Solo Italia – Tag 10

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  • Abschnitt: Greccio (Lazio) – Cortona (Toscana)
  • Strecke: 200 Kilometer
  • Fahrzeit: 10:00 – 14:15
  • Erkenntnis des Tages: In Italien immer Bargeld dabei haben, am besten in kleinen Scheinen.

Nach dem kurzen Frühstück, wieder italienisch, startet der Tag mit einer weiteren Extratour zu einem Bankautomaten. Denn die 60 € kann ich nur bar bezahlen. Der Gastgeber fährt mich kurzerhand ins Dorf, da es wohl schwierig wäre, den Bankomat zu finden. Da ich gestern allerdings daran vorbei gefahren bin, hätte ich es wohl gefunden. Was ich ihm aber nicht sage, da ich zu lang überlegen muss, um den Satz zu formulieren. Ich verabschiede mich von der Familie und fahre Richtung Terni. Obwohl ich auf Kruzifix im Schlafzimmer verzichten kann, habe ich mich im Il Cantico sehr wohl gefühlt.

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Ich dachte langsam, es geht nicht mehr weiter ins Tal…

In Terni wird es schnell sehr chaotisch. Ich bin dennoch froh durch zu fahren, um wenigstens ein bisschen von der Stadt zu sehen. Obwohl es, dank Hochhaussiedlungen, sehr nach Industriestadt aussieht. Im Zweiten Weltkrieg wurde Terni zum Großteil zerstört, da es wohl damals ein wichtiges Zentrum der Schwerindustrie war. Ich fahre am Stadion vorbei und muss bei jedem Kreisverkehr aufpassen, die richtige Abzweigung zu erwischen.

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In Terni, Richtung Zentrum

Ich fahre mehr oder weniger parallel zur Autobahn, als die Straße langsam wieder bergiger und kurviger wird. Ich fahre durch Todi, dessen Altstadt auf einem Hügel trohnt und überquere den Tiber mehrere Male. Als ich am Stausee von Corbara einen Orientierungshalt mache, stelle ich fest, die landschaftlich schönere Route verpasst zu haben. Da es mir aber erst jetzt auffällt, ärgere ich mich nicht. Viel mehr ärgere ich mich darüber, dass es schon wieder ungemütlich frisch ist, obwohl ich schon mit Pullover drunter gestartet bin.

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Lago di Corbara

Obwohl ich durch nette Dörfer fahre, macht mir das Fahren heute immer weniger Spaß. Ich habe zwar keinen Zeitdruck, weder heute noch generell, aber irgendwie ist heute nicht mein Tag. Statt noch länger nach Ursachen zu forschen, beschließe ich den Abstecher nach Montepulciano sein zu lassen und direkt am Lago Trasimeno vorbei nach Cortona zu fahren.

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Die SR74 führt durch Dörfer, von denen jedes für eine Postkarte herhalten könnte

An einer Tankstelle versuche ich mal wieder mein Glück am 24-Stunden-Automaten. Dieser will aber weder Kredit- noch EC-Karte nehmen. Ich rolle also weiter zur servito-Zapfsäule. Da der Typ, den ich als Tankwart identifiziert habe, aber lieber telefoniert und sich auch sonst niemand zuständig fühlt, fahre ich nach zwei oder drei Minuten weiter. Auch die nächste Tankstelle kann nichts mit meinen Karten anfangen, erst bei der nächsten habe ich Glück. Ich hatte zwar noch zwei Fünfziger einstecken, aber da das zuviel bezahlte Geld an der Kasse zurückerstattet wird, hätte mir das an den Tankstellen nicht viel genutzt. Ich hatte vor zwei Tagen schon zähneknirschend einen Zwanziger verbraten, um für knapp zehn Euro zu tanken.

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Ein weiterer Tankstopp. Der kleine Tank zwingt wenigstens zu regelmäßigen Pausen.

Nach einer guten halben Stunde sehe ich schon Cortona vor mir, oder zumindest bin ich mir ziemlich sicher dass die Stadt am Hügel das sein muss. Ich gebe die genaue Adresse ins Garmin ein und folge den Anweisungen auf dem Display. Bis ich in eine Einbahnstraße fahren soll. Der Klassiker. Ich fahre also rechts drum herum, um von der anderen Seite reinzufahren. Ich sehe aber weit und breit kein Casa Betania.

 

Da es mir peinlich ist, am Rand der Fußgängerzone nochmal in die selbe Straße zu fahren, versuche ich es von der anderen Seite. Es kostet das Garmin fast den virtuellen Kragen und mich jede Menge Nerven. Das Navi besteht darauf dass ich umdrehe und in die Einbahnstraße fahre. Ich fahre aus Cortona raus, nur um eine Kehre später wieder reinzufahren. Und wären dort nicht links und rechts ein paar Autos gestanden, ich wäre sofort umgedreht. Denn Straßenbelag und allgemeines Erscheinungsbild sahen schwer nach Fußgängerzone aus. Ich fahre fast eine Treppe herunter, die mit ihren langen Stufen eben erst im letzten Moment als Fußgängerweg erkennbar war. Ich rolle über das grobe Pflaster und komme schließlich wieder an die Kreuzung, an der ich vorhin schon in die Via Gino Severini abgebogen bin. Rechts strömen Touristen aus der Fußgängerzone, geradeaus ein Eiscafé. Wenn es den peinlichsten Moment gäbe, um mit einer gepäckbeladenen Enduro in einer engen Kurve umzukippen, dann wäre es hier.

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Ab hier fühlte ich mich wieder als legaler Verkehrsteilnehmer

Ich kriege aber die Kurve. In der Straße suche ich verzweifelt die Hausnummer 50. Aber das einzige, was ansatzweise passt, ist ein Hotel am Ende der Straße mit der Nummer 48. Der Name ist ganz anders und ich kann mich nicht entsinnen, dass es vier Sterne hatte, aber sogar die GPS-Koordinaten stimmen mit denen der Booking.com-App überein. Ich parke also das Moped und stiefel um die Ecke zur Rezeption. Die Dame verabschiedet sich gerade noch angeregt von einem älteren, amerikanischen Ehepaar als ich ihr mitteile, dass ich mein Hotel nicht finde. Ich habe das Gefühl dass das hier nicht mein Hotel ist, und ich glaube dass die Dame an der Rezeption das auch denkt. Sie ist trotzdem sehr nett und es klingt fast, als ob ich nicht der erste bin, den sie die Straße weiter runterschicken muss. Ich fahre also wieder über die Kreuzung, wieder in die Straße aus der ich gekommen bin, die laut Navi auch garnicht mehr so heißt wie sie heißen soll. Aber ich halte mich an die Beschreibung, fahre durch das graue Tor durch und stehe im Vorhof des Casa Betania. Na endlich. Der zunächst leere Empfang, das Haus, das Zimmer, Bremsspuren im Klo und verrosteter Seifenhalter in der Dusche machen zwar nicht den allerbesten Eindruck, aber ich bin froh endlich angekommen zu sein. Eigentlich ist mir sowas auch nicht wichtig, aber ich habe mittlerweile genug gleichteure Unterkünfte erlebt, bei denen eben etwas mehr Herzblut reingesteckt wurde. Aber wenigstens ist das Zentrum in der Nähe. Wenn das WLAN jetzt noch aufhören würde, ständig zusammenzubrechen, könnte der Tag doch noch besser werden. Oder ich bin einfach nur angefressen und will langsam heim…

Nachtrag:

Nachdem ich eine zeitlang mit meiner Freundin chatten konnte und zum Abendessen aufgebrochen bin, sah alles schon wieder bisschen besser aus. Cortona ist wirklich eine Reise wert. Schon die Gasse, die zur Piazza führte, war gefüllt von Restaurants und Läden, die alles mögliche verkaufen. Nur unterbrochen von der ein oder anderen Treppe, die bergauf oder bergab in die nächste Gasse führt. Viele Menschen saßen zum Abendessen oder für einen Kaffee auf der Straße, an den großen Stufen der Piazza spielte ein Querflötist Michael Jackson’s Heal the World. Inklusive schmalzigem Synthie-Playback aus einer kleinen Box.

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Besser ein schlechtes Foto als garkeins… wahnsinniger Ausblick

Auch beim Restaurant hatte ich Glück. Ich bekam einen Platz im ersten Stock und wurde an einen kleinen Tisch gesetzt. Hinter und neben mir prasselte englisches und amerikanisches Englisch auf mich ein. Mein Gehässigkeitsgrübchen wurde auf eine harte Probe gestellt. Ich kam mir unglaublich gescheit vor, da ich parallel auf italienisch bestellen konnte (inklusive der Nachfrage, ob der 10 € Wein dann eine ganze Flasche sei) als auch am Nachbartisch erfahren konnte, dass die Zahnfee heutzutage 2 Pfund bringt, und es früher nur 6 Pence gewesen sind. Spätestens nach dem zweiten Glas Rotwein und „the Piääzaahs in Siänna“ und „Whoot do you have for pudding? – Äh, you mean-äh dessert-äh?- Yes.“ musste ich mich wirklich zusammenreissen.

Ich bekam einen kleinen Salat als Vorspeise und als Hauptspeise eine Pizza Vegetariana. Als ich gerade Pfeffer darüberstreute, nahm mir die aufmerksame Kellnerin die Frage ab, ob ich etwas scharfes Öl haben könnte. Ich schlemmte vor mich hin und erfreute mich dann doch wieder an meiner Reise. Die ich mir, zwischendurch gedacht, für das Bestehen aller mathematisch angehauchten Prüfungen schenke. Das versöhnt dann auch wieder mit den Bremsspuren. Gute Nacht.

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Ein Gedanke zu “Solo Italia – Tag 10

  1. Wenn du wieder zuhaus bist, wirst du das ganz anders sehen. Spätestens. : )))
    Macht Spaß literarisch mitzureisen.

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