Garmin Zumo XT

Die beliebte Diskussion „Karte oder Navi“ hat sich zunehmend zur Frage „Navi oder App“ gewandelt. Obwohl ich dieses Thema hier nicht komplett ausblenden kann, soll es in diesem Beitrag vorrangig um das nach wie vor aktuelle Garmin Zumo XT gehen. Denn mit zwei Jahren Erfahrung unter verschiedensten Bedingungen kann ich vorwegnehmen, dass das Zumo XT meiner Meinung nach seinen happigen Preis absolut wert ist.

Wertet mit dem glasklaren Display so manches analoge Cockpit auf

Weil das XT für mich ein „Gamechanger“ ist

Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Solo-Touren, bei denen ich überwiegend Karten in viel zu großen Maßstäben hatte und daher meist auf langweiligen Straßen gelandet bin. Karten lesen ist das eine, damit navigieren das andere, aber die wirkliche Kunst ist es, daraus eine schöne Tour zu basteln. Mittlerweile kann ich das besser. Aber manchmal hat man nicht die Geduld oder möchte sich spontan umentscheiden. Bei Navis blieb dafür früher oft nur die Wahl zwischen „kurze Strecke“ und „kurze Zeit“, mit Webseiten wie kurviger.de kamen dann Streckenprofile dazu, die einem die Wahl zwischen schnellster Route und kurvigster Route ließen. Unterwegs möglich, aber die GPX dann übertragen? Eher umständlich. Das Zumo XT bietet eine ähnliche Funktion, einen vierstufigen „Schieberegler“, der unter dem Banner „Adventurous Routing“ nach Eingabe des Ziels auftaucht. Stufe 1 bedeutet meist Autobahn und Landstraße , Stufe 2 und 3 einen guten Kompromiss aus Kurven und Schnelligkeit und Stufe 4 schlägt Kleinststraßen und Gewürm als Route vor. Modifizieren ließe sich das noch, indem man in den Grundoptionen Autobahnen oder unbefestigte Wege miteinbezieht oder eben ausschließt. Als dediziertes Navi für Reiseenduros beherrscht das Zumo XT natürlich auch eine Offroadnavigation und kennt viele unbefestigte Wege. Und falls nicht, lassen sich selbstverständlich Tracks importieren, anzeigen und nachfahren.

Von „schnell“ bis „kurvig“ – in den Bergen liegen zwischen Stufe 1 und 4 auch mal fünf Stunden!

Weil das XT in meinen Augen jedem Handy überlegen ist

Ja, Google Maps oder andere Apps sind womöglich einfacher, für viele vor allem intuitiver zu bedienen. Aber das Thema „Handy als Motorradnavi“ ist aus vielen Gründen umstritten und füllt ganze Foren. Für viele funktioniert das mittlerweile, mit vibrationshemmenden Halterungen, Offline-Kartenmaterial und Smartphones, die nicht überhitzen und mit sauber verlegten Kabeln mit Strom versorgt werden. Für mich bleibt das eine unbefriedigende Lösung. Das mag zum Teil auch an meinem Handy liegen, aber ich habe generell wenig Freude mit Smartphones. Aber das Navi (in diesem Fall nunmal das XT) ist genau für diesen Zweck gemacht, es ist wetterfest, vibrations- und stoßfest, es ist mit dicken Wurschtfingern und bei Regen besser zu bedienen und besser abzulesen, es lenkt nicht mit Gruppenchats oder Anrufen ab, es ist auch in Ländern ohne EU-Datenroaming ohne Einschränkungen nutzbar. Und wenn es sogar noch weiter weg gehen sollte, bieten Garmin-Geräte auch die Möglichkeit, freies Kartenmaterial zu installieren (wobei das mit Smartphones natürlich auch geht). Die eingespeicherten Tankstellen, Supermärkte und Campingplätze sind womöglich nicht immer hundertprozentig aktuell, die hinterlegten Points of Interest spannen aber ein komfortables Sicherheitsnetz in Gegenden, wo man das Handy lieber im Flugmodus lässt. Die Suche geht praktischerweise nicht nur im Umkreis, sondern auch entlang der Route oder an jedem beliebigen Ort. Zusätzlich bietet Garmin die Funktion, das Handy über Bluetooth zu vernetzen, wodurch auch das Garmin aktuelle Wetter- und Verkehrsinfos darstellen oder vor Blitzern warnen kann. Für mich das beste aus zwei Welten (auch wenn ich auf die Zusatzinfos bisher gut verzichten kann). Und klar, auch das Garmin kann nach stundenlanger Fahrt ganz schön warm werden. Aber ausgestiegen ist es selbst bei 40 Grad Umgebungstemperatur nicht.

Die Datenbank bietet alles, was man braucht – vollkommen unabhängig vom Internet

Weil das XT viele Funktionen bietet, die alle einen Sinn haben

Beim ersten Erkunden der Menüs kann man schon mal überfordert sein, ich sehe das Zumo mittlerweile als sehr vielseitiges Werkzeug an. Neben den erwähnten Funktionen gibt es auch ein Routenplanungstool, Tracks können importiert und als Linie auf die Karte gelegt werden, die gefahrene Route kann im Hintergrund aufgezeichnet und später exportiert und bearbeitet werden, Rundtourfunktion, Kompass, Höhenmesser, MP3-Player. Wer möchte, kann sogar Serviceaktionen eintragen oder eine Tankwarnung nach eingestellten Kilometern aktivieren. Dass ich mithilfe des Navis sogar Lichter und Kühlschranke (Garmin PowerSwitch) bedienen kann, finde ich auch ein wenig lächerlich. Aber zum Glück kann man die auch hier „Apps“ genannten Funktionen beliebig sortieren. Wichtiger im Alltag: Die Kartenansicht lässt sich vielfach anpassen und kippen, wodurch ich entweder den eingenordeten Landkarten-Look habe, oder die Perspektive aus Fahrersicht, die gerade beim Abfahren eines Tracks sinnvoll ist. Das aktuelle Tempolimit wird auch angezeigt und stimmt logischerweise nicht überall, ist aber ein guter Anhalt. Das Anzeigen der Restzeit, Restkilometer oder die Uhrzeit der Ankunft lässt sich beliebig austauschen. Apropos Anzeige: Das Garmin lässt sich auch im Hochformat nutzen, wodurch es sich gut an die jeweiligen Cockpits anpassen lässt. Das 5,5 Zoll Display ist in jedem Fall top und kein Vergleich zu den kleineren, pixeligen Displays früherer Geräte. Nur wenn die Sonne gerade ganz blöd hinter einem steht, erkennt man nicht mehr, wohin die Reise gehen soll.

So sieht ein eingeblendeter Track aus (in diesem Fall der TET Bosnien, Ansicht gleich Fahrtrichtung)

Weil man ihm seine Macken und Eigenheiten verzeiht

Was häufig kolportiert wird: Garmin sei in etwa wie Windows oder Android und TomTom wie die Apple-Produkte. Also hier das System, das unkomfortabler ist, aber dafür besser anpassbar ist und z. B. auch andere Karten annimmt. Auf der anderen Seite das intuitiv bedienbare System, das eleganter funktioniert, aber den Nutzer auch etwas bevormundet und einschränkt. Der Vergleich hinkt sicherlich und ich kenne TomTom-Geräte zu wenig, um das beurteilen zu können. Für den normalen Alltag werden sich die Geräte nicht viel nehmen, auch preislich spielt das TomTom Rider 550 in der selben Liga. Es steckt aber ein wahrer Kern darin, das kann ich zumindest für das Garmin sagen. Viele Funktionen sind etwas unverständlich oder umständlich. Und ich rede nicht von der berüchtigten Planungssoftware BaseCamp, die nach etwas Einarbeitungszeit sehr mächtig sein soll, aber den Charme eines Windowsprogramms von 1999 versprüht. Es sind eher Kleinigkeiten, die mir oft erst auf der Reise auffallen. Warum z. B. viele Orte in Slowenien mit ihren veralteten, deutschen Namen angezeigt werden, obwohl sie doch mit den slowenischen Namen gefunden werden. Warum manche Orte auf der anderen Seite des Globus angezeigt werden, aber der in der Nähe nicht gefunden werden kann. Ausländische Orte sind sowieso häufig Glückssache. Werden sie mit Akzent geschrieben, findet das Zumo sie meist trotzdem (z. B. in Frankreich, Italien, Tschechien). Aber manchmal erkennt man nicht, was Straße und was der Ort ist. In diesem Fall findet das Navi oft garnichts, und es bleibt nur die Zielsuche über die Karte. Warum das „Adventurous Routing“ nicht während der aktiven Route hin- und hergestellt werden kann, sondern immer nur beim Start einer neuen Route angezeigt wird. Und, was eigentlich am häufigsten auftritt: Warum will das Garmin sehr häufig abbiegen, wo es gar keine Möglichkeit gibt und man einfach nur der Kurve oder dem Straßenverlauf folgt? Bloß, um bei zahlreichen Y-Gabelungen „geradeaus“ anzuzeigen. Den größten Patzer leistete sich das Navi bislang in Italien. Ich sollte in einen geteerten, schmalen Weg einbiegen, der als Sackgasse ausgeschildert war. Ganz ohne abenteuerliche Routenführung. Nachdem ich dem Weg ein paar Minuten folgte und schon an zwielichtigen Bauernhöfen vorbeikam, sollte ich rechts abbiegen. Da war aber nur Wiese. Nur ein Feldweg war einige Meter zuvor in die ungefähre Richtung gegangen, den hatte die Karte aber nicht eingezeichnet. Mir blieb nur übrig, umzudrehen, der Landstraße zu folgen und die Route währenddessen neu berechnen zu lassen. Bei all der Meckerei muss man das aber im Verhältnis sehen: Wer sein Hirn nicht komplett an das Navi abgibt, wird damit kein ernsthaftes Problem bekommen und bei dem Umfang (ganz Europa) wird es nicht ausbleiben können, dass ein paar Stellen oder Kurven vom Navi anders interpretiert werden, als sie sind. Dafür hat sich das Navi noch nie aufgehängt oder mich sonstwie im Stich gelassen.

Der letzte und womöglich größte Kritikpunkt betrifft jedoch die Hardware, genauer gesagt: Die Halterung. Zwar ist das mitgelieferte Set universell, aber auch wenig elegant, weshalb ich zumindest an der GS eine dezentere Alternative gefunden habe.

Das löst jedoch nicht das wenig vertrauenserweckende Einclipsen des Navis. Die Halterung wurde in Foren rauf und runterdiskutiert, auch beim aktuelleren (und umfassender ausgestattetem) Garmin Tread wird die gleiche Halterung genutzt. Dieses Manko ist jedoch eher ein gefühltes, als ein tatsächliches. Viele Nutzer halten dagegen, dass das Garmin auch nach vielen Pistenkilometern und selbst nach Stürzen in der Halterung geblieben ist. Das eigentliche Problem besteht im „Feedback“. Es rastet nämlich nicht immer hörbar ein, kann andererseits aber auch halten, ohne eingerastet zu sein und dann herausfallen. Auch meiner Meinung nach hätte das Zumo XT eine solider wirkende Halterung verdient, objektiv funktioniert das aber. Ich habe mir angewöhnt, immer auf das hörbare Einrasten zu achten. Außerdem habe ich in einem Forum den Tipp entdeckt, hinten eine Plastiköse aufzupappen, in die dann eine Schnur eingeschlauft wird. Diese Schlaufe wird dann vor dem Einklipsen um die Halterung gelegt. Das sieht nicht schön aus, kostete aber nur drei Euro und sichert das Gerät zusätzlich. Andere nutzen beispielsweise die abschließbare Touratech-Halterung, die mir aber ehrlich gesagt zu sehr aufträgt. Wer das Zumo immer hörbar einrasten lässt, kann sich beides im Prinzip sparen.

Die Schlaufe ist nicht hübsch, aber eine zusätzliche Sicherung

Ein letztes Wort noch zur Halterung: Diese wird alleine schon als Stromversorgung definitiv benötigt, denn die Akkulaufzeit beträgt nicht mehr als ein paar Stunden. Laut Garmin sollen bis zu sechs Stunden möglich sein. Ich habe das ein paar mal getestet, inkl. häufigem Ausschalten um Strom zu sparen. Nach mehr als einer wird man nervös, ich glaube länger als zwei oder maximal drei Stunden hat es nie gehalten. Mit dem mitgeliefertem Bordsteckdosenadapter, der am anderen Ende einen USB-Stecker hat, funktioniert das im Auto (ja, ein Adapter und Saugnapf für’s Auto ist auch dabei), aber auf dem Motorrad nicht wirklich. Daher meine Empfehlung: Wer das Navi wie ich bei zwei Motorrädern nutzen will, muss in den sauren Apfel beißen und noch einmal 110 Euro drauflegen. Denn das separate Halterungskit (49,99 Euro), die eigentliche XT-spezifische Halterung (19,99 Euro) und die passenden Stromkabel (39,99 Euro) lässt sich Garmin teuer bezahlen. Aber nur so lässt sich das Navi schön ins Cockpit integrieren und die ganze Kabelage hinter die Verkleidung sauber bis zur Batterie verlegen.

Da es an der G 650 X zu viel vom Cockpit verdeckt, habe ich das Navi hier seitlich montiert

Fazit

Mit 500 Euro UVP, die ich damals auch hingeblättert habe (obligatorischer Hinweis), ist das Zumo XT nach wie vor kein Schnäppchen, auch wenn es mittlerweile hier und da etwas günstiger angeboten wird. Als robustes, wetterfestes und offline funktionierendes Gerät hat es sich für mich schon zigfach bezahlt gemacht, da es nicht nur den Reisealltag erleichtert, sondern durch manche Funktionen ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Die Bedienung mag hier und da etwas gewöhnunsbedürftig sein, vor allem für Garmin-Einsteiger. Aber wer sich etwas Zeit dafür nimmt, wird die vielen Funktionen schnell zu schätzen lernen. Eine schöne Faltkarte aus Papier gehört für mich trotzdem nach wie vor dazu.

2 Gedanken zu “Garmin Zumo XT

  1. …dem ist nichts hinzuzufügen, kann das alles so bestätigen – mein Killerfeature des Garmin “nächste Tankstelle auf der Route” – kann keine mir bekannte App und es ist nicht so das ich nicht danach gesucht hätte

    • Komisch, gerade sowas müsste doch die Stärke von Apps sein. Die haben ja bei der Software, Aktualität und Bedienung eh Vorteile. Aber wie gesagt, ich kenne mich damit zu wenig aus und mir ist der Faktor „Robustheit“ wichtiger. Man muss aber auch sagen, dass die Einträge im Garmin veraltet sein können, das ist mir zumindest in Griechenland passiert. 😉 War da nicht schlimm, wenn es aber die einzige im Umkreis gewesen wäre, ist sowas auch ärgerlich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s