Böhmische Dörfer – Tag 2

Der Tag beginnt mit einem kleinen Schreck. Beim Blick aus dem Fenster sehe ich etwas neongelbes aus der Hecktasche hängen, der Reißverschluss ist halb geöffnet. Na toll. Meine Sorge gilt weniger den Spanngurten und dem Verbandszeug (etwas wertvolleres ist da nicht drin), als den Koffern. Meine Campingausrüstung habe ich nämlich drin gelassen, genau dafür habe ich die Boxen ja gekauft. Einbruchsicher sind die aber sicherlich auch nicht, schon garnicht für Profis. Vor dem Frühstück gehe ich daher schnell zum Moped, es ist aber noch alles da. Und nichts da, was vorher nicht drin war. Beim Frühstück ist alles vergessen, die Wettervorhersage im TV sieht gut aus, danach schnappe ich in den Nachrichten noch einen Beitrag über den „nová bondovka“ auf, wohl auch hier ein Thema, dass der Film endlich ins Kino kommt.

Als Print-Freund eine gute Wahl. Ein kurioser Mix aus Café, Schreibwarenladen und Pension

Danach verlasse ich Cheb in Richtung Südosten, wo auf der Karte einige interessante Straßen eingezeichnet waren. Es hat in der Nacht kurz geregnet und wird nur langsam wärmer, ich bin aber warm eingepackt und guter Dinge. Nach Mnichov (zu Deutsch München, ja, auch das größere heißt so) gelange ich bald auf die kurvige 230, die zwischen Felsen und der Teplá schöne Bögen schwingt. Eine Brücke bietet eine weitere Gelegenheit für ein paar Selbstauslöserfotos. Auch wenn das Licht nicht ideal steht, ich kann aber bei solchen Stellen nicht bis zum Abend warten. Allein, dass ich mittlerweile über so etwas nachdenke freut mich, auch wenn es eigentlich absolute Grundlagen sind.

Entlang der Teplá nach Karlsbad

Bei Bečov wechsle ich auf die gut ausgebaute 20, die kurz vor Karlsbad nochmal einen großen Bogen um einen von der Teplá gespeisten Stausee macht. Am Ufer steht ein mondänes Hotel mit Seeblick. In Google finde ich später heraus, dass ich dort mehr als mein gesamtes Übernachtungsbudget in einer Nacht durchgebracht hätte. Auch in Karlsbad ist alles herausgeputzt, zumindest als ich die Außenbezirke hinter mir gelassen habe. Ein einladendes Kaffee am Fluß finde ich jedoch nicht, verfahre mich dafür kurz im Villenviertel. Auch bei der zweiten Durchfahrt finde ich nichts, was mich anlacht. Für einen Ausflug in die Fußgängerzone habe ich zu viele Sachen am Motorrad. Das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.

Beste Lage in Karlsbad, ich suche aber ein Kaffee

Ich fahre noch einmal auf die Schnellstraße, biege die nächste rechts ab und stehe am Becherplatz, den eine übergroße Flasche Becherovka ziert. Ich frage mich noch kurz, ob man auch deshalb von „bechern“ spricht. Ich verfalle wieder in mein typisches Alleinreise-Muster und lass es sein, will lieber weiterfahren. Auch wenn ich den Kaffee lieber aus der Karlsbader Kanne genossen hätte, als aus dem Automaten. Hatte ich mir zumindest so ausgemalt. Die Gelegenheit für Automatenkaffee bietet sich dann beim ersten Tankstopp in Tschechien. Da ich an der Kasse aber nur „tankova“ verstehe und außer „äh, öh“ nichts herausbekomme, verzichte ich an dieser Stelle auf Koffein, die GS hat immerhin ein paar Liter „natural 95“ erhalten. Ich ärgere mich, dass sich mein Tschechisch auf „dobry den“ und „dekuju“ beschränkt und ich in solchen Mit-Hand-und-Fuß-Situationen schnell überfordert bin. Egal. Ich fahre Richtung Most und überlege langsam, dass es sinnvoll wäre, den Einkauf für meinen Campingabend anzugehen. Den Campingplatz in Děčín habe ich unterwegs gebucht. In Teplice sehe ich von der Schnellstraße aus ein Kaufland und gebe mir einen Ruck, biege spontan ab und schaffe es, das Einkaufszentrum mit drei Rechtsabbiegern ohne Navi zu finden. In Teplice dominiert der typische Mix aus Plattenbau und wunderschönen Altbauten, die überwiegend gut renoviert dastehen und selbst unrenoviert einen gewissen Charme ausstrahlen. Das Kaufland ist dagegen ein typischer Konsumtempel, der dafür auf dem Dach eine Art Kletterpark zu bieten hat. Auch nicht schlecht. Mit Helm und Tankrucksack in den Händen latsche ich mit quietschenden Stiefel Richtung Eingang. Das Problem, dass ich kein für den Einkaufswagen passendes Münzgeld habe erledigt sich von selbst, denn ich entdecke einen Wagen, der praktischerweise nicht am vorderen angekettet wurde.

Ich tausche kurz zwei gegen vier Räder und flitze durch das Kaufland

Nachdem ich eine Art Ciabatta, Brezen, ein paar Aufstriche und Wasser (wenn „dobra voda“ draufsteht, muss es wohl „gutes Wasser“ sein!) eingeladen habe, beeile ich mich ein wenig. Mit einem Starbucks-Büchsenkaffee und den Brezen möchte ich noch eine kleine Mittagspause nachholen. Ich würde gerne noch länger durch die Regale schlendern, will aber das Motorrad nicht länger als nötig alleine lassen, auch wenn in der Gepäckrolle nichts wertvolles steckt. Schätzungsweise verbringe ich dann mindestens genauso viel Zeit mit einpacken wie mit dem Einkauf selbst. Mithilfe der Spanngurte (die mir ja nicht geklaut wurden) schaffe ich es dann, zwei Flaschen und das Stativ noch außerhalb der Koffer zu verzurren und alles unterzubringen.

„Und was machen die Leute mit ihren blöden SUV [=GS]? Einkaufen fahren!“ Ja.

Es geht weiter Richtung Ústí nad Labem, wo ich bald nach links abbiegen möchte. Denn hier gibt es einiges zu erkunden. Denn diese Gegend wurde für eines meiner Lieblings-PC-Spiele digitalisiert, zumindest Landschaft und Straßenverläufe sind so ziemlich genauso im Spiel zu finden. Daher linse ich parallel zum Navi auch auf eine Karte aus dem Spiel. Der von mir erwartete surreale Moment bleibt jedoch aus. Etwas kurios bleibt es trotzdem, als die Straße leicht abschüssig in ein Dorf führt und rechts ein Teich auftaucht, den ich „kenne“ und das Dorf als reales Pendant zu „Novy Sobor“ identifiziere. Bis auf einen länglichen Stall und die tatsächlich so im Spiel an gleicher Stelle stehende rostige Scheune gibt es jedoch nichts zu sehen. Mit einer Drohne sähe man die Ähnlichkeiten vielleicht noch besser, wie zahlreiche Videos bei Youtube beweisen. Die Idee „the real chernarus“ zu besuchen, hatten nämlich schon viele vor mir. Die bei Google eingezeichnete Scheune hat sogar eine Bewertung von 4,6. Warum auch immer. Auch weitere Orte aus dem Spiel sind bei Google Maps eingezeichnet. Würde mich nicht wundern, wenn jemand irgendwann Touren anbietet, aber dafür ist die Community vielleicht doch wieder zu klein…

Zwischen „Novy Sobor“ und „Stary Sobor“, im Hintergrund die in diesen Kreisen bekannte Scheune

Ich folge der Straße, deren Verlauf ich auch ohne Karte kenne. In Český Bukov (bzw. „Staroye“) entdecke ich wieder bekannte Gehöfte, an einem heruntergekommenen Gebäude lässt sich über der Tür noch das Wort „VOLKSSCHULE“ entziffern. Ich fahre weiter, biege nach Süden ab, am „Topolka Dam“ trinke ich meinen Eiskaffee und beschließe, dass ich genug von der Spurensuche hab. Zumal ich ungern mit einer Kamera in den Dörfern herumlatschen möchte. Mein Akku ist außerdem beim letzten Drittel, blinkt zwischendurch schon rot, weshalb ich mir aufwendige Serienaufnahmen mit Selbstauslöser sparen möchte. Die nächste Steckdose werde ich vermutlich erst in 24 Stunden nutzen können. Da es selbst in diesen Dörfern Streetview gibt, kann ich eigentlich auch jederzeit virtuell durch diese Dörfer fahren. Also virtuell durch die echte Welt fahren, um sie mit einer anderen virtuellen Welt abzugleichen. If that makes sense.

Ein kleiner Stausee, letzte kurze Pause vor dem Campingplatz

Ich biege bald auf die vermeintliche Küstenstraße ab, denn was hier die Elbe (Labem) ist, ist im Spiel DayZ das Meer. Ich suche noch nach weiteren Gemeinsamkeiten, doch bis auf Straßenverlauf, die parallel laufenden Schienen und die hoch aufragenden Felsen zu meiner Linken finde ich nicht viel. Die ganze Aktion mag sowieso bescheuert sein, aber wie viele sind u. a. auch deshalb nach Jugoslawien gefahren, um sich die Gegend anzusehen, wo die Winnetou-Filme gedreht wurden? Nur um später festzustellen, dass es in Amerika ganz anders aussieht? Das habe ich zumindest bei meiner letzten Dienstreise so nebenbei erfahren, kurz bevor wir den wunderbaren Schotterpass Mali Alan gefahren sind. Aber das ist eine andere Geschichte, die an anderer Stelle erzählt werden soll…

Im Gegensatz zum Spiel ist hier nicht das Meer, sondern die Elbe. Und die Züge fahren noch.

Auf dem Campingplatz in Děčín, der unter einer Schnellstraße liegt, habe ich freie Platzwahl. Es ist nichts los, außer mir nächtigen nur drei Caravans und zwei Autos, deren Besatzung wohl die in den Hütten übernachtet. Es ist angenehm warm und ich freue mich auf den entspannten Abend. Endlich kann ich das Zelt ohne Zeitdruck aufbauen und einrichten. Hinterm Zaun streiten sich Elstern und Wasservögel. Als erstes stapfe ich zu den Waschcontainern, die modern eingerichtet sind und mir eine spätere Dusche schmackhaft machen. Für mich sind Campingplätze nach wie vor eine spannende Erfahrung, mit deren Annehmlichkeiten und Gegebenheiten ich mich noch vertraut machen muss.

Endlich mal gutes Wetter und viel Zeit, um das Zelt aufzubauen

Nachdem ich das Innenzelt aufgestellt habe, bemerke ich das leichte Gefälle, was vorher vom relativ hohen Gras kaschiert wurde. Bei der Gelegenheit verschlampe ich außerdem einen meiner ohnehin viel zu wenigen neun Heringe. Ich stelle das Zelt ein paar Meter weiter auf und merke, dass ich es auch mit viel Zeit nicht viel besser eingerichtet bekomme, als bei den letzten Malen. Ich zwänge mich in den Eingang und hole meine ausgelassene Mittagspause mit einem vorgezogenen Abendessen nach. Dabei erfreue ich mich an der Einfachheit von allem und stelle mir vor, wie gut man es sich beim Campen gehen lassen kann. Und das für gerade mal 10 Euro, nutzbares WLAN und Dusche usw. inklusive. Das nächste Mal muss ich unbedingt meinen Topf mitnehmen und mir etwas Warmes kochen. Vielleicht noch eine Plane, aber sonst… Herrlich.

Auf der anderen Seite des Camps gibt es Glamping-Zelte, mir reicht alles, was ich habe

Gegen Abend wird die Schnellstraße, die das Camp quasi überspannt, leiser, die Hüttenmenschen grillen, ich schaue schonmal auf Karte und Navi für die morgige Route. Schon wieder sind es kaum nennenswerte Distanzen. Heute waren es wieder unter 300 Kilometer. Es wird schnell kalt, daher beeile ich mich mit dem Duschen. Das Handtuch habe ich zuhause vergessen und trockne mich notgedrungen mit meinem T-Shirt ab und hänge es über eine am Moped aus Expandern improvisierte Wäscheleine. Es wird bald dunkel, dann neblig, die Wiese ist auch ohne Regen nass, genauso wie mein Außenzelt. Der Schlafsack bleibt jedoch auch unter diesen Umständen mollig-warm. Ich bin froh, das Zelt nicht daheim gelassen zu haben.

Die Antithese zu Wohnmobil und Campingbus

2 Gedanken zu “Böhmische Dörfer – Tag 2

  1. Endlich wieder: Ferdi on Tour. Hat man was zum schmökern 🤘
    Klasse: Der Vergleich der „echten Virtualität“ mit der „digitalen Virtualität“ 🙈

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