Testride: G 650 GS Sertao

Die G 650 GS Sertao ist, abgesehen von der Fahrschul-Gladius, mein erstes Motorrad gewesen. Mittlerweile habe ich drei Jahre und rund 15 000 Kilometer mit ihr verbracht. Zeit für einen kleinen, rückblickenden „Testbericht”.

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Frisch aus dem Showroom: Die Sertao im Mai 2014.

Die Modellgeschichte der G 650 GS beginnt streng genommen schon um 2000, als BMW mit der F 650 GS ihre erste richtige Einzylinder-Enduro auflegt. Kurze Zeit später folgt die sportlichere F 650 GS Dakar, die mit besonderem Dekor, 21 Zoll Vorderrad und höheren Federwegen mehr Abenteuerflair versprüht. Für BMW war das Modell sehr erfolgreich und gewann viele Fans, die mit der klassischen BMW-Kombi aus Boxer und Kardan nichts anfangen konnten. Mit größeren Tanks und anderen Modifikationen nahmen viele soar an der Dakar-Rally teil. Besonders gut zu sehen im DVD-Mehrteiler Race to Dakar.

Die Nachfolge trat 2007 die G 650 X Reihe mit drei verschiedenen Modellen an, von denen sich aber keines dauerhaft etablieren konnte. Mit Start der Zweizylinder-800er erhielten die Einzylinder BMWs fortan den Buchstaben G, das F steht seitdem für die Paralleltwins. Um die Verwirrung zu komplettieren gab es auch eine neue F 650 GS, die allerdings auf der F 800 GS basierte und mit der alten 650er nichts am Hut hat. Die Verkaufszahlen der neuen Singles blieben aber hinter den Erwartungen zurück und 2011 kehrte die ursprüngliche F 650 GS zurück – als G 650 GS und mit überarbeitetem Design. 2012 folgte das Sondermodell Sertao, das dementsprechend auf der F 650 GS Dakar basiert. Ob nun wegen Euro 4 Norm oder nicht: Zum Modelljahr 2016 wurden die Motorräder wieder aus dem Programm genommen, diesmal vermutlich endgültig.

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Schraubt sich auch ohne Probleme auf über 2000 m.

Diese lange Bauzeit spricht für das Motorrad, obwohl es schon von Anfang an eher zu den schwergewichtigen Einzylindern gehörte. Der Motor gilt bis heute als außerordentlich standfest, zuverlässig und sparsam. Laufleistungen von über 100 000 Kilometern sind keine Seltenheit. Dass er seit 2011 nicht mehr in Österreich (sondern in China bei Loncin) gebaut wird, hat daran scheinbar nichts geändert. Mit A2-gültigen 48 PS ist die 650 GS immer gut motorisiert, wenn auch nicht so sportlich wie andere Singles. Dafür glänzt der Motor mit traktorartigem Durchzug und gutmütigen Fahreigenschaften. Bis auf defekte Wasserpumpen und gelegentliche Startprobleme bei halbwarmen Motoren gibt es keine Schwächen. Für Reisezubehör steht darüber hinaus eine starke 400 W Lichtmaschine zur Verfügung.

Trotz großem Vorderraddurchmesser schwingt auch die Sertao ziemlich flink über kurvige Landstraßen. Die zivilere Standard GS mit 19 Zoll Vorderrad biegt noch ein bisschen zackiger ein. Da der Tank unter der Sitzbank liegt, ändert sich daran auch bei vollgetanktem Motorrad nichts. 14 Liter fasst der Kunststofftank, der mit dem Modellwechsel um knapp 3 Liter verkleinert wurde. An der Reichweite ändert das aber nicht allzu viel: die Reserve wird meistens nach rund 300 Kilometern aktiv, mit den verbleibenden 4 Litern sind dann theoretisch immer noch 100 Kilometer möglich. Sogar im Gelände verbraucht der Motor selten mehr als 4,2 Liter. Und Öl? Null Komma Null.

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Der Kurztrip-Standard: Tankrucksack und Hecktasche.

Die Ergonomie ist ab Werk ausgesprochen gut, zumindest für Fahrer unter 1,85 sollte das Motorrad einwandfrei passen. Quasi-Standardausstattung sind die zweistufen Heizgriffe, sie wirken Wunder bei einstelligen Temperaturen. Auch die serienmäßigen Handprotektoren und die höhere Scheibe bieten einen gewissen Tourenkomfort. Je nach Größe verursacht sie aber auch gerne mal unangenehme Turbulenzen. Sie ist aber problemlos gegen die kleine Scheibe der GS und andere Nachrüstscheiben austauschbar. Auch für die Sitzbank bietet der Zubehör vielfältige Möglichkeiten. Eine höhere Sitzbank sieht an der Sertao nicht nur besser aus, sie kann den Allerwertesten auch etwas mehr Langstreckenkomfort bieten.

Wer die Sertao öfter ins Gelände nimmt, sollte sich auch Gedanken über andere Fußrasten machen. Die Serienrasten gefallen zwar mit abnehmbaren Gummiaufsätzen, bei längeren Geländefahrten im Stehen werden die schmalen Bretter aber schnell unbequem. Trotz aller subjektiven Ergonomiedefizite: die Ausstattung taugt eigentlich ab Werk zum losfahren in die Ferne. Motorschutz, Gepäckträger, Steckdose, abschaltbares ABS, einstellbares Federbein. Fehlt nur noch das Gepäck.

Wem das Originalzubehör nicht robust genug scheint, findet wie schon angesprochen eine Fülle an Zubehör. Auch ein Vorteil der langen Bauzeit. Die Wartung, ob unterwegs oder in der heimischen Werkstatt ist durch die verschachtelte Bauweise zwar aufwendig, aber ansich ohne Probleme in Eigenregie machbar. CAN-Bus Gegner wird es freuen, dass die intern R13 genannte BMW noch über konventionelle Elektrik verfügt. Und zumindest ein paar Pfunde können der Mini-GS abtrainiert werden, etwa durch einen anderen Endschalldämpfer.

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Der „Tank“beherbergt Öltank, Batterie und Airbox.

Rund 8200 € kosteten neue Sertaos, etwas mehr als die Standard 650 GS, die für 7900 € lange Zeit die günstigste BMW war. Diesen Rang dürften ihr nun die G 310er abnehmen. Auch Fahrschulen und die Bundeswehr griffen gerne auf den Rotax-Einzylinder zurück. Weltreisende schätzten und schätzen die G 650 GS genauso wie ihre Vorgängerin. In Sibirien, der Mongolei oder Peru fuhr die 650er den größeren GS-Modellen bestimmt das ein oder andere mal um die Ohren. Zur Not auch mit weniger als 91 Oktan, die es laut Handbuch mindestens sein sollten.

Wie die F 650 GS dürften auch gebrauchte G 650 GS relativ wertstabil sein. Und im Gegensatz zu den eher exotischen G 650 X Modellen dürften die weitaus häufiger gebauten GS-Modelle keine Schwierigkeiten mit Ersatzteilen bekommen. Aber ob es dann eine kultige Dakar oder eine neuere Sertao sein soll, ist letztlich eine Frage des Geschmacks. Qualitativ nehmen sich F und G 650 nichts.

Fazit:

Die G 650 GS ist in allen Lebenslagen ein unkomplizierter Begleiter.  Die Vielseitigkeit der Sertao (und Dakar) findet im Geländeeinsatz in den Fähigkeiten des Fahrers, des Fahrwerks und im Gewicht von fast 200 Kilo ihre Grenzen. Durch entsprechendes Training, angepasste Reifen und einem geändertem Fahrwerk geht jedoch auch mit der, im Serienzustand etwas biederen, Sertao ziemlich viel. Und in bester GS-Manier lässt sie auch lange Anreisen über Asphalt entspannt zu. Je nach Anspruch auch zu zweit.
Auch wenn die Rotax 650er nun Geschichte sind wird die 650er GS ihre treuen Fans behalten und neue dazu gewinnen. Egal ob Neuling, Wiedereinsteiger oder Routinier: für viele ist die GS eine der vielseitigsten Maschinen, die BMW je gebaut hat. Mit einem unschlagbaren Preis-/ Leistungsverhältnis. Das einzige was dabei fehlt ist das Prestige der größeren GS-Modelle. Aber das hat das „Kälbchen“ auch gar nicht nötig.

Besonders gut finde ich …

  • Sparsamer und zuverlässiger Motor
  • Unkomplizierter Allrounder
  • Großer Zubehörmarkt

Was mir nicht so gut gefällt…

  • Für einen Einzylinder recht schwer
  • Batterie und Luftfilter hinter vielen Schrauben verborgen
  • Schräglage beim Parken

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Auf dem Papier

  • 652 ccm Einzylinder, Einspritzung, wassergekühlt
  • 48 PS bei 6500 rpm und 60 Nm bei 5000 rpm
  • 2,3 l Öl, Trockensumpfschmierung
  • Fünfgang, Kette, max. 170 km/h
  • Gewicht vollgetankt: 198 kg
  • Zuladung: 182 kg
  • 14 l Tank, Verbrauch 3,8 l/100 km, Reichweite bis 350 km
  • Brückenrahmen Stahl
  • Fahrwerk vorne: 41 mm Telegabel mit 210 mm Federweg, 90/90- 21Vorderrad
  • Fahrwerk hinten: Federbein mit 210 mm Federweg, einstellbar, 130/80-17 Hinterrad
  • Sitzhöhe 860 mm
  • Bremsen: vorne 320 mm Doppelscheibe, hinten 240 mm Einzelscheibe, ABS verfügbar
  • 400 W Lichtmaschine
  • Service-Intervalle: nach 1000 km, dann alle 10 000 km
  • Preis: neu 8200 €, gebraucht ab 4000 € ca.

Zubehör

  • Sturzbügel, Motorschutz, Handschützer, Kühlerschutz
  • Kofferträger, Koffer, Gepäcktaschen
  • Zusatztank (22 Liter)
  • Rally-Vorbau, Federbein, Upside-Down-Gabel
  • Scheiben, Sitzbänke, Fußrasten etc.

Vergleichbare Motorräder

  • BMW G 650 X-Reihe (gebraucht)
  • KTM 690 R
  • SWM RS 650 S
  • SWM Superdual
  • Yamaha XT 660 (gebraucht)
  • Yamaha XT 660 Ténéré (gebraucht)

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