Böhmische Dörfer – Tag 4

Beim Hotelfrühstück freue ich mich über den simplen Automatenkaffee und das Buffet. Bevor ich Richtung Süden fahre, schaue ich nochmal an der Brauerei vorbei. Der kleine Werksverkauf ist so schnörkellos wie die meisten Getränkemärkte, was ihn aber ganz sympathisch macht. Nebenbei werde ich für die zwei 0,5er Flaschen Ferdinand noch ein paar Kronen (33) los. Mission accomplished. Die wertvolle Fracht verpacke ich gut umhüllt in den linken Koffer. Selbst im kurvigsten Modus des Adventurous Routing sind es lediglich zwei Stunden nach Český Krumlov, es zementiert aber meine Entscheidung schon heute heimzufahren. Über die lieb gewonnenen schmal gebauten Landstraßen fahre ich durch Wälder und durch die sanfte Hügellandschaft, die immer noch überwiegend grün ist. Budweis hebe ich mir wie so vieles für einen anderen Urlaub auf und sehe davon nur Wegweiser. Jetzt, am letzten Tag, komme ich langsam auf den Grund, warum ich die böhmischen Dörfer so hübsch und pittoresk finde, obwohl sie ja den süddeutschen Dörfern sehr ähnlich sind: Fast alle Häuser sind bunt gestrichen, und wenn es nur ein unaufdringlich-pastelliges Gelb ist. Und viele Häuser scheinen schon gute Hundert Jahre alt zu sein, was hier und da auch eine Jahreszahl dokumentiert. Trotzdem wirken viele so herausgeputzt, als ob sie an einer Touristenroute liegen würden, Blumenkästen inklusive.

Böhmischer Dorfplatz

Mein Garmin-Navi schätze ich immer mehr, mitdenken ersetzt es wie erwartet jedoch nicht. Denn aus abbiegenden Vorfahrtsstraßen macht das Navi gerne angekündigte Abzweigungen, wenn aber große und vielbefahrene Schnellstraßen kreuzen, schickt einen das Navi ohne Stopp geradeaus. Die algorhitmusbasierte Sightseeing-Tour führt dann auch am Kernkraftwerk Temelín vorbei, das man aus jeder Diskussion über den Atomausstieg kennt, weil es relativ nah an der Grenze liegt. Hat man das auch mal gesehen.

Zufällig fahre ich am berüchtigten Atomkraftwerk Temelín vorbei

Mittags erreiche ich wie erwartet mein eigentlich finales Ziel, Český Krumlov. Alle Straßen ins Zentrum enden in Parkplätzen und Fußgängerzonen. Was eigentlich gut ist, für meine Suche nach einem idyllischen Café mit Parkmöglichkeit aber nicht. Der Karlsbad-Effekt. Ich bin wieder ungeduldig und nehme mir keine Zeit, um mir die Stadt anzuschauen. Kaffee muss aber sein, ich entdecke ein Café, das in einer der Straßen zum Zentrum im Innenhof einer Pension liegt. Dort werde ich fast alle übrig gebliebenen Kronen los. Es reicht trotzdem nicht ganz für Kaffee und zwei süße Teilchen, daher zahle ich den Rest in Eurocent. Leider schmecken mir die cremig gefüllten Kalorienbomben nach den ersten Bissen nicht mehr wirklich. Hätte wohl lieber ein Tortenstück nehmen sollen, da hätte ich gewusst, was ich bekomme. Ich zwinge mich noch zu ein paar weiteren Bissen und mache mich dann aus dem Staub. Das nächste Mal nehme ich mir für das UNESCO-Welterbe mehr Zeit, versprochen.

Letzter Kaffestopp vor der Heimfahrt

Beim Weg aus der Stadt folge ich noch kurz dem Verlauf der Moldau. Die Stadt ist ein kleiner Tourismusmagnet, was man auch am Verkehr merkt. Gefälle und Kurven nehmen jedoch bald wieder zu. Und selbst wenn nicht, die glattgebügelten Landstraßen werden mir hier nicht langweilig, nicht einmal wenn sie über Hügel hinweg kilometerlange Schneisen durch die Wälder schneiden. Es weckt mal wieder Erinnerungen an Landschaften, die ich nie gesehen habe, mir aber genau so in den USA und Kanada vorstelle. Nur eben mit gelben Linien auf dem Asphalt. Ich fahre (vermeintlich) etwas zu weit nach Süden und mache nochmal einen Orientierungsstopp am südöstlichen Zipfel des Lipno-Stausees. Weil ich trotz der Kaffeepause noch Hunger habe kombiniere ich dort meine übrig gebliebenen Müsli-Frühstücksriegel mit Hummus. Im ersten Moment eine bombige süß-herzhafte Kombi, ab dem zweiten Bissen eher widerlich. Mir wird fast schlecht dabei, ich löffle die Dose aber trotzdem aus.

Mit diesem nur teilweise gestellten Bild zitiere ich eines meiner eigenen Reisefotos

Ich drehe um, fahre nochmal durch Frymburk und komme nach ein paar Kilometern über eine Brücke, die ich mir als spektakulären Staudamm vorgestellt habe. Wie ich hinterher merke, wäre der Lipno-Staudamm weiter in Süden gewesen, aber egal, die Straße Richtung Grenze hat trotzdem ihre Reize. Ich sehe daher auch seit Tagen mal wieder mehr als nur einen anderen Motorradfahrer. Das zunehmende Auf und Ab und die bewaldeten Hügelketten am Horizont erinnern mich etwas an den Schwarzwald, der ein oder andere rot eingefärbte Baum gibt den Vorboten für den Herbst.

Über den Lipno-Stausee, wie so oft fahre ich an der Hauptattraktion vorbei

Auf den letzten Kilometern bis zur Bundesrepublik denke ich nochmal über die letzten Tage nach, die sich so anfühlen, als ob ich noch länger unterwegs gewesen wäre. Trotzdem: Das rosige, manchmal vielleicht idealisierte Bild, das ich mir durch bisherige Ausflüge von „Tschechien“ und „den Tschechen“ aufgebaut habe, bleibt auch nach dem ersten Kurzurlaub bestehen. Es liegt so nah, trotzdem wirkt es fremd und Berührungsängste sind größer als bei anderen Ländern. Obwohl es kulturell ja eigentlich eng verwoben ist. Ich will aber auch nicht tiefer sinnieren, als es mir nach diesen paar Tagen minimaler Exposition zusteht. Nach TRAVEL FREE SHOP (nein danke) und Grenzübertritt schweben die GS und ich über glitzernden Asphalt Richtung Freyung und nehmen auf dem Weg zur Autobahn nochmal ein paar schöne Kurven mit. Und ich wundere mich, vorest zum letzten Mal, über die kurzen Entfernungen: Nach dem letzten Tankstopp bei Grafenau trennen Resturlaub und Alltag nur noch 145 Kilometer, beziehungsweise 1 Stunde und 45 Minuten. Und all die Sachen, die für ein paar Tage alles waren, verteilen sich bald wieder auf Garage, Schubladen, Waschmaschine, Spüle und Schränke. Warten auf den nächsten Urlaub, während Terminkalender und E-Mails wieder die Kontrolle über den Tagesablauf übernehmen. Aber, und das galt es zu beweisen, Tschechien wird bis auf Weiteres eines meiner Reise-Favoriten bleiben. Nur sollte ich beim nächsten Besuch mein Reisewörterbuch noch öfter aufschlagen. Und noch häufiger über meinen Schatten springen, wenn ich es nicht zur Hand habe.

Die letzten Kilometer vor der Grenze, links kündigt sich bereits der Šumava an


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