B22 – Tag 7

  • Abschnitt: Grilë (Albanien) – Pristina (Kosovo)
  • Zeit: 08:30 bis 13:30 Uhr bzw. 19:30
  • Tageskilometer: 330
  • Kilometer insgesamt: 2058

Ich wache um kurz nach 7 auf und halte es nicht viel länger aus, da es schon um diese Uhrzeit sehr warm ist. Außerdem fühle ich mich supersiffig. Ich packe schnell zusammen und gehe für das WLAN und die Abspülmöglichkeit nochmal rüber zum Campingplatz. Meine ursprünglich geplante Route habe ich bereits gestern ins Navi eingetippt. An einer Stelle leitet das Garmin über einen großen Bogen um, vermutlich deshalb, weil dazwischen wieder Schotter wartet. Eigentlich hätte ich mich darüber gefreut, ein paar Kilometer zwischendurch offroad zu fahren. Nach der gestrigen Erfahrung sehe ich es anders, und drehe die Parameter ziemlich uncool um: Autobahn und Mautstraßen JA, unbefestige Wege NEIN. Egal. Ich fahre durch Shkodra und sammle im Vorbeifahren wieder viele Eindrücke: Eselskarren, Geschäfte in Garagen, wo sich Ersatzteile in Regalen bis unter die Decke stapeln, wieder Menschen, die in Mülltonnen nach Verwertbarem suchen und Bettler, die eine Spurverengung und den dadurch entstehenden Stau zu nutzen wissen. Auf der Landstraße dahinter folgt Tankstelle auf Tankstelle, es ist viel Polizei unterwegs und in die andere Richtung (wie bis jetzt immer) staut sich der Verkehr über Kilometer. Wo wollen die denn alle hin? Spätestens auf der Autobahnetappe drängt sich wieder der Gedanke auf, diesem Land überhaupt nicht gerecht geworden zu sein. Aber andererseits, was ist besser? Ein Land (Albanien) komplett umfahren, um woanders (Kosovo) einen Tag länger zu verbringen? Oder möglichst viele Länder sammeln? Richtig oder falsch ist wohl Ansichtssache, aber so wie ich mich kenne, wäre ich wohl mit beiden Varianten unglücklich.

Hat man das auch mal erlebt: Autobahn in Albanien

Ich bin trotzdem ganz froh, nach der langen Landstraße (Geisterfahrer wieder inklusive) etwas weniger konzentriert fahren zu müssen. Bald stehen Begriffe wie Kosovo, Prizren und Pristina auf grünen Schildern und leider ist es wieder ein Krieg, der die Worte abenteuerlich auflädt. Die Grenze ist wieder unkompliziert, nur das Anstehen für die Versicherung dauert etwas. Dass der Kosovo nicht von der grünen (jetzt weißen) Versicherungskarte abgedeckt ist und Versicherungen an der Grenze verkauft werden, habe ich aber vorher erfahren und mit 10 Euro ist das auch schnell erledigt.

Die Zusatzversicherung macht diesen Grenzübertritt zum bisher „aufwändigsten“

Im Kosovo fahren gefühlt alle wieder deutlich entspannter. Sofern man das von der Autobahn aus beurteilen kann, wirkt alles modern und im Aufbruch. Das dänische Bettenlager heißt jetzt auch hier JYSK, auch sonst gibt es viele Marken und Ketten, die es bei uns auch gibt. Bald taucht Pristina am Horizont auf, in der Stadt selbst kann ich die vielen Eindrücke vor lauter Verkehr kaum verarbeiten. Ich sehe wieder Hochhäuser, viele Rohbauten, sehr viele Baukräne, eine riesige Mall und Ampeln, die sekundengenau anzeigen, wann sie wieder umschalten. So krass ich Sarajevo vor fast einem Jahr fand, so abgebrüht schwimme ich hier im Verkehr mit, der Kulturschock (den ich jetzt gar nicht mehr so nennen mag) verkommt zu bloßen Feststellungen, was hier in Nuancen anders ist. Vielleicht sind es aber auch wieder die deutschen Familienkutschen aus Osnabrück, Ulm oder Ludwigsburg, die mir signalisieren, dass auch hier die abenteuerliche Zeit langsam vorbei ist.

Ich checke in das Hotel im Norden von Pristina ein, wasche wieder ein paar Sachen und ruhe mich noch etwas aus, bevor es am Nachmittag zu den Bären geht. Citytour? Uff, ich glaube nicht. Ich nutze stattdessen meine Hackerskills, um mich ins WLAN einzuwählen. Denn das Netzwerk, das an der Rezeption funktioniert hat, hat hier oben keinen Empfang. Ich laufe also nochmal runter, und da dort niemand mehr steht, den ich fragen kann, fallen mir die Visitenkarten des Hotels auf. Die Telefonnummer kommt mir bekannt vor und ich finde die Erklärung, warum der Rezeptionist vorhin das lange Passwort mit den vielen Zahlen auswendig konnte. Natürlich hat das WLAN oben das gleiche Passwort. Kurze Zeit später breche ich zum Bärenpark auf.

Hier falle ich auf wie ein bunter Hund, sehe aber auch das ganz normale Pristina

Das Garmin kennt natürlich wieder die beste Abkürzung und lotst mich durch ein Wohngebiet mit den typischen Häusern im Rohbaulook. Als ich wieder auf einer größeren Straße bin, fahre ich an vielen bunten Geschäften und Werkstätten vorbei. An jeder Hausnummer gibt es etwas zu sehen, ich traue mich aber nicht so wirklich Fotos davon zu machen. In der Stadt, aber auch in kleineren Dörfern außerhalb fallen mir die fiesen Speedbumps auf, die ohne vorausfahrende Autos kaum zu erkennen sind. Sie sind weder farblich noch sonstwie markiert. Was mir auch mal wieder auffällt: aus Škola wurde in der Zwischenzeit SHKOLLA. Ich brauche eine gute halbe Stunde zum Bärenpark und fühle mich auf den letzten Metern fast wie im heimischen Ampertal. Sanfte Hügel, Maisfelder, kleine Stromleitungen, schmale Straßen. Kleine Dörfer mit Moscheen, Straßenmarkierungen und Schilder machen mir natürlich klar, dass die Ähnlichkeit nur landschaftlicher Natur ist. Bald kündigt sich der Bärenpark an und meine Vorfreude steigt, der lange Tag gestern ist schon längst vergessen.

Grund genug für einen Umweg und einen Tag weniger in Albanien

Ich lasse Helm und Jacke am Motorrad und bin schon vom Empfang begeistert. Ein modernes Gebäude mit Café, Restaurant, dem obligatorischen Souvenirshop, aber auch einem Spielplatz. Und wohin man schaut stilisierte Bären. Ich zahle zwei Euro für den Eintritt und entdecke nach wenigen Schritten den ersten Bären. Der Park ist so wie ich es mir vorgestellt habe, wirkt liebevoll gemacht und hat auch am Wegesrand viel für Kinder zu bieten. Eine Win-Win-Win-Situation wie es scheint. Da der Weg eine zeitlang bergauf geht, komme ich in meiner Motorradhose und den Stiefeln ins Schwitzen, ich bin aber sehr froh, den Park als einen zentralen Wegpunkt der Reise gewählt zu haben. Wenn man sich die Biografien der Bären so durchliest, fragt man sich mal wieder, was bei vielen Menschen eigentlich falsch gelaufen ist. Es sind nämlich nicht nur ehemalige Zirkusbären sondern auch solche, die in kleinen Käfigen vor Restaurants gehalten wurden und dann auch noch von Besuchern mit Steinen beschmissen wurden, andere wurden mit Bier abgefüllt. Andere Länder, andere Sitten, ja klar, aber manches ist einfach nur falsch.

Es ist leider kein Streichelzoo

Glaubt man den Schildern, haben die Bären aber hier ein sehr gutes Leben und werden auch geistig gefordert. Der Park soll außerdem zuallererst den Bedürfnissen der Tiere entsprechen, und nicht denen der Besucher. Dem ein oder anderen Braunbär sieht man aber nach wie vor an, dass sie in sehr kleinen Käfigen gelebt haben, wenn sie immer nur wenige Meter vor und zurücktrotten. Angst vor den Besuchern haben sie trotzdem nicht, manche sitzen in völliger Ruhe nur einen guten Meter hinter dem Zaun. Andere kühlen sich lieber in den zahlreichen Teichen ab. So viel ist klar, selbst wenn ich vom Kosovo nicht wirklich viel mehr sehen sollte, so ist der Besuch für mich das erhoffte zweite Highlight der Reise.

Um mir ein schönes Erinnerungstück zu kaufen und damit den Park hoffentlich noch etwas mehr unterstützt zu haben, kaufe ich mir im Souvenirshop einen Kapuzenpulli und ein T-Shirt. Dabei blende ich völlig aus, wie ich das unterbringen will. Anschließend setze ich mich in das Café, wo ich vor dem Kaffee erstmal einen Liter Wasser wegzische. Nach dem Foto sortieren bestelle ich mir noch einen Salat und Risotto und genieße die Zeit. Bei den anderen Gästen schnappe ich hin und wieder ein paar Fetzen Deutsch auf, was mich zur Überlegung bringt, dass auch das sicherlich mit dem Krieg und der Flucht nach Deutschland zusammenhängt. Im Gegensatz dazu spricht der Kellner nur wenig Englisch, trotzdem komme ich gut zurecht und denke mir überhaupt nichts mehr dabei. Umso rätselhafter ist mir, dass ich mir letztes Jahr in Tschechien teilweise so viele Gedanken gemacht habe. Aber vielleicht ist das einfach ein Reifeprozess, den andere schon wesentlich früher durchlebt haben.

Im Hotel schnappe ich mir an der Rezeption noch zwei gekühlte Wasser und wundere mich noch, warum hier alles so duster ist. Im Zimmer merke ich dann, dass der Strom ausgefallen ist, was ich eher witzig als störend finde. Nach einer halben Stunde gehe ich dann aber doch nochmal runter, um nachzufragen, wenige Minuten später leuchtet das rote Licht am Fernseher wieder und das Licht im Bad geht auch wieder. Es ist witzig, wie mich die Mischung aus Waschmittel, Raumerfrischer und längst verpufftem Zigarettenqualm geruchlich an das Haus von Bekannten erinnert. Abends gehe ich nochmal die Route zum Ohridsee durch, was die letzte Nacht im ehemaligen Jugoslawien sein wird, dass ich damit bis auf Serbien komplett bereist habe. Ich muss die Route aber noch einmal etwas abändern, denn beim Packen stelle ich fest, dass ich den Kapuzenpulli ausversehen in XS gekauft habe. Ich ziehe ihn trotzdem probeweise über, er fällt aber nicht so groß aus, wie erhofft. Ich komme zwar mit Größen zwischen M und XL zurecht, aber XS ist definitiv zu klein. Statt mich also mit dem Pulli zu ärgern oder ihn verschenken zu müssen, fahre ich morgen einfach nochmal zum Bear Sanctuary. Falls ich ihn nicht umtauschen kann, kaufe ich ihn mir halt nochmal und verschenke den XS-Hoodie. Jetzt hole ich aber erstmal die dringend benötigte Dusche nach.

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