B22 – Tag 3

  • Abschnitt: Otočac (Kroatien) – Jajce (Bosnien und Herzegowina)
  • Zeit: 10:00 bis 16:15 Uhr
  • Tageskilometer: 228
  • Kilometer insgesamt: 960

Der Indianerwecker meldet sich gegen 6, ich döse aber noch etwas weiter. Es ist immer noch recht frisch als ich aus dem Zelt klettere. Auch die umliegenden Zelte und Wohnmobile geben langsam Lebenszeichen von sich, als ich mir meinen Kaffee zubereite. Ich lasse mir viel Zeit beim einpacken und helfe kurz dem Italiener, dem seine Dominator beim Bepacken umgefallen ist. „At least it’s a light bike“ sage ich, um überhaupt etwas zu sagen, er bedankt sich sehr für die Hilfe, es scheint ihm auch etwas peinlich zu sein, dabei hat wahrscheinlich niemand den Umfaller gesehen und höchstens gehört. Ich beneide etwas die Beifahrerin des Miet-Campingbullis, die gerade ihrem morgendlichen Yoga frönt. Eine Yogamatte bräuchte ich zwar nicht, aber mir ist es hier zu öffentlich und in meinen Klamotten zu doof. Wenigstens finde ich beim Einpacken eine sinnvollere Aufteilung, indem ich den Schlafsack auch in den großen Koffer packe und dafür die Wasserflasche und ein paar andere Sachen in den kleineren Koffer stecke. In Richtung der Plitwitzer Seen ist wieder viel Verkehr, der jedoch nach der Abzweigung nach Bihać schlagartig abnimmt. Bis auf ein paar Laster habe ich die Straße überwiegend für mich, als ich mich über ein paar Kurven ins Tal herabschraube. Hier in der Nähe liegt auch das als Lost Place berühmte Flugfeld Željava, das ich mir natürlich nicht anschaue, obwohl ich es hinterher sicher bereuen werde.

Entspanntes Dahingleiten auf dem Weg zur bosnischen Grenze

Kurioserweise bin ich schnell durch beide Grenzkontrollen, obwohl sie dieses Mal sogar die Fahrzeugpapiere checken. Auf der anderen Spur ist richtig viel los, nicht nur deshalb wirkt es auf mich deutlich weniger depremierend als beim letzten Mal. Auch auf den ersten Kilometern in Bosnien sehe ich auffallend viele Autos aus Deutschland. In mir reift der Gedanke, es einfach mal so zu sehen: Es ist vielleicht kein Abenteuer nach Bosnien zu fahren (vielleicht war es das noch nie), aber es ist trotzdem spannend zu sehen, wie sich alles entwickelt, wo gebaut, erneuert, renoviert wird. Und wo eben einfach kein Geld da ist und etwas dem Verfall überlassen wird. Bei der Fahrt durch Bihać halte ich nach einem größeren Supermarkt Ausschau, an Gazprom-Tankstellen könnte man die Russland-Sanktionen der EU umgehen. Ob es wirklich einen Unterschied macht woanders zu tanken? Hmm. Nachdem ich aus dem Zentrum raus bin, entdecke ich einen großen Supermarkt und werde auf dem Parkplatz sofort von einem Jungen (vielleicht 8 oder 9?) angesprochen. Erst als er die Hand ausstreckt merke ich, dass er nicht das Motorrad bewundert. Das denke ich nicht aus Eitelkeit, sondern weiß, dass das hier halt manchmal so ist. Ich weiß nicht wirklich, wie ich mich verhalten soll, ignoriere ihn daher und bin froh, als er ein paar Sekunden später jemand anderen ins Visier nimmt und übereifrig hilft, dessen Einkaufswagen zu schieben. Mit einem etwas mulmigen Gefühl schiebe ich den Einkaufswagen in den düster beleuchteten Supermarkt. Die Kaufhalle erinnert an einen Baumarkt, in dem nur jedes fünfte Licht brennt, die ein oder andere hektisch flackernde Röhre und bosnischer Schlager machen es nicht besser, sondern für mich noch fremder. Interessanterweise gibt es hier neben Lebensmitteln fast alles, inklusive Spielzeug, Armaturen und Werkzeug für die Gartenarbeit.

Der Robot-Markt wirkt wie eine leicht düstere Kopie italienischer COOPs

Neben Essen für Mittag und Abend suche ich noch Handwaschmittel, denn auf dem Campingplatz habe ich festgestellt, dass ich die gelbe Tube wohl doch daheim vergessen haben muss. Hier gibt es zwar zig Marken, Sorten und Spezialmittel, aber Handwaschpaste ist wohl doch ein zu spezieller Artikel. Kurz überlege ich noch, eine 1-Liter-Flasche mitzunehmen, wüsste jedoch nicht, wo ich das noch unterbringen soll. Ich packe dann Gnocchi, Sauce, Brot und Frischkäse ein, als Zuckerl hole ich mir einen Eiskaffee. In der Obst- und Gemüseecke beobachte ich kurz wie das hier so läuft, danach schnappe ich mir zwei Bananen und lasse sie wiegen. An der Kasse kann ich bequemerweise auch mit Kredikarte zahlen. Beim Einpacken und Aufschnallen der Vorräte bettelt mich dann noch eine Frau an, sie versucht es in drei Sprachen (auch auf Deutsch), bevor sie mit einem genervten Seufzer aufgibt. In meiner GS-Uniform fühle mich etwas arschig, aber was soll’s. Anschließend fahre ich auf der gut ausgebauten M5 Richtung Südosten. Die Autos fahren ungefähr so wie in Italien, nur noch extremer. Also, entweder mit ~ 50 oder mit ~ 130 km/h. Fahrerisch ist das nicht besonders spannend, aber die umliegende Landschaft ist trotzdem schön.

Bären begegne ich hoffentlich erst in der Nähe von Prishtina…

Ob es am jetzt fehlenden Datenroaming oder am insgesamt spärlichen Verkehr liegt, heute fühle ich mich wirklich einsam, aber nicht unwohl. Einen Schritt in ein Café oder so mache ich natürlich trotzdem nicht. Übrigens heißt Schule auch hier Škola, was aber hin und wieder durch Школа ergänzt wird, auch die Ortsnamen sind oft um die kyrillsche Variante ergänzt. Kurz komme ich auch durch die Republik Srpska, in der sich die Reihenfolge ändert und das kyrillische das bevorzugte Alphabet darstellt. Trotz meiner Online-Russischlektionen und meinem Übungsbuch hangel ich mich dabei wie ein Vorschulkind von Buchstabe zu Buchstabe und bin ganz froh um die Zweisprachigkeit der Schilder. Zwischen ein paar Dörfern bleibt mein Blick an einem merkwürdigen Gebilde hängen, auf das ich mir keinen Reim machen kann. Als ich mir das zugewucherte Ding anschaue sehe ich, dass es ein Denkmal für Gefallene des Zweiten Weltkriegs ist.

Sieht von der Straße aus wie ein Grafikfehler, ist aber ein Denkmal und als solches immerhin ein Eyecatcher

Schon in Kroatien sind mir viele Stände aufgefallen, die am Straßenrand Honig oder Schnapps verkaufen, hier entdecke ich hin und wieder sogar Händler, die offensichtlich gebrannte CDs mit von der Sonne ausgeblichenem Cover verkaufen. Wie viele der hier fahrenden Autos (z. B. der Nasenbär-Passat) habe ich sowas zuletzt vor rund 20 Jahren gesehen. Bald erreiche ich mein heutiges Tagesziel, Jajce, das an einem See liegt und mehrere Campingplätze bietet. Den von mir bereits vor Wochen recherchierten finde ich auch nach vielem hin- und herfahren nicht, so dass ich letztlich auf einem anderen lande. Der liegt zwar nicht direkt am See, macht aber einen super Eindruck und kostet unverschämt günstige 6 Euro irgendwas, so dass ich dem Mädel am Empfang einfach 7 Euro in die Hand drücke. Es gibt sogar ein Restaurant, aber meine gekühlten Gnocchi müssen weg. Nachdem ich gestern gelernt habe WIE ich das Zelt aufstelle, geht es jetzt darum WO ich das Zelt positioniere. Gestern lag ich leicht schräg und bin auf der Isomatte immer etwas gerutscht, außerdem ist immer die Frage, wie weit man es zu Klo und Waschmöglichkeiten haben möchte. Da ich noch komplett freie Platzwahl habe, versuche ich einen Kompromiss zu finden, indem ich mich nicht zu weit, aber auch nicht zu nah am Waschhaus positioniere. Ich merke außerdem, dass wirklich ein bis zwei Meter über den WLAN-Empfang entscheiden. Auch diese Dusche bietet die Wahl zwischen „kalt“ und „sehr kalt“, was mich aber nicht mehr wirklich stört. Ich merke auch, dass ich mich so langsam auf Campingplätzen und ihrer Infrastruktur zurechtfinde, das Schlafen im Zelt nervt mich auch (noch?) nicht und beim Ein- und Auspacken werde ich jeden Tag routinierter. Bei einem Snack gehe ich schon mal die Optionen für den morgigen Tag durch.

Nach der Dusche überspiele ich mal wieder ein paar Fotos von der Kamera aufs Handy

Ich überlege, ob ich wirklich nach Mostar fahren soll. Zum einen war ich letztes Jahr dort, zum anderen sind rund 170 Kilometer für einen Tag wirklich wenig. Andererseits hat es mir dort gut gefallen, ich hätte Lust dort zur Abwechslung mal Essen zu gehen und ein Hotel würde eine komfortablere Möglichkeit bieten, etwas Wäsche zu waschen (sofern ich auf dem Weg noch Waschmittel finde oder zur Not Duschgel benutzen muss). Da ich aber sowieso schon den Mali Alan ausgelassen habe, erlaube ich mir den kurzen Fahrtag und werde die übrige Zeit für eine kleine Fototour nutzen. So langsam treffen auch andere Camper ein, die meist ein oder zwei Runden drehen und sich dann aber mit großem Abstand über den Platz verteilen.

Oh was ist das denn? Uaaa…

Ich weiß zwar nicht, warum ich das denke, aber ich habe immer wieder das Gefühl, ich sollte eigentlich dieses oder jenes machen/anschauen/probieren. Auch weil ich jeden Tag zig Gelegenheiten auslasse mit Einheimischen oder auch nur mit anderen Campern ins Gespräch zu kommen. Und trotzdem finde ich das bis jetzt eigentlich ganz cool, wie ich diese Reise durchziehe. Dass ich mich auch daheim einfach in den Garten ins Zelt legen könnte, mir Pasta auf dem Gaskocher brutzeln und danach ein Buch lesen könnte, ist klar. Aber das macht ja trotzdem niemand.

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