Nach A. und (i) zurück – Tag 7

  • Abschnitt: San Severo – Bari – Patras
  • Strecke: 160 Kilometer
  • Fahrzeit: 08:45 bis 10:45 Uhr
  • Motto / Idee des Tages: Fähre fahren ist wie billig fliegen – alles kostet extra
  • Lied des Tages: Panic at the Disco – Into the Unknown

Ich habe nicht viel Zeit, da der Akku meines alten Laptops nicht länger als zwei Stunden durchhalten sollte. Aber zunächst ein paar Ergänzungen zu gestern Abend. Vielleicht bin ich durch das beeinflusst, was man so über Süditalien hört. Gefühlt war es in San Severo tatsächlich lauter, schmutziger, etwas abgetragener als in anderen Städten. Ständig heult irgendwo eine Alarmanlage, auf den mitunter schmalen Gehwegen liegen kleine und große Tretminen und die aneinander gereihten, flachen Häuser, die oft glattgeschliffenen Pflastersteine und die ein oder andere Palme strahlen tatsächlich schon deutliches Mittelmeerflair aus. Das meine ich nicht dispektierlich, aber die etwas andere Atmosphäre, die man in Reiseheften mit rustikalem Charme beschreiben würde, ist nicht übersehbar. Pizza und Salat sind trotzdem gut, auch wenn ich zum ersten Mal Olivenöl und Essig in abgepackten Tütchen bekomme. Modern Talking und anderes abgestandenes Zeug aus den Boxen bestärkte mich darin, mir einen Außentisch zeigen zu lassen. Auf dem Heimweg mache ich noch Halt in einem kleinen Coop und kaufe mir ein paar Müsliriegel und ein Wasser, als kleine Notration auf der Fähre.

Ich werde vor dem Wecker wach und packe schnell den Rest zusammen, da wird mir schon das Frühstückstablett aufs Zimmer gebracht. Die Wäsche ist bis auf ein paar Socken und eine Unterbux auch trocken. Planmäßig startet der Rotax-Einzylinder schon vor 9 und trägt mich vornehm hämmernd aus San Severo Richung Autobahn. Ich habe genug Zeit und tanke trotz zahlreicher Berechnungen am Vorabend, die mich eigentlich beruhigen sollten, nochmal voll. Nach einer guten Stunde biege ich Richtung Bari ab.

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Langweilig aber irgendwann taucht wieder das Meer auf

In der apulischen Hauptstadt gelange ich schnell an das Hafentor, das trotz Google-Streeview-Recherche, die ich mir an dieser kniffeligen Stelle mal erlaubt habe, anders aussieht als gedacht. „Nichts ersetzt den Blick ins Gelände.“ Das stimmt leider immer noch. Ich fahre zunächst in die falsche Check-In-Area, bis ich die gesonderte Beschilderung für Griechenland und Kroatien entdecke. Ich bin aufgeregt und freue mich über meinen eingebauten Zeitpuffer.

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Irgendwo links liegt schon die SUPERFAST I

Ich finde das Check-In-Gebäude entgegen der durchwachsenen Google-Bewertungen relativ schnell, stelle mich aber zunächst in die falsche, äußerst lange Schlange an. Ich werde gefragt, ob ich mit einem Motorrad da wäre, und dass ich dann einfach links durchgehen könne. Dort kann ich direkt einchecken, muss nur meine Bestätigung über das Online-Formular für die Einreise weiterschicken und erhalte meine Tickets. Am Schalter nebenan gibt es scheinbar größere Probleme oder zumindest größeren Klärungsbedarf, aber den deutschen Akzent der geschätzt 20-Jährigen höre ich sofort raus. Bestimmt mit den Eltern im Campingmobil unterwegs.

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Rechts Check-In, hinten wartet schon The Boat

Als ich mit dem Moped Richtung Embarkation rolle, sehe ich dann auch das dort beschriebene Wohnmobil mit „Ämm-Diii …“-Kennzeichen aus der bayrischen Landeshauptstadt. Schon um diese Zeit gibt es eine ordentliche Schlange, an der ich aber vorbeigewunken werde. Es steht sogar ein SUV-mit einer Mini-Yacht auf einem Anhänger in der Reihe. Sehr dekadent, sein eigenes Rettungsboot mitzunehmen. Ich darf trotzdem als erster auf das große Boot, werde noch gefragt ob Igoumenitsa oder Patras und darf meine 650 gleich hinter Transportboxen nahe der großen Luke parken. Da sich niemand weiter darum kümmert, mache ich noch zwei Spanngurte fest. Ich finde nichts anderes als das Gitter der Gepäckbox, aber es ist besser als nichts.

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Ich hoffe das steht da morgen Früh noch genauso

Nach zwei Rolltreppen nehme ich Platz auf den „Air-Type-Seats“, von denen jeder zweite mit einem Sticker versehen ist. „Please do not use this seat“. Ich benutze ihn trotzdem, um einen Teil meiner Sachen abzulegen. Ich bin froh, gestern noch meine Schuhe eingepackt zu haben und ziehe schnell meine Stiefel aus. Zum ersten Mal werden die leichten Schuhe ihrer Fachbezeichnung „Boat Shoes“ gerechet. Die Sitze wirken bequem genug um halbwegs darin schlafen zu können. Die erfahrenen (offensichtlich) Trucker (ebenfalls offensichtlich) schnappen sich natürlich die mittleren Reihen, die mit drei bzw. vier Stühlen genug Platz bieten, um sich längs hinzulegen.

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Bester Platz von Welt

Zwischendurch setze ich mich in die Lounge, trinke einen Cappucino und esse ein Sandwich und entgehe somit zumindest temporär den aufwendig produzierten griechischen Serien, die aussehen, als kämen sie frisch aus den frühen Neunzigern. Andere Mitreisende, die lautsprechend und laut sprechend telefonieren sowie besagte Fernfahrer, die schon jetzt unüberhörbar im Tiefschlaf versunken sind, machen es nicht besser. Ich bewundere Menschen, die überall und trotz Lärm sofort einschlafen können. Aber was soll ich sagen, es war halt günstiger als die Kabine. Auf dem Deck entdecke ich sogar aufgebaute Zelte.

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Ich fühle mich kurz wie ein Emigrant Richtung Amerika

Vorhin habe ich nocheinmal die Nachrichtenlage überprüft. Auch wenn die absoluten Fallzahlen diskutabel sind, so sehen die entscheidenden Ziffern für Kroatien und vor allem Montenegro nicht allzu günstig aus. Zumindest habe ich schon etwas von Einreisebeschränkungen in Österreich für Reisende aus dem Balkan gelesen. Das alles zielt im Moment schwer in Richtung Plan B, was mich aber nicht allzu traurig macht. Ich erwähnte es ja vielleicht schon ein- oder zweimal. Der Tag heute war durch den straffen Zeitplan übrigens wieder sehr positiv, was meine grundsätzliche Meinung aber eher zementiert: Die Gefühle sind beim Solo-Motorradtouring zumindest bei mir so gemischt wie sonst nirgendwo. Abenteuerlust, Heimweh, große Freude über Kleinigkeiten, Frust bei den kleinsten Hindernissen. Langeweile, Selbstzweifel, Stolz und Selbstbehauptung. Vor rund einer Woche bin ich mit wackeligen Beinen die Neue Weinsteige aus Stuttgart heraus gefahren, jetzt haben Beine und Räder nach ziemlich genau 1960 Kilometer erstmal Pause bis morgen Früh.

 

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