B22 – Tag 4

  • Abschnitt: Jajce (Bosnien und Herzegowina) – Mostar (Bosnien und Herzegowina)
  • Zeit: 09:30 bis 15:00 Uhr
  • Tageskilometer: 170
  • Kilometer insgesamt: 1130

Ich schlafe so gut, dass ich einen Moment brauche um zu kapieren, dass ich in einem Zelt aufwache. Beim Ausbreiten der Zeltunterlage und der Regenhülle wird beides durch die feuchte Wiese nasser als vorher, daher mache ich mir nicht weiter Gedanken und packe nach einem Kaffee alles routiniert zusammen. Ich fahre nochmal kurz am See vorbei, wo schon wieder viel los ist. Für Bosnien scheint Jajce schon ein touristisches Zentrum zu sein.

„Ma prima un caffè!“

Mein erster Stop ist schon ein paar Minuten später bei einem DM, der gestern geschlossen war und in dem ich die letzte Tube Reisewaschmittel abgreife. Da sie bis auf das aufgeklebte Etikett mit serbokroatischer Übersetzung dem entspricht, was man auch in unseren Drogeriemärkten bekommt, kann ich mir zumindest sicher sein, nicht ausversehen doch einen Teppichreiniger zu kaufen. Ich finde die McDonaldisierung und Verstarbucksung (ist das überhaupt ein Wort?) auch blöd, aber in diesem Fall ist es praktisch. Da ich im Wesentlichen nur den wenigen Landstraßen nach Mostar folgen muss, komme ich weitgehend ohne Navi aus. Blendet man die Geschäfte, Tankstellen und Häuser aus, erinnert mich die Landschaft zwischendurch stark an den Schwarzwald. Donji Vakuf ist die erste größere Stadt auf der Route, wo es dank vieler Schornsteine und Autos wieder stark qualmt und nach verbranntem Öl riecht. Beim Tankstopp ergibt sich wieder etwas Smalltalk, zumindest nachdem der Kassierer endlich den Kampf gegen die Plastikverpackung seines Schokoriegels gewonnen hat. Nemecka? Deutschland? Essen? – München! Aus Interesse rechne ich den Verbrauch aus, der mit 4,2 Litern absoluter Rekord, bei diesen Straßen und Tempolimits andererseits auch kein Wunder ist.

Wäre jetzt beides keine schlechte Entscheidung

Auf dem Weg durch Bugojno beschließe ich, den Mittag bei Albert in Gornji Vakuf-Uskoplje zu verbringen, was sowieso auf der Route liegt. Albert bietet dort Endurotouren in die umliegenden Berge an, wir haben ihn nach einer Empfehlung durch Jens Kuck bei unserer Bosnientour (ich erwähnte sie bereits ein- oder zweimal) kennen gelernt. Er war derjenige, der mit seinem Bus und Anhänger fast drei Stunden unterwegs war, um uns mit unserer Reifenpanne auf dem Trans Euro Trail zu helfen. Mein Handy erinnert sich auch und verbindet sich automatisch mit dem WLAN, was ich gleich nutze, um ein paar Bilder als Vorschau hochzuladen und mir für später ein Hotel in Mostar zu buchen.

Pause für Körper und Geist in Gornji Vakuf-Uskoplje, im Restaurant Roma

Als ich danach mein gebratenes Gemüse und einen Salat esse, trifft mich das Urlaubsgefühl mit voller Wucht, so als hätte es in den letzten Tagen nicht Schritt halten können. Nach einem weiteren Kaffee treffe ich dann sogar noch Albert, der zwar meinen Namen, aber nicht mein Gesicht vergessen hat und wieder supernett ist. Nach einem Selfie müssen wir beide weiter, er arbeiten, ich urlauben.

Richtung Prozor-Rama warten wieder ein paar schöne Kurven, der Asphalt weckt leider wenig Vertrauen

Richtung Tal serviert die Straße schöne Serpentinen, der bröckelige, aufgeschabte Asphalt steht mir etwas im Weg, ändert aber nichts an der guten Aussicht mit Blick zum See. Ich genieße aber auch die größeren Ortschaften mit ihren Bars, Sportbars (ganz wichtig), Klamottenläden, Schulen und Kindergärten. Der Verkehr ist leicht chaotisch, es reicht aber um genügend Sinneseindrücke zu sammeln und zu merken, dass man eben schon eine gewisse Distanz gereist ist. Bald fahre ich entlang der türkisblauen Neretva, der ich bis nach Mostar folge, auf einer Straße, die mich weniger durch Kurven als mit der Kulisse links und rechts begeistert. Kurz vor der Stadt wird es erstmals seit der kroatischen Küste wieder richtig heiß.

M17 Richtung Mostar, links die Neretva, welche später von der berühmten Brücke überspannt wird

In Mostar erspähe ich gleich die Windräder, die auf den Bergen über der Stadt thronen, ich überlege kurz, dort noch einmal hochzufahren, hauptsächlich der Fotos wegen. Ich entscheide mich dann aber doch lieber fürs Hotel und dafür, meine Wäsche zu waschen. Das Trocknen dauert schließlich immer länger, als man denkt. Der Ausblick aus dem Hotelzimmer (Hof- statt Flussblick) erklärt den günstigen Tarif, das ist mir aber egal. Ich erkundige mich nochmal nach der besten Parkmöglichkeit und soll das Motorrad einfach vor die Fenster der Rezeption stellen, was mir nach all den Nächten direkt neben dem Motorrad gar nicht so leicht fällt. Es ist aber besser, als im finsteren Hinterhof, in dem ich zuerst geparkt habe.

A room with a view

Nachdem ich die triefende Wäsche im Badezimmer verteilt habe, mache ich einen Deal mit mir selbst und nehme mir vor, für die luxuriöse Hotelübernachtung morgen früh aufzustehen und wieder etwas mehr Kilometer zu machen. Damit steht jedoch auch die nächste Entscheidung an, was in diesem Fall Montenegro betrifft: Durmitor-Nationalpark oder Kotor? Berge oder Küste? Land oder Stadt? Menschen oder … viele Menschen? Ich bin mir sicher, dass ich durch Kotor sowieso nur durchfahren würde, andererseits wartet dahinter noch der Lovćen-Nationalpark, der namensgebende Berg und viele viele Kurven. Aus dem Bauch heraus (und da mir hier jetzt schon zu viel los ist) entscheide ich mich für den Norden Montenegros und den Durmitor-Nationalpark. Jetzt gehe ich aber erstmal meine kleine Citytour an, bei der ich mich etwas in der Disziplin Street-Photography versuche. Wieder konzentriert sich alles auf die Brücke und die wenigen Gassen drumherum, in denen dichtes Gedränge herrscht.

Beim Abendessen habe ich wenigstens freien Blick auf Brücke und Fluss, ich esse wieder Grillgemüse, probiere ein Mostar-Bier und erfreue mich an der Balkan-Kalorienbombe Baklava. Danach schlendere ich noch etwas durch die Gassen, ohne mich dabei allzu sehr zu verkünsteln. Der Gedanke, morgen in Montenegro zu sein gefällt mir, das letzte Mal war Mostar (bzw. eigentlich Sarajevo) der Umkehrpunkt, jetzt hat alles gerade so richtig angefangen. Etwas Unbehagen bereitet mir nur das geparkte Motorrad, auch wenn ich weiß, dass hier auch alle nur ihr ganz normales Großstadtleben führen und die geparkte GS höchstens zwei Sekunden länger wahrnehmen, als die vielen geparkten Roller mit verblichener Plastikverkleidung. Scheiß drauf, dann bin ich halt ein paranoider Touri mehr – ich gehe nochmal runter an die Rezeption und frage, ob sie auch nachts besetzt ist. „Twentyfour hours a day“, den Zwischentönen der Antwort entnehme ich, dass ich nicht der erste bin, der sich danach erkundigt. Entschuldigend sage ich, dass das Motorrad „my life“ sei und ich auf einer „big journey“ wäre. Beides ist nicht einmal soo übertrieben. Dass letztens 15 Motorräder da waren und ein „don’t worry, it’s safe“ zu hören, gibt mir letztlich das beruhigende Gefühl, das ich gesucht habe. Die Wäsche ist trotz der Lüfterei leider immer noch mehr nass als feucht, aber ich kann es nicht ändern. Steck ich sie halt für ein paar Stunden in den Beutel und häng sie nochmal auf. Gute Nacht.

Globetrotter parken ihr Motorrad oft in der Lobby. Ich bin dafür wohl noch zu tief in Europa

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