Solo Italia – Tag 9

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  • Abschnitt: Scanno (Abruzzo) – Greccio (Lazio)
  • Strecke: 220 Kilometer
  • Fahrzeit: 09:15 – 14:15
  • Erkenntnis des Tages: Stumpf ist (manchmal) Trumpf

Da ich mich gezwungen habe, ein nicht zu weit entferntes Ziel zu wählen, habe ich Zeit einen Umweg durch den Parco Nazionale d’Abruzzo, Molise e Lazio zu nehmen. Beim Frühstück, wo ich mal wieder der einzige Gast bin, werde ich wieder intensiv betreut. Der nette alte Herr, dessen Tochter eigentlich das Hotel betreibt, frägt mich wo ich hinfahren will. Ich unterhalte mich mit ihm und verstehe ihn irgendwie besser als gestern Abend. Er sagt mir dass die Straßen zwar teilweise geschlossen sind, für Motorräder wäre es aber wohl ok. Und er zeigt mir eine alternative Route, die ich (teilweise) gestern eigentlich fahren wollte. Er erzählt mir noch stolz, dass er das früher teilweise mit dem Radl gefahren ist. Ich bedanke mich sehr herzlich und sage, dass ich wieder hier her komme, wenn ich wieder in Scanno bin. Was durchaus möglich ist, die Stadt hat mir sehr gut gefallen. Auch wenn sie teilweise den Eindruck macht, schon bessere Tage erlebt zu haben. Wie sicherlich viele Städte und Regionen in Italien.

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Im Hintergrund: Scanno

Nach wenigen Kurven bin ich schon am ersten Verbotsschild. Das ich nur für das Foto beachte. Die Straße und die Aussicht könnte so sicherlich auch in Schottland vorkommen. Überhaupt fällt mir das bis jetzt am meisten in den Abruzzen auf: die kargen Landschaften und Gipfel.

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Das wollen wir doch mal sehen.

Die einzige Sorge, die langsam größer wird, ist dass ich bald tanken sollte. Da ich noch nicht weiß, wie unpassierbar die Straße ist, befürchte ich dass der Sprit für den Rückweg knapp werden könnte. Doch lange keine Spur von einer Baustelle, ganze drei Autos kommen mir entgegen. Es nieselt zwischendurch, aber da ich sowieso keine Eile hab, fahre ich mit gemütlichen 40 – 60 entlang.

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Kalt und karg, aber wenigstens scheint die Sonne

Ich kann das nächste Dorf schon sehen, als plötzlich der rot-weiße Kreis vor mir auftaucht. Besonders abschreckend wirken das Absperrgitter und die Schilder aber nicht. Ich drehe hier nicht um, nicht heute. Bis auf ein bisschen Geröll, Sand auf der Straße und zwei kleinen, extra abgesperrten Schlaglöchern sehe ich aber weder die angekündigten Men at Work noch eine Baustelle. Hätte ich das gestern mal probiert. Nach ein paar Kurven bin ich durch und fahre in das mittlerweile zwanzigste, bilderbuchmäßige Dörfchen. In diesem Moment leuchtet die Reserve auf.

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Villetta Barrea

Anhand meines geschriebenen Roadbooks, das alle wichtigen Ortsnamen bis Greccio enthält, hangel ich mich an den Wegweisern entlang, und hoffe dass bald eine Tankstelle kommt. Da es mittlerweile doch ziemlich schüttet, ziehe ich meine Regenjacke über, kurze Zeit später kann ich auftanken. Auch die nächsten Dörfer wären wohl schon für sich genommen eine Reise wert. Ich fahre durch den Nationalpark und bin dabei ziemlich ungestört, nur wenige Autos und noch weniger Motorradfahrer sind unterwegs. Obwohl wieder Schilder vor Bären warnen, sehe ich nur drei Rehe die einen Vogel über das Feld scheuchen. Die Straße führt in ein Tal, das sich in den schönsten Farben präsentiert. Von denen meine Kamera natürlich nur wieder ein minimales Abbild nachzeichnet.

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Irgendwo da hinten muss ich abbiegen

Das Dorf im Tal ist weitaus belebter, als die Orte die ich bisher passiert habe. Viele Häuser, Balkone und Treppengeländer sind geschmückt. Vor mir tuckert eine blaue Ape den Berg rauf, auf der Ladefläche eine Ziege. Ich habe die Abzweigung verpasst und fahre Richtung Autobahn, die ich heute unter allen Umständen vermeiden will. Es bleibt der einzige Navigationsfehler.

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Pescina [päschiiihna]

Ich fahre kurz durch das weite Tal, das zwischen den kargen Hügeln liegt, und biege bald darauf wieder rechts ab. Bergauf. Da dachte ich noch, es kann nicht mehr schöner werden, schon wurde ich wieder eines besseren belehrt. Die Straße nach L’Aquila zählt zu den schönsten, die ich je gefahren bin. Ein Hochplateau aus ewigen Feldern, wiederrum eingeschlossen von Bergen. Ein vermutlich gänzlich falscher Vergleich, aber das was ich sehe erinnert mich mit den stufenweise am Berg gebauten Häusern an Bilder, die ich von Tibet und China gesehen habe. Zum Vergrößern bitte draufklicken.

Überhaupt war an diesem Tag alles sehr entspannt, vielleicht weil ich meine Jagd in den Süden beendet habe. Und mir nicht zuviel vorgenommen habe. Aktuell fühlte es sich auch nicht nach Heimfahrt an, überhaupt nicht. Ich hatte eher das Gefühl, viel mehr von den Abruzzen gesehen zu haben, als wenn ich einfach Richtung Bari weitergefahren wäre. Naja, logisch eigentlich.

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Das Stativ hat sich wirklich bezahlt gemacht

Die Abfahrt ins Tal Richtung L’Aquila bot dann noch mehr atemberaubende und schwindelerregende Blicke. Ich musste ständig anhalten, entweder um Fotos zu machen oder den Ausblick zu verinnerlichen. Auch das kommt auf dem Foto nicht wirklich rüber, aber ich hatte tatsächlich einen Anflug von Schwindel beim Blick ins Tal.

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Ich kann diese Strecke nur jedem ans Herz legen, der in der Gegend unterwegs ist…

Auch in L’Aquila gab es unübersehbare Schäden des Erdbebens, schon von weitem sah man eine Skyline aus Baukränen. In der Stadt eine Umleitung, leerstehende Häuser, viele Baustellen, überall wurde gewerkelt. Dennoch wirkte hier alles weniger bedrückend als in den Dörfern, durch die ich gestern gefahren bin. Aber wahrscheinlich war L’Aquila auch schon vorher ein viel geschäftigerer Ort. Die Straße Richtung Rieti war dann nicht mehr allzu spektakulär, bot aber dennoch etwas fürs Auge, als sie sich durch Alleen und Täler langsam bergab windete. Mein reserviertes B&B in Greccio fand ich recht schnell, und es machte einen alten aber sehr gepflegten, schönen Eindruck. Es ist zwar erst kurz vor vier, aber ich bin sehr froh dass ich heute so viel Zeit habe. Zum Abendessen werde ich vermutlich nochmal aufs Motorrad klettern müssen. A domani!

Nachtrag:

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Auf dem Bild nicht zu sehen: die drei zwielichtigen Typen. Auch sonst habe ich mich auf der Piazza nicht willkommen gefühlt.

Da es in Greccio, obwohl ein schönes Dörfchen, kein (heute) offenes Restaurant gab, musste ich wieder ein paar Kilometer in der Dämmerung fahren. Wenigstens konnte ich bei der Gelegenheit für einen Zehner volltanken. Zwei Dörfer weiter fand ich dann eine Pizzeria, die gerade aufgemacht hatte. Soll heißen ich war der erste und bis zum Ende einzige. Aber die Pizzabäckerin und Kellnerin waren sehr nett, sofort wurde mir Licht und RAI Uno angemacht, so dass ich beim Vorspeisensalat schön mitraten konnte. Dazu gab es warmes Pizzabrot, eine bessere Beilage habe ich noch nie bekommen. Die Pizza 4 Formaggi hätte ich fast nicht runterbekommen, so voll war ich schon… hat sich halt doch rentiert. Und, so wie es aussieht, bin ich auch im Il Cantico der einzige Gast, weshalb ich mir schon wieder aussuchen kann, wann ich frühstücken möchte. Um neun möchte ich. Ich wusste nicht, dass bereits der September die totale Nebensaison zu sein scheint…

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Rot beleuchteter Ingresso des blau beleuchteten Il Giardino

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