Enduro statt Bollerwagen – Sandschmeißen in Ungarn (1)

Den ganzen Tag lang der Nase nach fahren, zwischendurch ein paar Espressi oder ein Eis, kurz auftanken und weiterfahren, bis man zur nächsten Kreuzung kommt. Egal ob diese nun in der Stadt oder mitten im Nirgendwo liegt. Die oft besagte Freiheit des Motorradfahrens, hier konnte man sie erleben. Zwischen Lajosmizse, Kunbaracs, Szabadszállás und einem Haufen weiterer, für Westeuropäer nahezu unaussprechlicher Ortschaften südlich von Budapest.

Statt alkoholgetränkter Bollerwagen-Tradition folgten wir einer Einladung zum Sandschmeißen nach Ungarn, um uns dort zwei Fahrtage lang auf ehemaligen Etappen der Transdanubia-Rallye auszutoben.  Da mir bisher nur wenig Sand unter die Räder kam, stellte dieser Ausflug eine gute Vorbereitung für ambitioniertere Pläne Richtung Nordafrika dar.

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Der Viehtransport wird vorbereitet

Nachdem die frisch bereiften Motorräder verladen waren, bestand unser Vatertag vor allem aus einer fast zehn Stunden langen Autofahrt. Die letzte halbe Stunde, die sich viel länger anfühlte, entfiel dabei auf eine kilometerlange Holperpiste. Diese mündete in einer Schotterstraße, die zur unerwartet großen Hotelanlage führte. Wie fast alle Gasthöfe in dieser Gegend, war auch dieses Hotel ein halber Reiterhof. Unsere Motorräder gesellten sich am selben Abend zu den anderen Mopeds, während wir die ungarische Küche kennen lernten.

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Fast alle Gewichts- und Leistungsklassen waren vertreten

Der erste Fahrtag startete nach Frühstück, Gruppeneinteilung und Anpassung des Reifenluftdrucks mit dem Aufbellen sämtlicher Ein-, Zwei- und Vierzylinder von 350 bis 1200 Kubik. Nach Schotter und einer kurzen Asphaltpassage waren wir dann schon mittendrin statt nur dabei: im unregelmäßig aufgewühltem Tiefsand. Die ersten beinahe-Stürze und bemühten Versuche, wieder Fahrt aufzunehmen ließen nicht lange auf sich warten. Ein paar Kurven später landete mein Motorrad dann doch ungeplant, wenn auch sanft, auf der rechten Seite. Und wollte nicht mehr anspringen. Scheinbar hatte ich das Muli zu sehr gehetzt. Zu allem Überfluss strandete ich in einer Senke und brutzelte in der Sonne, während der Rest der Gruppe auf dem Hügel im Schatten wartete. Da sich noch immer nichts rührte, fuhr die Gruppe weiter, Maxi half mir die Sertao den Berg hochzuschieben und unser Papa war holte eine zweite Batterie.

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Die Sertao wollte sich lieber sonnen, als irgendwelche Hügel hochzurennen.

Nach ein paar Minuten im Schatten probierten wir es dann noch einmal. Ohne zu murren sprang die Maschine an. Ich vermutete schon, dass mein Motor wohl doch vom damaligen Rückruf (Fliehkraft-Dekompressor) betroffen sein könnte… aber eigentlich war es mir dann auch egal. Ich war froh, dass sie wieder lief. Wir fuhren den Weg weiter und trafen uns an einer Schranke wieder, von dort aus setzten wir die Tour zu dritt fort.

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Die Schranke sorgte für eine kurze, technische Herausforderung.

Ohne Karte fuhren wir also einfach drauf los. Und langsam gewöhnten Maxi und ich uns an den Sand. Natürlich waren die 60,70 oder 80 Sachen immer noch langsam, wenn wir uns mit Rallyefahrern vergleichen würden, die teilweise über 160 km/h auf gerader Piste erreichen. Mir reichte das Tempo aber allemal, vor allem wenn unerwartete Schlammlöcher den Weg kreuzten und für den ein oder anderen Rodeo-Ritt sorgten.

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Mit ungefähr 220 kg das schwerste Motorrad im Bunde: F 800 GS

Mehr noch als plötzliche Pfützen überraschten uns Bauernhöfe, die nach minutenlanger und kurvenreicher Fahrt durch die Pampa vor einem auftauchten. Und meist von ein bis zwei Hunden bewacht wurden oder, wie auf dem unteren Bild, von einer Herde Schafe.

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Bauernhöfe zwangen oft zum Umkehren

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Kávé

Diese Umfahrungen sorgten für abwechslungsreiche Eindrücke der Region, auch bei einer Kaffeepause bekamen wir zumindest einen kleinen Einblick des dörflichen Lebens. Dass die Uhren hier noch deutlich langsamer ticken, war unübersehbar. Einmal mehr stellte ich vermeintliche westliche Standards infrage. Natürlich würde ich nicht mit der ungarischen Oma tauschen wollen, die ihren Wasserkanister am Brunnen auffüllen muss bevor sie ihn in der Mittagshitze zurückschleppt. Aber bereits hier, zwei Stunden von Wien entfernt, kann man genug Eindücke gewinnen, die all den Social-Media-Schwachsinn, genormten Joballtag und Mustermann-Karrieren in ein anderes Licht stellen. Bald beschlossen wir, nach einer Wirtschaft Ausschau zu halten. Die ein oder andere Sackgasse umfuhren wir durch ein Grasmeer oder am Rande von Feldern.

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Wir waren bereits westlich der Donau und das Wetter hatte sich ein wenig verschlechtert, als wir ein Lokal fanden. Die Sprache der Kellnerin gab uns genauso Rätsel auf, wie das Entziffern der Speisekarte. Außer Sandwich, Salami und Salat gab es nicht viele Wörter, die einem eine grundsätzliche Idee der Speise vermittelten. Mit Mimik, Gestik und einer Übersetzungs-App konnten wir uns halbwegs verständlich machen, bestellten Sandwiches und ein Rindergulasch. Fanta und Cola ließen sich dagegen ohne Schwierigkeiten ordern.

Den Rückweg zum Hotel bestritten wir zum Großteil auf Teer. Nachdem die ein oder andere Schraube nachgezogen und der Bremshebel komplett geradegebogen war, wartete Dusche und Abendessen auf uns.

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Kurz bevor ich mein Garmin-Navi herausholte, half uns ein Passant die richtige Abzweigung zu finden

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