Nach A. und (i) zurück – Tag 8

  • Abschnitt: Patras – Kastanea
  • Strecke: ca. 165 Kilometer
  • Fahrzeit: 07:00 bis 12:15 Uhr
  • Motto / Idee des Tages: Die Babbel-Werbung stimmt, ich fühle mich wie ein Alien
  • Lied des Tages: The Orb – Spanish Castles In Space

Am Abend wird mir auf der Fähre langsam etwas langweilig, aber wenigstens komme ich endlich zum lesen meines Stephen King Kilowälzers. Jetzt dürfte das Stativ das einzige, bis jetzt ungenutzte Gepäckstück sein, neben dem Werkzeug, was aber gerne so bleiben kann. Ich esse im Ristorante Self-Service zu Abend und schlendere ab und zu an Deck. Duty Free Shop und Mini-Casino mit vier oder fünf Automaten sind nicht wirklich überzeugend.

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War nicht der einzige, der den Sonnenuntergang fotografieren wollte

Kurz vorm Zwischenhalt in Igoumenitsa herrscht Aufbruchsstimmung. Ich habe vorher nicht drüber nachgedacht, aber offenbar fahren 90 Prozent der Passagiere nur bis hier. Glücklicherweise sind es 100 Prozent meines Sitzbereichs, so dass ich bald vollkommen freie Platzwahl hab und endlich den dämlichen Fernseher mitsamt der gerade laufenden Gameshow abschalte.

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Der Kahn stinkt bis hier rüber

Ich will noch abwarten, ob jemand „zusteigt“, es kommt aber niemand. Ich versuche also, mich auf meinen zwei Sesseln einzurichten. Es geht nicht wirklich gut, und ich ziehe um in die Viererreihe nebenan. Wie von den Profis gezeigt. Dort fühle ich mich aber wegen meiner Reservierung irgendwie schlecht, so dass ich doch wieder umziehe. Langsam werden die Gedanken wirrer und die Gedankensprünge plötzlicher, Einschlafen kann man das aber noch nicht nennen. Zum Glück haben mit dem Auslaufen aus Igoumenitsa auch die blöden Durchsagen aufgehört. Es nützt eh nix, Schutzmasken tragen nur wenige, selbst beim Personal. Ob es jetzt was bringt oder nicht, aber ich hätte nicht gedacht dass es auf einer Fähre so lax gehandhabt wird.

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Es ist keine Heizdecke sondern nur meine Einzipp-Weste

Später lege ich mich quer, den Kopf zwischen Wand und hochgeklappter Armstütze eingeklemmt. Ich wache um 1:28 Uhr auf und stelle erstaut fest, dass ich kurz geschlafen haben muss. Ich habe keine Lust mehr auf die Verrenkungen und lege mich doch wieder auf die vier Sitze nebenan. Dort schaffe ich es einzuschlafen, wache zwar ein paar Mal auf, penne aber schnell weiter. Irgendwann geht ein Steward durch und klappt lautstark die Sitze hoch, was er bestimmt genauso gemacht hätte, wenn er mich gleich gesehen hätte. Es ist kurz vor 6, ich fühle mich immerhin nur halbwegs gerädert und sehe ein, dass ich auch gleich aufstehen kann. Im Bistrobereich hole ich mir einen Espresso mit dem miesestem Preis-/Leistungsverhältnis der Welt. Aber er hilft mir auf die Füße. Kurz vor 7 geht dann alles ganz schnell, mein Motorrad steht da wie gestern, was aber auch heißt, dass es niemand weiter gesichert hat. Auch gut. Beim Herunterollen muss ich meinen QR-Code des Einreiseformulars vorzeigen und werde durchgewunken. Schneller als erwartet lasse ich Patras hinter mir und gelange schnell in das bergige Hinterland, in dem es zu dieser Uhrzeit garnicht mal so warm ist.

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Die ersten Serpentinen warten schon

Ich merke langsam, dass es Zeit für einen weiteren Kaffee ist. Die meisten Bars sind zwar mit Tischen und Stühlen eingedeckt, sehen aber noch zu aus. Später komme ich an einer einladenden Bar vorbei, in der auch schon zwei Männer hocken. Die Bedienung spricht a little English, was ihr unangenehm ist, aber eigentlich ist es mir unangenehm, dass ich kein Wort Griechisch kann. Die Landschaft ist schon jetzt sehr schön, an das Land muss ich mich jedoch noch gewöhnen. Ich fühle mich fremder als jemals in Mittel- oder Süditalien, was auch an der anderen Schrift und null Sprachkenntnis liegt. So blöd es klingt, in Russland würde ich mich wohl nicht so viel anders fühlen. Ich bin keine drei Stunden im Land und denke schon wieder darüber nach, wann ich die Fähre zurück nach Italien nehme. Jetzt bin ich dort auch kein Hans Landa (sprachlich gesehen natürlich), aber hier bin ich definitiv der Antonio Margherreeeeteee aus Inglourious Basterds. Nach dem Kaffee, Vögel beobachten und einem vorbeifahrenden Touran mit Dachbox (Passauer Kennzeichen) geht es mir schon wieder besser. Wenigstens suche ich mir „Die Rechnung bitte“ auf Griechisch heraus, worüber sich die Bedienung ob meiner Bemühungen sichtlich freut.

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Kaffee mit Ausblick

Die Landschaft wird dafür immer schöner und wilder, ich fahre an Ziegenherden vorbei und unzähligen frei herumlaufenden (oder -liegenden) Hunden. Irgendwann höre ich auf zu zählen und mir darüber Gedanken zu machen, die meisten interessieren sich nämlich gar nicht für mich. Ich fahre durch weite Landschaften, die mich entfernt an Computerspiele und / oder Western erinnern. Dabei muss ich gleich an die Monument-Valley-Tapete denken, die in der Pizzeria in Trento die Wand verzierte.

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Es geht nur selten geradeaus

Ich navigiere halb-halb mit Karte und Google Ansage, denn große Orte sind nur ab und zu angeschrieben, manche kleinere Orte werden auch nicht im lateinischen Alphabet ausgeschildert. Erschwerend kommt hinzu, dass eigentlich große Straßen in Dörfern manchmal so klein und schlecht werden, dass nicht immer ersichtlich ist, welche Abzweigung nun die Schnelltstraße, und welche eine kleine Dorfstraße ist.

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Ging auch ohne Stativ

Die Straßen sind überwiegend gut, aber stellenweise mit Kies, Sand oder einzelnen tiefen Schlaglöchern garniert. Dafür ist der Verkehr sehr übersichtlich, ich bin gefühlt oft 20 Minuten unterwegs, bis mir mal wieder ein Pick-Up entgegenkommt. Nach rund 170 gefahrenen Kilometern halte ich Ausschau nach einer Tankstelle, die nächste erreiche ich nach weiteren 20 Kilometern. Ich habe keine Ahnung wie das hier läuft, werde aber noch vorm Absteigen vom Tankwart angesprochen. Ich deute auf meinen Tankstutzen und hebe die Tasche hoch, so dass wieder 6,69 Liter Hochoktaniges in das Mobilitätsreservoir laufen. Nach einer weiteren Prairie, die nur von Glockenläuten, Vogelgezwitscher und Zikaden erfüllt ist, warten schon die nächsten weit geschwungenen Serpentinen. Hier liegt noch mehr Schotter auf der Straße, die hier und da von mächtigen Wurzeln hochgedrückt wird. Andererseits fehlen stellenweise ganze Teile, als hätte Gozilla das Asphaltband aufgehoben und ein Stück herausgebissen. So bin ich trotz Kurvenhatz mit einer Enduro wunderbar angezogen. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich mir die letzten Tage immer öfter gewünscht habe, auf der GS zu sitzen.

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Es hört einfach nicht auf

Nach erneutem rauf und runter fahre ich wieder durch ein kleines Dorf, an dessen Markplatz gerade alle Mittag essen. Die letzten Kurven führen wieder hoch, aufeinmal wird es kühler und sieht auf einmal mehr nach Kanada aus als nach Griechenland. Oder so, wie ich mir das jedenfalls vorstelle. Es läuft so gut, dass der Sahara-3-Hinterreifen beim Runterschalten leicht rutscht und beim Gasgeben fast wie ein richtiger Stollenreifen kurz strampelt, bevor er die Fuhre wieder mit voller Traktion anschiebt. Früher als geplant und erholter aus gedacht komme ich am Guesthouse Katania an, wo ich von der Gastgeberin sehr nett begrüßt werde. Da mein Griechisch nach „Yia sas“ (ich merke es mir mit „JESSAS!“) schon am Ende ist, fragt sie mich in der internationalen Zeichensprache, ob ich ein Bett gebucht habe. Essen gibt es später auch, dafür muss ich nicht mal mehr weiterfahren, auch wenn ich genug Zeit dafür hätte. Nachdem ich die ersten Sachen aufs Zimmer gebracht habe, bekommt die Kette noch ihr Fett weg. Frei nach Snoop Dogg: „Grease it while it’s hoooot“… Den Rest des Tages werde ich damit verbringen, meine Sachen neu zu packen und mir zu überlegen, wie es nach Athen bzw. Lavrion weitergeht. Eine Route werde ich nicht allzu weit planen, da es morgen wieder über 200 Kilometer werden.

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Bloggen mit Ausblick

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Weitere Reiseplanung

Ein Gedanke zu “Nach A. und (i) zurück – Tag 8

  1. freu mich über jedes update/ so farbenfroh und stimmungsvoll beschrieben/ fühlt sich fast an als würd ich noch nebenherfahren.

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