B22 – Tag 2

  • Abschnitt: Postojna (Slowenien) – Otočac (Kroatien)
  • Zeit: 9:00 bis 16:15 Uhr
  • Tageskilometer: 219
  • Kilometer insgesamt: 732

„Von 13 bis 33 Grad“ wäre ein passender Arbeitstitel um diesen Tag zu beschreiben. Ich stelle fest, dass das angegebene Temperaturlimit („Grenztemperatur 13 Grad“) meines dedizierten Sommerschlafsacks für mich genau zutrifft und in der Nacht desöfteren die Komfortuntergrenze markiert. Ich habe aber genug Klamotten um mich herumliegen, um mir zu behelfen. In der Enge meines Tunnelzelts, die Hälfte der Ausrüstung außerhalb der vermeintlich sicheren Zeltwände, schwanke ich zwischen einer gewissen Gemütlichkeit und Paranoia, träume dementsprechend wild und gefühlt das, was man sonst in drei Nächten träumt. Als ich auf die Uhr schaue ist es erst halb 5, trotz voller Blase kann ich nochmal einschlafen. Um kurz nach 7 halte ich es nicht mehr aus, was aber eh ganz gut passt, denn den Geräuschen nach zu urteilen regnet es gerade nicht mehr. Trotzdem ist es ein ganz schöner Kampf, liegend (und mit besagtem Harndrang) in die Motorradhose zu schlüpfen. Ein Blick aufs Regenradar verkündet noch mehr Niederschlag, der um kurz nach 8 einsetzen soll. Ich setze erstmal die Bialetti auf und lasse mir trotz der aufziehenden Wolken Zeit beim packen. Es hilft ja eh nix, ich muss Zelt und Tarp sowieso nass einpacken. Der Rest ist ja trocken geblieben. Bald schmeiße ich mir die Regenjacke über, fahre zur Rezeption, zahle gerade mal 13 Euro und fahre trotz dichter Wolkendecke gut gelaunt los und beschließe der bald auftauchenden „Hofer“-Beschilderung zu folgen. Österreich-Insider wissen, dass die Märkte im Prinzip dem Aldi Süd entsprechen. Die links und rechts auftauchenden Kaffeebars wirken bei diesem Wetter dagegen wenig einladend, also lasse ich mir Zeit um mich in aller Ruhe für eine Mittagspause und das Abendessen einzudecken.

Der Einkauf in erprobter Art und Weise

Während ich in meinen Endurostiefeln über die typisch beigen Aldi-Fliesen quietsche, wird der Regen in der Zwischenzeit noch stärker, nachdem ich also den Einkauf untergebracht und verzurrt habe, ergänze ich mein Outfit um eine Regenhose. Auf dem Weg Richtung Kroatien stoße ich erneut auf Teile unserer Slowenientour, die bei besserem Wetter richtig schön zu fahren wären. Denn wie gestern sind hier nur wenige Autos unterwegs. Am Grenzübergang hat sich eine kleine Schlange gebildet, bei der ich mich füßelnd immer ein paar Meter vorwärts schiebe. Nach einer gefühlten halben Stunde bin ich endlich durch, die Straße wird bald noch interessanter, auch weil sie als für Motorradfahrer „demanding road section“ angekündigt wird. Weiteres Indiz sind die vielen Mopeds, die mir entgegenkommen. Ich grüße gerne und ehrlicher zurück als zuhause, weil es hier irgendwie was anderes ist als in den Alpen oder an einem Schwarzwaldsonntag. Ein paar der Fahrer warten den Regen lieber in kleinen Häuschen der Bushaltestellen ab. Viele kommen außerdem offensichtlich vom Trans Euro Trail. Aber auch für Straßenfahrer wäre hier bei besserem Wetter viel geboten, inklusive Serpentinen mit rot-weiß eingefärbten Randsteinen. Nach ein paar Kurven mache ich eine kleine Pause, bei der ich ein Baguette mit Hummus futtere und meinen Vitaminhaushalt mit einem Smoothie aufbessere. Zwischendurch stelle ich auch fest, dass Schulen hier nicht mehr mit auf der Straße aufgemalten „Šola“ sondern mit „Škola“ angekündigt werden. Aber „Serbokroatisch“ ist ein Thema für sich und womöglich nach wie vor politisch aufgeladen.

Sieht nicht danach aus, aber trotz Regen habe ich heute viel mehr Spaß am fahren

Mein Plan für heute ist ja eigentlich die Insel Krk zu erreichen, aber selbst das ist nicht in Stein gemeißelt. Zumindest scheint das Regenradar (eine immer wieder überraschend präzise Wettervorhersage) auch dafür zu sprechen. Der Regen schwächt aber auch hier ab und bald werden bereits getrocknete Straßenabschnitte sichtbar, was mich alles etwas entspannter angehen lässt.

Näher an Slowenien als an der Küste sind die Straßen kurvig, grün eingerahmt und spärlich befahren

Langsam kommt außerdem das karg-felsige zum Vorschein, das ich bis jetzt eher mit Kroatien verbinde – außerdem wird’s sehr schnell sehr warm, das Meer kommt in Sicht und wenige Hundert Meter später nimmt auch die Verkehrsdichte schlagartig zu. Ich ziehe schnell die Regensachen aus, reiße die Lüftungsöffnungen auf und fahre wenige Minuten später immerhin gut belüftet in einen Stau, der sich über Kilometer Meter für Meter in Richtung Krk schiebt. Da ich noch immer etwas oberhalb der Insel bin, sehe ich sogar die Brücke, welche Krk mit dem Festland verbindet. Ich hake den Plan schnell ab, nehme die „mittlere“ Spur und suche die nächstmögliche Ausfahrt. Hätte ich mir ja eigentlich auch denken können, dass Zeit (Mitte August) und Ort (laut Wikipedia „ein häufig aufgesuchtes Urlaubsziel“) nicht unbedingt die beste Idee waren. Wie gut, dass ich nicht (wie bisher so oft) vorab gebucht habe!

Meer in Sicht!

Nachdem ich dem Höllenstau entkommen bin, cruise ich auf der Schnellstraße die Küste entlang, was langweilig ist, aber mich schon mal ein gutes Stück in den Süden bringt. Irgendwann nehme ich eine Abzweigung links und landeinwärts um mir bei einer Trinkpause zu überlegen, wie weit ich heute noch fahren will. Durch das Auslassen der Insel liege ich wenigstens „über Plan“, die nächste Entscheidung: Mali Alan mitnehmen oder gleich nach Bosnien weiter? Dann wirft mich ein Rollerfahrer aus den Gedanken. „A Freisinger? Wo geht’s hin?“ Woraufhin ich reflexartig nur „Athen!“ zu erwidern weiß. „Ja da hast noch was vor!“, dann braust er weiter, er hatte natürlich auch ein „FS“-Nummernschild. Aber was habe ich vor? Der Mali Alan ist ein geschotterter Pass etwas weiter im Süden von Kroatien, den ich ebenfalls im vergangenen September für unsere Ride- und MOTORRAD-Produktion gefahren bin und den man wohl auch aus den Winnetou-Filmen kennt. Eigentlich wäre das cool, andererseits kenne ich ihn schon und es kostet von hier aus viel Zeit. Ich entscheide mich schließlich dagegen, um noch mehr Zeit für mir unbekannte Strecken zu gewinnen.

Es ist wie immer bei Solo-Touren: Die völlige Fahr-Freiheit ist Fluch und Segen zugleich

Ich fahre erstmal zurück auf die „8“, wo es außer vielen Autos und Werbung für Resorts, Marinas und „your second home“ nicht viel zu sehen gibt. Mir ist das alles ein wenig unsympathisch, irgendwann kommen alle paar Meter Campingplätze, die aber immerhin direkt am Meer liegen. An einer Stelle liegt die Straße so nah am Wasser, dass ich über die Leitplanke direkt auf die Badenden herunter schauen kann. Der Höhepunkt touristischer Angebote ist Senj, wo mir sogar eine Frau zuwinkt, mit der einen Hand hält sie sich ihr Telefon ans Ohr, mit der anderen wirbelt sie mir und anderen Reisenden ein Schild entgegen „Zimmer, Camere, Rooms“. Zum Glück geht es nach der Stadt wieder landeinwärts, die Landschaft wird wieder hellgrau mit grünen Tupfen, die Straße dazwischen wird kurvig und wäre ich nicht in einer ewigen Kolonne gefangen, wäre das eine Topstrecke. Da gefühlt halb Europa hier Urlaub macht, macht es im Moment nur so halb Spaß, doch je weiter ich ins Hinterland komme, desto normaler wird alles. Ich fahre durch Otočac und stelle fest, dass ich auch hier schon mal gewesen bin. Es ist die Stadt, in der mir zum ersten Mal auffiel, wie wenig glamourös und herausgeputzt Kroatien ist, wenn man die Küste erstmal hinter sich gelassen hat. Hier prägen nicht nur vereinzelte heruntergewirtschafte Gebäude das Ortsbild, sondern eben auch solche mit Einschusslöchern verschiedener Kaliber. Auch die Werbebanner reduzieren sich auf Schilder mit den Plitzwitzer Seen, die in dieser Richtung kurz vor der Grenze zu Bosnien liegen. Es ist also die gleiche Route, die wir damals gefahren sind, bei der ich mit Spannung das Land hinter der EU-Grenze erwartet habe. Die einsamen Straßen und die weiten Ebenen herum verstärkten das Gefühl noch. Jetzt bin ich etwas routinierter, aber eine gewisse Spannung baut sich trotzdem auf. Für heute biege ich nochmal ab und fahre auf einen kleinen Campingplatz, auf dem ich mich auf Anhieb wohl und viel sicherer fühle, als gestern. Hauptsächlich deshalb, weil hier deutlich weniger los ist. Mit dem Wirt gibt es auch den ersten Smalltalk über die BMW, die „chat bestimmt 900 Kubik. Was Tausendfünfhundert? Tausendzweihundert, ok“. Sonst stehen nur wenige Wohnmobile und ein paar Zelte herum. Ich mache mich ans Werk und schaffe es, das Zelt richtig straff aufzustellen, was das Innere sofort viel größer wirken lässt.

So langsam schleift sich alles ein

Nach einer weiteren lauwarmen Dusche koche ich mir meine Tortellini in der Tomatensauce und genieße das einfache Essen und die Tatsache, dass ich vor zwei Jahren mit dem 1,9 Liter Topf einen guten Kompromiss bei der Größe gefunden habe. Gegen Abend wird der Platz etwas voller, darunter sind viele Campingmobile, einer der im Moment sehr beliebten Miet-VW-Campingbusse, aber auch eine vollbepackte Honda Dominator. Ich lese noch ein wenig und bin mir sicher, heute viel besser zu schlafen als gestern. Auch wenn es wieder überraschend kalt ist. Naja, für die Grenztemperatur 13 Grad bin ich ja gewappnet.

Das findet vielleicht nicht jeder appetitlich, aber es schmeckt viel besser als die gestrige Pseudo-Lasagne

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