B22 – Tag 1

  • Abschnitt: Freising (Deutschland) – Postojna (Slowenien)
  • Zeit: 7:30 bis 16:30 Uhr
  • Tageskilometer: 513
  • Kilometer insgesamt: 513

Da fiebert man über Wochen immer wieder auf diesen Moment hin, wo man endlich die Taschen in die Koffer stopft, das Gepäck aufschnallt, den Kilometerzähler zurücksetzt und das Ziel ins Navi eintippt. Und dann ist alles irgendwie so unspektakulär wie der tägliche Weg in die Arbeit. Nach einer ereignislosen Stunde halte ich am Irschenberg und bekomme das beliebte Pickerl nicht nur digital, sondern auch noch in Kombination mit der slowenischen Vignette, den ersten Kaffee der Reise gibt’s praktischerweise gleich nebenan. Der erste Stopp ist gleichzeitig die erste Übung in der Disziplin „was nehme ich mit, was lasse ich alles am Motorrad und aus den Augen?“. Das Navi stecke ich in die Tasche, den Helm nehme ich in die Hand, den Tankrucksack abzuschnallen ist mir aber zu blöd.

Erster Kaffee- und Vignettenhalt. Das Urlaubsgefühl steigert sich auf ~ 3 Prozent

Nach einem Tankstopp irgendwo in Österreich ziehen dunkle Wolken auf, es regnet zwar nur kurz, die Regenjacke macht die Fahrt trotzdem angenehmer, denn es ist ganz schön frisch. Ich freue mich auch über meinen Midlayer, den ich bei früheren Reisen womöglich daheim gelassen hätte. Weil „August!?“. Im Karawankentunnel wird das kurzzeitig zum Bumerang und der Motorradanzug zur tragbaren Sauna. Nach der slowenischen Grenze lasse ich sämtliche Wolken erstmal hinter mir, auf der anderen Spur bemerke ich den kilometerlangen Stau. Ich halte Ausschau nach der Ausfahrt, die mich etwas kurvenreicher über Škofja Loka nach Postojna führen soll. Es wird schnell kurvig, kleinteilig und kennzeichentechnisch lokal. Vorerst keine Spur mehr von anderen Touristen. Um nicht in meine übliche Bequemlichkeit zu verfallen, halte ich nach ein paar Höhenmetern für ein Foto. Wirklich zufrieden bin ich damit nicht, aber das liegt auch an meiner grundsätzlich noch nicht allzu guten Laune. Auch die ganze Ausrüstung und vor allem wo ich was untergebracht habe muss sich noch etwas einschleifen.

Es geht aufwärts, da unten irgendwo im Tal liegt die Autobahn

Nach ein paar weiteren Kurven durch das Hinterland zwinge ich mich zu einer kleinen Mittagspause, vielleicht bin ich ja auch nur hungrig. Ich verputze also meine drei „Pausenbrote“, die ich mir gestern noch gemacht habe, und trinke etwas. Es hilft etwas, aber die Höhlenburg Predjama, die ich heute eigentlich noch anschauen wollte, die spare ich mir. Auch gut. Die Laune hebt sich etwas, auch weil ich wenigstens in puncto Streckenwahl ganz gut liege. Trotzdem spule ich alles ziemlich automatisch und distanziert ab, ein komisches Gefühl.

Zumindest die Routenvorschläge des Navis bieten keinen Anlass zum Meckern

Ähnlich gelangweilt fahre ich durch Škofja Loka, eine Stadt die sicherlich sehenswert ist und nebenbei eine Partnerstadt von Freising ist, weil es da kirchengeschichtliche Verbindungen gibt. Ich habe aber nicht die Muse anzuhalten, was mir wie zuletzt in vielen tschechischen Städten (Český Krumlov z. B.) etwas leidtut.

Škofja Loka, von dem ich nicht viel mehr sehe, als das hier

Immerhin komme ich immer mehr in den Fahrflow, ein stempelndes weil zu schnell eingekuppeltes Hinterrad bremst mich wieder etwas ein, aber so langsam finde ich Spaß an den verkehrsarmen, wunderbar asphaltierten Straßen. Ich stoße kurz und ungeplant auf ein Stück unserer Ride-Tour vom letzten September (das ist übrigens das aktuelle Heft No. 13, Werbung Ende) und freue mich langsam auf den Campingplatz – je eher ich einsehe, dass ich das alles für mich mache und niemandem sonst ein Foto schuldig bin, umso besser.

Dank Video + ausgeschnittenen und kombinierten Frames fahre ich hier an drei Stellen gleichzeitig

An der Rezeption geht alles ganz fix, ich nutze gleich noch den Kühlschrankservice nebenan, packe mir ein gekühltes Bier in den Tankrucksack und gehe dann auf die Suche nach einem schönen Plätzchen. Da der Campingplatz im Wald liegt, ist die Auswahl groß, es ist jedoch viel los und ich möchte keine zweite Platzrunde drehen. Nach einem ersten Schluck Laško ist das Zelt fix aufgebaut und ich ernte anerkennende Blicke der vorbeilaufenden Camping- und Caravangemeinde. Glaube ich zumindest. Vielleicht haben sie auch nur Mitleid, als sie das kleine Zelt sehen. Als ich noch versuche, ein paar Heringe in den harten Boden zu bekommen, wird der Platz gegenüber fachmännisch begutachtet und der Wohnanhänger eingeparkt. Ich sehe sofort, dass es ein Familienausflug mit Schwiegereltern und Kindern sein muss, dass die Kleinen überwiegend geschimpft oder laut gerufen werden, zeugt von hohem Konfliktpotenzial und verspricht einen gewissen Unterhaltungsfaktor.

Für alle anderen Fans von „Camping with Steve“: Step Two

Noch ungeklärt ist, wo die WCs sind und ob ich heute dusche. Zelten und Campingplätze bedeuten für mich immer noch viele große und kleine Fragezeichen, die ich nur teilweise vorher bedacht habe. Bevor ich weiter überlegen kann, zieht eine dunkle Wolke über den Campingplatz und es nieselt, was mit meinen halb ausgepackten Sachen echt blöd ist. Es donnert und aus den Tropfen wird schnell Hagel, ja super. Jetzt ist Einfallsreichtum gefragt. Kurz verfluche ich die Tatsache, dass ich den üblichen Ratschlag, ein Zweierzelt zu kaufen, aus Platz- und Budgetgründen ignoriert habe. Naja, ein paar Sachen habe ich schon ins Zelt geschmissen, für das andere will ich mein dafür mitgebrachtes Tarp aufspannen. Mit zwei Spanngurten befestige ich es an Baum und Sturzbügel, mit einem Hering wird ein halbwegs gespanntes Dreieck daraus, unter dem Stiefel und Gepäckrolle vorerst regensicher verschwinden.

Erfahrene Moto-Camper hätten halt einfach ein größeres Zelt mitgenommen…

Nachdem ich den Hagel unter dem Baum ausgesessen habe, erkunde ich den Sanitärbunker und beschließe, die Duschen zu testen. Es ist recht frisch, was die allenfalls lauwarme Dusche nicht wirklich erholsam macht, aber wenigstens fühle ich mich etwas sauberer. Langsam bekomme ich Hunger, beim Probeliegen und Umziehen im Zelt merke ich, dass es ganz schön durchhängt, besser bekomme ich das auf dem steinigen Boden aber heute nicht mehr hin. Ein Seil wäre natürlich auch gut gewesen, damit hätte ich das Tarp anders spannen können und mir womöglich ein richtiges Dach bauen können. So wird mir morgen nichts anderes übrig bleiben, als alles so siffig einzurollen und einzupacken, wie es eben ist. Aber, Hunger, also packe ich aber erstmal das Meal-Ready-To-Eat, das MRE, aus.

Die Erwartungen sind bei so einer Verpackung natürlich hoch

Das MRE ist eine Feldverpflegung der US-Armee, die ich vor ungefähr zehn Jahren von einem amerikanischen Soldaten in Grafenwöhr bekommen habe, das kann man aber auch so kaufen. Diese zehn Jahre habe ich das jedenfalls aufgehoben und immer auf eine gute oder bessere Gelegenheit gewartet. Jetzt versuche ich im Verbrauchen der Wundertüte etwas symbolisches zu sehen. Etwa stellvertretend für den Ballast, den ich immer noch aus meiner Zeit in Flecktarn herumschleppe. Den ich übrigens auch ohne Auslandseinsatz angesammelt habe. Es funktioniert natürlich nicht und das als Tagesmenü gedachte Essen ist zudem ziemlich unterwältigend. Die offensichtlichsten Chemiebomben lasse ich gleich ganz weg, die vegetarische Lasagne (die eher eine Art veget. Bolognese ist) schmeckt logischerweise superkünstlich und ist viel zu wenig. Vielleicht besser so. Der einzige Lichtblick bleibt die Erdnussbutter. Und, ok, die Kekse sind auch nicht schlecht. Naja, hat man das auch mal gemacht, morgen kaufe ich sowieso etwas im Supermarkt. Der erste Tag bzw. Abend war in mancher Hinsicht also nicht wirklich toll, auch weil es in der Nacht und in der Früh weiter regnen soll, aber so habe ich wenigstens etwas mehr zu erzählen, denke ich. Außerdem kann es ja eigentlich nur wärmer und besser werden!

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