Testride: BMW R 1200 GS, luftgekühlt

Was gibt es denn zur GS noch zu sagen. Vor allem zu einer K25 von 2008. Immer noch genug, wie ich finde. Vor allem da ich nun schon einige Zeit auf ihr unterwegs bin, und mich der Unterschied zur wassergekühlten Neuauflage, aber auch zu anderen Motorrädern immer wieder erstaunt. Dabei ist sie gar nicht so perfekt, auch wenn das seit Jahren so gesagt wird.

Das aktuelle Outfit im Stil der späteren Rallye-Edition

Den ersten Absatz kann ich fast 1:1 vom Testride der wassergekühlten 1200 GS übernehmen: Auch hier erübrigt sich eine Vorstellung in Motorradfahrerkreisen. Denn wer keine hat oder hatte (schon die luftgekühlte GS war jahrelang das meistverkaufte Motorrad in Deutschland), der hat garantiert trotzdem eine Meinung dazu. Hier möchte ich einfach nur beschreiben, was ich von der GS halte. Und warum sie nach wie vor ein schöner Allrounder ist.

Hans Dampf in allen Gassen

Die GS zeichnet sich seit jeher durch ihre Vielseitigkeit aus. Mit straffem Fahrwerk und einem Satz Pirelli Scorpion Trail fährt sie schneller um die Kurven, als sie es den technischen Daten nach sollte. Ein Paar TKC 80 aufgezogen und sie wühlt sich durchs Unterholz, ebenfalls besser als sie es dem Gewicht nach sollte. Obwohl das Konzept GS 1994 mit Einführung der Vierventil-1100er (das ist die mit Busscheinwerfer und Playmobil-Optik) einen deutlichen Schritt Richtung Straße gemacht hat, taugt sie trotz des hohen Kampfgewichts für leichtes und mittleres Gelände. Das ist, wie immer, Definitionssache, aber darüber zu diskutieren ist müßig. Es geht. Ob man das braucht oder will ist eine andere Frage. Klar ist auch, dass sowas mit einer Sportenduro leichter ist. Und wenn 99 Prozent der GS-Fahrer kein Gelände fahren und es nur können wollen, wenn sie wollen würden, dann ist das doch auch ok. Wer eine Fireblade kauft, muss sich ja auch nicht rechtfertigen, wenn er die Honda auch mal zum Pendeln benutzt. Exkurs und Aufregung Ende.

Nach 1100 und 1150 GS kam 2004 die 1200 GS (Modellcode K25) auf den Markt, und war ein größerer Entwicklungsschritt, als von der 1100er zur 1150 GS. Nicht ganz unumstritten allerdings, denn mit vielen Kunststoffteilen statt Stahltank und CANBUS statt klassischem Kabelbaum war die Neue schnell als Plastikbomber verschrien, dessen „Hochtechnologie“ bestimmt mit Unzuverlässigkeit bezahlt wurde. Aus heutiger Sicht wirkt sie dagegen schon wieder ziemlich konventionell. Aber wie bei jedem Modell waren ein paar Rückrufe unvermeidlich. Fahrerisch und objektiv konnte die 12er GS jedoch alles besser als ihre Vorgängerin, auch dank einer Diät von gut 20 Kilogramm. Die propagierten 30 Kilo gelten höchstens ohne Sonderausstattung und ohne Sprit. Im Ready-to-Reise-Trimm stehen rund 245 Kilogramm auf der Waage, ein damals wie heute guter Wert. 2006 folgte das entsprechende Adventure-Modell, mit 33-Liter-Tank, entsprechendem Rundumschutz ab Werk und hübschen Zusatzleuchten, die lokomotivartig ein Dreieck bilden. Eine größere Scheibe vergrößert die Langstreckentauglichkeit zusätzlich, ob die höheren Federwege und gezackten Fußrasten aber die Geländetauglichkeit steigern, ist angesichts der Zusatzkilos sicherlich zu diskutieren. Das gilt wohl auch für die heutige Generation. So oder so, wer auf den Macho-Look (oder die Reichweite und den höheren Reisekomfort) verzichten kann, rüstet das meiste einfach an der leichteren Standard-GS nach. In Summe erreichten die GS-Verkaufszahlen neue Rekorde und bereits 2008 folgte die erste Modellüberarbeitung (MÜ), vor allem an den Metall-Verkleidungen am Tank erkennbar. Selbstschrauber freuten sich über den Entfall des umstrittenen und eigentlich unnötigen Bremskraftverstärkers sowie die einfachere Möglichkeit, das Öl im Endantrieb zu wechseln. Eine weitere Neuerung war das optional elektronisch verstellbare Fahrwerk ESA. Das kannte man schon aus anderen BMWs, für die GS waren zwei Geländemodi inklusive, wovon einer sogar die Federwege zusätzlich um 10 Millimeter vergrößert. Für viele die wichtigste Änderung: Die Leistung stieg von 98 auf nominelle 105 PS. 2010 folgte bereits die „technische Überarbeitung“ (TÜ), die GS erhielt den DOHC-Boxer mit neuen Zylinderköpfen, der 110 PS leistet und bis heute in den R nineT-Modellen verpflanzt wird. In diese Zeit fallen auch hübsche Sondermodelle wie Triple Black oder die Rallye-Modelle mit rot lackierten Rahmen. 2012/2013 erschien die wassergekühlte Nachfolgerin mit gleichem Namen und Modellcode K50. Die K25-Modelle schrieben die Erfolgsgeschichte der GS jedenfalls weiter fort, auch wenn die Konkurrenz in mancher Hinsicht Besseres zu bieten hatte. Die Benchmark blieb jedoch die GS. Nicht ohne Schwächen, aber in der Summe ihrer Eigenschaften unschlagbar, so der Tenor. Und soweit vermutlich nichts Neues.

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Die Adventure-Version der R 1200 GS mit großem Tank

Charakter? Und wie.

Auch deshalb wird der Boxer-GS, wie vielen BMWs, null Emotionalität vorgeworfen. Komisch, wo sie doch so viele so hässlich und langweilig finden. Im Idealfall hat man sich die GS dann immerhin „trotz ihrer Optik“ gekauft. Abgesehen von konzeptbedingen Nachteilen, die so ein Kompromiss mit sich bringt, gibt es natürlich auch Schwächen, wie sie jedes Zweirad hat. Gerade wenn der Motor kalt ist, klackert und klonkt es zum Beispiel ganz ordentlich. Nicht nur beim Gangwechsel, auch bei jedem Ein- und Auskuppeln. Die lange Eingewöhnungszeit an den Telelever kann ich nur zum Teil nachvollziehen. Im Allgemeinen spricht man von wenig Rückmeldung vom Vorderrad, was ich ehrlich gesagt nicht vermisse. Dafür bremst es halt wahnsinnig und die Gabel taucht nur minimal ein. Dass die Fuhre beim Gasgeben im Stand (und bei Zwischengas während der Fahrt) etwas nach rechts kippt, verbreitet dagegen merklich Freude. Langweiliger Traktormotor? Ja, unbedingt! Wer viel Druck aus tiefen Drehzahlen zu schätzen weiß, wird es lieben. Dass die frühen Baujahre noch die klassischen dreigeteilten BMW-Blinker tragen, ist immerhin nach fünf oder sechs Mal Blinken vergessen. Was mir immer wieder gefällt sind die vielen praktischen (jaja, langweiligen) Details. Alleine schon der höhenverstellbare Sitz, das darunter liegende (wenn auch kleine) Werkzeugfach und die Möglichkeit, den Helm dort abzuschließen. Die Soziusbank dagegen kann einfach abgenommen werden und bietet so noch mehr Platz für Gepäck, vor allem wenn die Gepäckbrücke abgebaut wird. Der Lenker ist in zwei Positionen (näher am Fahrer und weiter weg) einstellbar, der Windschild ebenfalls in vielen Stufen, wenn auch noch nicht während der Fahrt. Heizgriffe, Navihalter, Bordsteckdose, Hauptständer…

Als Einsitzer mit praktischer Ablage unter dem Sozius, die bündig mit den Koffern abschließt

Das heißt aber nicht, dass es nichts zu kritisieren gibt. Indiskutabel sind zum Beispiel die Reifendrucksensoren, deren Batterien nur aufwendig getauscht werden können (ich habe die Reifendruckanzeige deaktivieren lassen). Oder die absolut unzuverlässige Tankanzeige (Codename Foliengeber), die bei vielen ersetzt wurde und oft nach zwei oder drei Monaten wieder nicht ging? Dann plant man die Tankstopps halt wieder nach Tripcounter. Glücklicherweise sind das alles mittlerweile dokumentierte Schwächen. An der Stelle sei auch noch der unbedingt empfohlene, regelmäßige Ölwechsel im Hinterachsgetriebe erwähnt. Bei den ersten Modellen war hier noch von einer Lifetime-Füllung die Rede. Seit der Modellüberarbeitung 2008 (also die hier gezeigte) gibt es immerhin auch wieder eine Ablassschraube, die den Wechsel einfacher gestaltet. Ebenso lebenslang soll der Benzinfilter halten, der in der Pumpeneinheit verbaut ist und nur mit viel Aufwand austauschbar ist. Bei der Vorgänger-GS sollte er noch alle 40 000 Kilometer gewechselt werden. Eine gewisse Skepsis bleibt trotzdem. Worauf ich hinauswill? Die GS ist sicherlich kein perfektes Motorrad ohne Schwächen. Und ebenso ist GS fahren meiner Meinung nach nicht gleichbedeutend mit draufsitzen und wohlfühlen. Auch hier braucht es etwas Zeit, um sich an die Eigenheiten zu gewöhnen. Aber definieren Eigenheiten nicht den Charakter eines Motorrads?

Für Reisen ist die GS auch ganz ok…

Modellfindung, die K25 und ich

Warum ich genau diese Baureihe so mag? Das hat mehrere Gründe, und der erste, der mir einfällt ist Südtirol 2005. Das war glaube ich der dritte Soziusurlaub, den ich als nur mäßig Motorradinteressierter auf der Sitzbank der GS erlebte.

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Ein weiterer Grund ist, dass mir die Modellreihe K25 optisch am besten gefällt, im Vergleich zu vorherigen, aber auch zur aktuellen GS. Mehr als einmal wurde ich gefragt, ob das meine „800er“ in der Tiefgarage sei. Neben einer K50 (die wassergekühlten 1200 und 1250 GS) sieht die Alte tatsächlich klein aus. Die älteren 1150 GS gefallen mir ebenfalls, waren mir aber etwas zu schwer. Das war auch der Grund, warum ich mich gegen die Adventure-Version der K25 entschieden habe, die ich früher in ihrer monumentalen Zweckmäßigkeit und Multitool-Aura immer hübscher fand. Aber wenn es schon ins Gelände geht, dann sollte, wie oben schon gesagt, die normale GS besser (weil leichter) sein. 10 Millimeter mehr Federweg hin oder her. Kurioserweise wiegen aktuelle 800er und 900er fast genauso viel. Was spricht sonst noch für die alte GS? Luftkühlung, Gewicht, Ausstattung, dokumentierte und überschaubare Schwächen, das im Vergleich zu aktuellen Großenduros noch etwas geländefreundlichere Reifenformat… In Summe also ein perfektes Vernunftmotorrad, das trotzdem Spaß macht und mit ein paar Modifikationen cool aussieht. Spätestens im Vergleich zur 650er Xchallenge wird mir immer wieder klar, was für ein bequemes und funktionales Motorrad die GS ist. Aber langweilig finde ich sie eigentlich nur ab Werk, mit Gussrädern, Straßenreifen und Topcase.

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Erste Maßnahme: Sturzbügel weg; Zweite Maßnahme: Gussräder weg

Fazit:

Ein objektives Fazit ist ein Widerspruch in sich, aber das wollte ich auch niemandem versprechen. Vieles spricht auch heute noch für die luftgekühlte GS. Auch wenn die wassergekühlte alles besser kann. GS ist und bleibt wie jedes Motorrad Geschmackssache, aber bei der BMW muss halt jeder blöd daherreden. Wer sie nicht mag, muss sie nicht fahren. So einfach ist das. Ich liebe meine GS jedenfalls so, wie sie jetzt ist. Mit ihrem unaufgeregten, aber souveränem Charakter passt sie perfekt zu mir. Laut schreien, schnell hochdrehen und sich in knalliger Farbe präsentieren hat keiner von uns nötig. Und wenn die Reise etwas länger geht, einfach die Beine auf die Zylinder legen und mit brummigen Boxersound weiter Richtung Horizont. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger spielt es eigentlich eine Rolle, ob 1000, 1100, 1150, 1200 oder 1250 davor steht. Eine GS ist eben eine GS. Und mit etwas Aufwand wird daraus eben die eigene GS.

Besonders gut finde ich …

  • Ein Motorrad für (fast) alle Fälle
  • Boxer, luftgekühlt und gutmütig
  • Moderates Gewicht, leichtes Handling
  • Bequemes Reisemotorrad, auch zu zweit
  • Noch nicht übertechnisiert (naja, eigentlich auch schon)
  • Aus heutiger Sicht geradezu schlank
  • Wartung in Eigenregie möglich…

Was mir nicht so gut gefällt…

  • …bis auf ABS und die Service-Anzeige (außer man holt sich ein G911)
  • Etwas bockig bei Stop & Go, vor allem wenn sie kalt ist
  • Ich bin zu groß für die Scheibe oder die Scheibe ist zu klein für mich.
  • Das GS-Fahrer Image

Auf dem Papier (Modelljahr 2008)

  • 1170 ccm Zweizylinder-Boxer, Einspritzung, Luft- /ölgekühlt
  • 105 PS bei 7000 rpm und 115 Nm bei 5750 rpm
  • Nasssumpfschmierung
  • Sechsgang, Kardan, ca. 210 km/h
  • Gewicht vollgetankt: 244 kg (ohne Koffer und ohne Sturzbügel)
  • 20 l Tank, Verbauch ca. 5,7 l/100 km, Reichweite ca. 350 km
  • Gitterrohrrahmen aus Stahl, tragender Motor-Getriebe-Verbund
  • Fahrwerk vorne: 41 mm Telegabel / Telelever, mit 190 mm Federweg, 110/80-19 Reifen
  • Fahrwerk hinten: Einarmschwinge, ESA-Federbein und Paralever, 200 mm Federweg, 150/70-17 Reifen
  • Sitzhöhe 870 / 850 mm (verstellbar)
  • Bremsen: Teilintegral, Vierkolben-Festsättel und Doppelscheiben 305 mm vorne, Einzelscheibe 265 mm hinten, ABS, Traktionskontrolle
  • 720 W Lichtmaschine
  • Service: alle 10000 km
  • Preis gebraucht: um die 8000 €

Zubehör

  • Für die alte GS gibt es nach wie vor fast alles, was man theoretisch brauchen könnte.

Vergleichbare Motorräder

  • BMW R 1150 GS bis 2004, 1200 GS ab 2012 (wassergekühlt)
  • Ducati Multistrada
  • KTM 990 Adventure
  • Yamaha Super Ténéré
  • Triumph Tiger 1200
  • Suzuki V-Strom 1000

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