B22 – Tag 23

  • Abschnitt: Maserno (Italien) – Freising (Deutschland)
  • Zeit: 09:30 bis 19:00 Uhr
  • Tageskilometer: 605
  • Kilometer insgesamt: 4460

Der letzte Tag ist schnell erzählt, gehört aber auch dazu. Beim zusammenpacken telefoniere ich mit meinem Kumpel, um mich nach der Möglichkeit für einen Kaffee auf dem Heimweg zu erkundigen. Da heute genauso gut passt wie morgen, kann auch er nicht als Entscheidungshilfe dienen. Aber die steht ja eigentlich schon seit Tagen fest. Ich fahre durch ein unerwartet schönes Tal Richtung Autobahn, das mich mit seinen karten Felsen und Fachwerk-Stahlbrücken noch einmal stark an Kroatien erinnert. Ich sehe noch einmal unzählige Fiat Panda und schaffe es fast, sämtliche Generationen auf einem Bild festzuhalten. Habe ich schon erwähnt, dass ich seit jahrelangem Hin- und Herüberlegen einen gekauft habe?

Bestes Auto der Welt

Der graue Himmel ist wieder etwas erdrückend, aber ich fühle mich gut, fühle mich nun doch wieder etwas größer. Und das nicht nur, weil immer noch Batz vom Campingplatz unter den Stiefeln klebt. Ich wusste, dass die Reise kein wirkliches Abenteuer wird, erwartet habe ich das trotzdem irgendwie. Aber trotz Eiltempo und der langen Pause in Athen kann ich der Sache einiges abgewinnen. Das ein oder andere wird sich aber erst im Nachhinein zeigen, wenn die Beiträge geschrieben sind oder ich nach einem Jahr mal wieder von diesem oder jenem Tag lese und mir die Sachen einfallen, die ich nicht fotografiert habe. Die Kurven werden weniger, die mich umgebenden grünen Hügel immer flacher, die Autobahn kommt näher. All das ist ein perfekter Rahmen, um über derlei zu sinnieren.

Die Ausläufer des Apennin

Vor der Autobahn aktiviere ich mein Headset und starte einen Podcast, Zeit, die Reifen wieder eckig zu fahren. Von der Etappe gibt es nicht viel mehr zu berichten, als das, was in den Beobachtungen von vier Raststätten passiert ist:

  1. A 22, Tankstop. An der Zapfsäule zum selbertanken hat sich eine lange Schlange gebildet, was mir zu blöd ist. Bei rund 14 Litern kann ich es mir außerdem eher leisten, den „servito“-Aufschlag von 30 Cent je Liter zu zahlen. Der Andrang am Klo ist mir aber zu groß, so dass ich wieder umkehre und schon die erste Eskalation an der „self“-Zapfsäule mitbekomme. „Das geht nicht, Sie müssen doch wegfahren.“ – „Wo kommen Sie her?“ Meine Güte, zu viele Menschen an einem Ort sind nie eine gute Idee.
  2. Nochmal A 22. Dieses Mal muss ich noch dringender auf’s Klo. Der Putzmann fuchtelt wild herum, eine Urlauberin übersetzt für alle Neuankömmlinge: „D’Schlange isch do hindä.“ Hoho, bloß weg hier, das pack ich jetzt echt nicht.
  3. Nochmal A 22. Als ich mir nochmal das Motorrad-Pickerl kaufe, finde ich ein normal frequentiertes WC. Danach setze ich mich kurz neben das Moped, esse ein paar Kekse und ziehe mit meiner gut gewählten Parkposition am völlig überfüllten Rastplatz weitere Motorradfahrer an. Ich packe zusammen und stelle mich weiter der Geduldsprobe Brennerautobahn.
  4. A 93. Wenige Meter nach der Grenze tanke ich nochmal auf, ziehe meine Regenklamotten aus und schiebe mir zwei Duplo in den Hals. Ich informiere meinen Freund, dass es wohl noch etwas später wird. An der Kasse möchte eine ältere Dame ihre SaniFair-Bons einlösen, was aber nicht gelingt, da sie nur drei Jahre gültig sind. Nur?! Ich habe es bald geschafft, aber der Verkehr wird schnell unerträglich und schon am nächsten Parkplatz sehe ich ein, dass ich die gerade abgelegten Regenklamotten nochmal anziehen muss.
Notiz an mich: Das nächste Mal einfach die Landstraße nehmen

Die dunklen Wolken beunruhigen mich erst, als ich am Horizont Blitze sehe. Ich kann nicht einschätzen, ob ich genau reinfahren werde oder wie weit es weg ist, mir fällt nur ein Artikel ein, der von höchster Lebensgefahr gesprochen hat. Da es wirklich saublöd wäre, bei so einer Gelegenheit vom Blitz getroffen zu werden, fahre ich kurz von der Autobahn runter und stelle mich zum ersten Mal in meiner Motorradkarriere unter eine Brücke. Gleichzeitig sage ich meinem Kumpel, dass das mit dem Kaffee heute wohl eher nichts mehr wird.

Ich habe es leider nie geschafft, einen Blitz mit aufs Foto zu bekommen

Das Regenradar informiert mich mal wieder über den Verlauf des Gewitters, durch das ich in jedem Fall gefahren wäre. Zum Glück muss ich nicht allzu lange warten und nutze die Zeit, um mich nochmal mit einer Internetrecherche rückzuversichern. Ja, Brücken sind für Fußgänger, Radlfahrer und Motorradfahrer die beste Alternative, sofern kein Gebäude in der Nähe ist. Ich bin erstaunlich abgebrüht, weil ich weiß, dass ich im Moment außer zu warten einfach nichts tun kann.

Muss man einfach aussitzen

Nach einer Weile regnet es dann nur noch, ich drehe wieder um und fahre zurück auf die A 93 und bin wenig später auf der A 8. Dort leuchtet die Natur in den verrückstesten Farben: Linker Hand hellblauer Himmel und Sonnenschein, rechts von mir taucht die Abendsonne die Weizenfelder und saftigen Wiesen in warme Farben, doch darüber haben sich immer noch tiefblaue Wolken versammelt. Die Autobahn trägt mich im großen Bogen um München und so immer weiter weg vom Gewitter. Die letzten Kilometer fahre ich dann wieder wie automatisiert, weil ich trotzdem ungeduldig bin, fahre ich bei Garching auf die Landstraße und erreiche gegen 7 endlich Freising. Noch passe ich nicht zu den anderen, die hier gerade noch den Wochenendeinkauf erledigt haben, von der Arbeit oder ins Kino fahren. Noch bin ich in den letzten Minuten, auf den letzten Metern des Urlaubs. Aber die Synchronisation beginnt in dem Moment, wo ich die letzte Tasche hochgetragen und abgestellt habe. Der Freizeit-Nomade ist wieder sesshaft geworden.

Wenigstens muss ich nicht im Regen heimfahren

2 Gedanken zu “B22 – Tag 23

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