Nach A. und via I. zurück – Tag 15

  • Abschnitt: Agrinio – Igoumenitsa – Ancona
  • Strecke: 245 Kilometer
  • Fahrzeit: 10:30 bis 15:30 Uhr
  • Motto / Idee des Tages: Navi ist gut, mitdenken ist besser
  • Lied des Tages: The Eclectic Moniker – Continents

Mit Navi und Musik auf den Ohren rolle ich Richtung Norden, was mich schnell wieder auf nette Küstenstraßen bringt. Ich übergehe teilweise das Navi, wenn mir die angeschriebenen Orte im Kreisverkehr mehr zusagen. An einer Stelle soll ich aber eindeutig die erste Ausfahrt nehmen, die auf die Autobahn Richtung Patras zeigt. Eigentlich garnicht meine Richtung. Verwundert folge ich der Abzweigung, die mich schließlich gute 20 oder 25 Kilometer zurück und (eine halbe Stunde später) an genau die selbe Stelle führt. Dieses Mal biege ich dort ab, wo ich es beim ersten Mal schon wollte, und da das Google Navi nicht protestiert, war das wohl von Anfang an die vorgesehene Ausfahrt. Wenigstens habe ich jetzt auch die Erfahrung gemacht, Maut in Griechenland zu zahlen, außerdem konnte ich einen recht kurvigen Straßenabschnitt nochmal fahren.

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Neue Perspektiven

Richtung Igoumenitsa liegt Arta, eine etwas größere Stadt, in der ich mich ebenfalls einmal verfahre. Das trifft sich aber gut, da ich so direkt an einem Supermarkt vorbeikomme. Ich kaufe mir eine gekühlte Dose Doubleshot-Espresso, Wasser, Nussriegel, Pita und Käse. Nachdem ich Arta hinter mir gelassen habe, halte ich Ausschau nach einem Plätzchen für mein Mittagessen. Ich finde nicht wirklich etwas, halte aber trotzdem an um den Kaffee zu trinken, bevor er lauwarm wird. Kurz darauf tanke ich ein letztes Mal in Griechenland „95“ und „full“. Es ist nun nicht mehr weit bis Igoumenitsa, die Landschaft ist schon wieder deutlich grüner geworden, was an den Temperaturen nicht viel ändert. Ich entdecke endlich eine große geschotterte Ausfahrt, die zu irgendeiner Baustelle führt. Sie ist jedenfalls groß genug, um nicht direkt neben der Straße sitzen und essen zu müssen.

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Mittagspause

Während der ganzen Fahrt und jetzt auch mache ich mir Gedanken, was mir an Griechenland jenseits der bekannten Unterschiede und Klischees so aufgefallen ist. Ohne Wertung und völlig querbeet:

  • selbst große Straßen sind schön gelegen und machen Spaß (Ausnahme Autobahn)
  • kleine Straßen sind oft sehr verwildert und in schlechten Zustand, dafür nimmt der Verkehr abseits der Haupstraßen sehr schnell ab
  • Überall stehen Aschenbecher. Dass ich diese typischen flachen und oft bedruckten aus Glas bei uns schon seit Jahren nicht mehr gesehen habe, ist mir erst hier aufgefallen
  • DAS griechische Auto schlechthin: ein alter Pickup in verblichenem Rot oder Blau (nur echt mit Aufschrift auf der Heckklappe, wahlweise MAZDA, TOYOTA oder VOLKSWAGEN)
  • viele verlassene Rohbauten oder Häuser, in denen die unteren Stockwerke bewohnt sind, die oberen jedoch im Rohstadium geblieben sind, oder eben komplette Rohbauten
  • Die Bleche, die auf den Kaminen montiert sind und auf den ersten Blick wie ein Vogel aussehen, der dort sitzt. Bin mir nicht sicher ob sich die Bleche vielleicht mit dem Wind mitgedreht haben
  • An jeder Straße, sogar an Autobahnen, gibt es kleine Glaskästen oder Miniatur-Kirchen, in die Gebete, Fotos, Blumen, Kerzen oder sonstiges gestellt werden
  • Bis jetzt nur hier gesehen: durchsichtiger Plastik-Mundschutz, der kleiner als ein Bierdeckel ist und wirklich nur vor dem Mund hängt

Auf den letzten 20 oder 30 Kilometern zur Hafenstadt kommen mir immer mehr ausländische Autos entgegen. In Igoumenitsa finde ich relativ schnell zum Terminal, bekomme meine Tickets und ein zusätzliches Formular der italienischen Behörden, das ausgefüllt werden möchte. Ich überlege kurz, mich in ein Kaffee zu hocken, bleibe aber bei meinem Motorrad sitzen und beobachte das Geschehen. Mit mir zusammen sind zwei Schweizer angekommen, auf HP 2 Enduro und einer älteren 1200 GS. Die beiden fahren aber weiter, nachdem sie ihre Tickets geholt haben.

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And now we wait

Auch wenn mir langsam langweilig wird, ich genieße die Situation und das Kommen und Gehen der verschiedenen Charaktere, die sich vor so einer Fähre versammeln. Die Familien oder ältere Ehepaare im Auto, die XXL-Wohnmobile, konträr dazu die Leute mit alten, oft individuell umgearbeiteten  Campingbussen, genaus wie Leute mit alten Militärbussen und Jeeps. Und natürlich Motorradfahrer, die sich aber in diesem Fall alle recht ähnlich sehen. Auf dem großen Parkplatz warten zwei neue oder zumindest aktuelle Africa Twins auf die Einschiffung, die Motorräder vollbepackt mit Alukoffern und Sturzbügeltaschen. In diesem Moment fährt eine GS Adventure vor, hält an und der Fahrer fragt mich, ob ich kurz aufpassen könnte. Er ist mir sofort sympathisch und als er wieder aus dem Terminal kommt, reden wir so über dies und das. Es stellt sich heraus, dass er aus Prag kommt, ursprünglich aber aus Pilsen, was unweigerlich das Thema Bier nach sich zieht. Gegen halb 7 fahren wir durch das Tor zum Hafen und fahren bis zum Dock 12, wo die Africa Twins schon warten, ein weiterer GS-Faher aus München dazustößt und später auch noch die Schweizer auftauchen.

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Bloß keine Zeit verlieren

Das Benzingespräch bekommt neue Facetten, wir sprechen über unsere bisherigen Erfahrungen in Griecheland, darüber, dass wir beide die ältere (luftgekühlte) 1200 GS Adventure hübscher und schlanker finden als die aktuelle. Als die Fähre dann mit etwas Verspätung ankommt, fahren wir an Lastern, Autos und WoMo vorbei und werden hektisch an Bord gewunken.

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Keine Ösen = Wird schon ohne Gurte passen

Im Schiff angekommen stellen wir fest, dass unsere Sitzplätze genau hintereinander gelegen sind. Ich wechsel kurz mein völlig verschwitztes Funktionsshirt gegen ein T-Shirt und die Stiefel gegen meine BOAT-Shoes und suche mit Martin eine Bar. Dort bestellen wir Bier und eine große Flasche Wasser und unterhalten uns noch weiter. Mir gefällt besonders, wie Martin stets ein „the“ vor andere Länder oder Inseln setzt, so wie man es in Bayern auch mit Vornamen macht. So ist es auch nicht weit zu meinem Insiderwissen um das tschechische Wort „hajzel“, das genau die selben zwei Bedeutungen wie im Bayrischen hat.

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Bar mit Aussicht

Entegen meiner Erwartungen gibt es hier auch keine Steckdosen und das WLAN ist sogar noch teurer und auf ein Gerät beschränkt, was meiner Bloggerei einen Riegel vorschiebt. Es ist sowieso schon spät und nach einem kurzen Spaziergang an Deck sehe ich mich langsam um. Einige Passagiere haben die Gepäckablagen requiriert, die mit zwei langen Regalböden je Abschnitt tatsächlich wie Notbetten aussehen. Interessanter ist aber der Platz darunter, der Zuflucht vor der Deckenbeleuchtung bietet. Martin legt sich hinter meine Sitzreihe, mit Iso-Matte und Schlafsack ist er natürlich top ausgestattet. Mein gerade gelernter Trick mich einfach querzulegen funktioniert hier nicht, da feste Armlehnen zwischen den Sitzen montiert sind. Es scheint, als wollen sie einem wirklich nahelegen, das nächste Mal doch auch eine Kabine zu buchen. Anders kann ich mir das permanente Geklacker irgendeiner Deckenverkleidung und besagte Deckenbeleuchtung nicht erklären. Ich lege mich mit dem Kopf schließlich halb unter meinen Sitz. Mit dem Kopf liege ich auf meiner Motorradjacke, die Thermoweste nutze ich als Decke. Das ist in Verbindung mit dem Teppichboden bequemer als ich dachte, und ich schlafe sogar vor Mitternacht ein. Ich wache eine gute Stunde später auf, schweißgebadet, und fühle mich noch ekliger als eh schon. In der Nacht werde ich gefühlt alle ein bis zwei Stunden aufwachen, mich umdrehen, mich wundern, wie ich bei dem Lärm schlafen kann und wieder einschlafen. Man gewöhnt sich eben an alles.

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