, bin ich irgendwann eingeschlafen. Gefühlt war die Nacht sehr lang, ich bin mindestens fünf mal aufgewacht und habe mich mindestens ebenso oft über die Geräusche von draußen gewundert. Jedes Mal bin ich auf den Gedanken gekommen, dass es die Bewässerung der Weinfelder war. Relativ erholt konnte die zweite Tagesetappe starten, die mit über 300 Kilometern auch nicht so ganz ohne war. Beim Beladen bekamen wir ein paar harmlose Regentropfen ab, aber die asymetrische Heckansicht meiner Satteltaschen bekam ich auch nicht gänzlich gelöst. Nach wie vor hing die linke Tasche deutlich höher als die rechte. Naja. Wir kamen schnell durch Rovereto ins wunderschön zu fahrende Trentiner Hinterland und passierten unter anderem den Monte Pasubio.

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Schöne Straßen, gute Aussicht und wenig Verkehr

Irgendwann wurde das viele Kurvenfahren trotzdem zäh und es wurde Zeit für den zweiten Kaffee des Tages. Nachdem mir viele Dörfer schon vertraut vorkamen, kamen wir kurze Zeit später tatsächlich ungeplanterweise durch Altissimo, wo wir letztes Jahr für ein paar Stunden gestrandet waren.

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Gute Kulisse für einen Tim Burton Film. Schade eigentlich

Das Ortsbild wandelte sich langsam aber stetig, genauso wie es immer wärmer und die Vegetation weniger grün wurde. Nach ein paar letzten Kurven war es vorbei mit den Bergen, alle Belüftungsschlitze wurden geöffnet und der Kopf kam durch viele Schnellstraßen etwas zur Ruhe. Da mir die gestrigen Kilometer noch in den Knochen (bzw. der Gesäßmuskulatur) saßen, konnte ich die langweiligen Straßen der Po-Ebene (geografisch, Fluss) nutzen, um abwechselnd auf einer Po-Backe (biologisch, Körperteil) zu sitzen, wodurch die jeweils andere etwas geschont wurde. Ich schreibe in Fahrberichten ja gerne von Sitzbrett und Strafbank, aber so eingänglich wurde mir das schon lange nicht mehr vorgeführt. Nach einer weiteren Kaffeepause und einem Snack bekam meine Harley-Theorie von 2017 neuen Aufwind. Denn manche Straßen hier würden sicherlich gut nach Amerika passen. Zweispurig und trotzdem so breit wie vier, links und rechts Gewerbe, Fast Food, Wäschereien. Billige Motels hat es da bestimmt auch noch gehabt. Bald rollten wir nach Bologna, das selbst im kurzen Durchrollen wie Mailand nach Geld und Großstadt aussieht. Ein Schild für ein Stalingrad-Fitnessstudio fand ich sehr kurios. Ein paar Meter später stellte sich heraus, dass es nach der dortigen Via Stalingrado benannt war. Was ein Fragezeichen auflöste und gleichzeitig ein Neues setzte. Naja. Wir entkamen Bologna durch die grüne Hintertür, aufeinmal gab es nur noch Villen und Grün und aufeinmal waren wir wieder in den Bergen. Das durchgestrichene BOLOGNA-Schild wirkte hier etwas deplatziert.

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Keine fünf Minuten raus aus Bologna (im Hintergrund)

Meine Konzentration ließ spürbar nach, es waren aber noch gute 40 oder 50 Kilometer bis zum Agriturismo. So vergeigte ich die ein oder andere Linie, fuhr viele Kurven im falschen Gang und bremste dort, wo es nichts zum bremsen gab. Kurz vor Firenzuola führte uns das Navi noch über eine spannende und schmale Straße durch den Wald, die zusätzlich mit Gefälle und jede Menge Schlaglöchern etwas Aufmerksamkeit erforderte. Nach dem Wald war der Blick frei auf die hügelige Mischung aus Gelb und Grün.

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Hallo Toskana

Die letzten Kilometer kamen wir wieder sehr vertraut vor. Ich entdeckte die Stelle, an der ich 2017 für ein paar Fotos gehalten habe. Nur war ich damals in die andere Richtung unterwegs. Und so kam es, dass ich zum dritten Mal am Futapass vorbeikam. Dieses Mal ganz ohne offensichtliche Truppenpräsenz. Man sagt das ja gerne vor sich hin, aber als ich 2012 mit der Bundeswehr hier war, hätte ich mir nie vorstellen können mal mit dem Motorrad an der gleichen Stelle zu stehen. Und auf dem Weg nach Griechenland zu sein.

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Am Soldatenfriedhof am Futapass

Nach einigen weiteren vorsichtig gefahrenen Kurven und einer kurzen Ädwentscha-mäßigen Schotterauffahrt kamen wir schon am Agriturismo Gli Orzali an. Eine echte Empfehlung, wunderschön hergerichtet, große Zimmer, viel offener Natur- und Backstein und ein Waschbecken, das halb so groß wie meine Badewanne ist. Dazu ein Pool und eine Aussicht auf die umliegende Landschaft. Ich glaube, hier komme ich auch mal wieder hin. Bevor ich in den Pool gesprungen bin war allerdings noch technischer Dienst angesagt. Ein schleifendes Geräusch hatte mich schon gestern veranlasst, meinen Luftdruck und anderes zu überprüfen. Damit das Mitschleppen auch hier nicht völlig umsonst war, kam jetzt also mein kürzlich wieder entdeckter Trail Stand zum Einsatz. Die Kette bekam den ersten Service der Reise, anschließend drehte ich nacheinander am gelupften Hinter- und Vorderrad. Außer normalen Schleifgeräuschen der Bremse gab es aber nichts festzustellen. Die ganzen Zikaden haben mich aber auch verrückt gemacht. Oft genug habe ich heute gedacht, dass da wieder irgendwas schleift. Bis ich an einer Ampel stand und die Geräusche immer noch da waren. Morgen versuche ich nochmal meine Seitentaschen vernünftig anzubringen und vielleicht könnte das Federbein noch ein halbes Bar vertragen. Ansonsten läuft das Motorrad ja ohne Probleme, und 200 Kilometer waren gestern und heute sogar ohne Reserve drin.

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A room with a view

Mit Beginn der zweiten Nacht bin ich dann auch langsam mal im Urlaub angekommen und unglaublich froh, dass bis jetzt alles so geklappt hat. Ich kann mir gerade kaum vorstellen, dass ich nächste Woche schon in Griechenland sein werde. „If this is just a ride I’m gonna ride it ‚till the saddle breaks…“ (Siehe Song des Tages. Wie gestern nur im Kopf, nicht im Headset).

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