B22 – Tag 19

  • Abschnitt: Patras (Griechenland) – Ancona (Italien) – Arcevia (Italien)
  • Zeit: 18:00 bis 15:30 bzw. bis 17:30 Uhr
  • Tageskilometer: 80
  • Kilometer insgesamt: 3422

Wer an einem Montag um kurz vor Mitternacht noch von Igoumenitsa nach Ancona will? Jede Menge. Ich liege schon einmal testweise auf dem Gang und auch diagonal unter den Sitzreihen. Mich wie auf der letzten Überfahrt drunter zu legen (um aus dem Weg zu sein und nicht die ganze Zeit von den Lampen in der Decke angestrahlt zu werden) würde gehen, wenn ich mich komplett flach darunterlegen würde. Mich umzudrehen wäre aber unmöglich und es wäre überhaupt etwas albern. Das ist aber alles egal, denn aufeinmal füllt sich der „Bus“, reservierte Sitze werden in Anspruch genommen, schon schlafende Reisende verjagt. Nur der Mitreisende, der vorhin noch eine Rettungsdecke aus dem Koffer gezaubert und sich lautstark darin eingewickelt hat, ignoriert das Chaos, denn er liegt sowieso ganz hinten. Bald füllen sich die Sitze vor mir, ich stelle mich schon mal darauf ein, umzuziehen. Bei einer französischen Familie gibt es Verwirrung, welche Sitze man reserviert hat, der rechte Sitz meiner Reihe gehört wohl dazu, aber der Vater winkt ab. Ich fühle mich trotzdem nicht mehr wohl, packe alles so gut zusammen, wie es so eingequetscht eben geht und beschließe (allein schon aus Platzgründen) definitiv abzuhauen, falls Sitz 312 doch noch (zurecht) beschlagnahmt wird. Wer durch das ganze Chaos nicht aufgewacht ist, wurde spätestens von den Sicherheitshinweisen geweckt, die wieder in vier Sprachen aufgesagt werden. Auch die sieben kurzen und ein langer Pfeifton werden folgerichtig jedes Mal abgespielt, die ganze Situation bekommt langsam eine gewisse Komik. Irgendwann legt sich das Chaos, ich krümel mich in meinem Sitz zusammen, ziehe mir die Mütze übers Gesicht und halte fest: Wenn Fähre, dann Kabine. Irgendwann schlafe ich tatsächlich ein, was ich aber erst merke, als ich kurz aufwache.

Gefühlt wiederholt sich das alle 30 bis 60 Minuten, ich verändere jedes Mal leicht die Position, aber irgendwo klemmt’s oder drückt’s immer. Auch wenn ich meine Käsefüße mittlerweile auf dem zweiten Sitz geparkt habe. Apropos Käsefüße, ich trage immerhin noch Socken. Andere haben da weniger Skrupel, was ich zum Glück nur sehe und nicht rieche. Noch mehr als die Tatsache, dass ich geschlafen habe, wundert mich, dass ich meist innerhalb von wenigen Minuten wieder einschlafen kann. Im wie erwähnt komplett fensterlosen Raum geht das solange gut, bis ich beim sechsten Aufwachen wirklich dringend aufs Klo muss. Es ist kurz vor halb 7. Na dann kann ich ja gleich wach bleiben.

Diese Bänke waren am Abend leider schon mit Isomatten und Decken reserviert

Auf dem Gang schaue ich erstmal blöd, denn überall liegen schlafende Menschen, selbst auf den Treppenaufgängen, im Barbereich, zwischen den Stühlen, auf den Gängen. Nur im pseudo-vornehmen „à la carte“-Restaurant hat sich keiner über die Absperrung getraut. Das Highlight ist eine Hängematte, die über einen leeren Whirlpool gespannt wurde. Ich hole mir einen Kaffee, sitze mal hier, mal da, und muss dabei häufig noch über ausgestreckte Füße steigen. Dabei entdecke ich mindestens drei gute Plätze an Deck, wo ich mich hätte ausbreiten können. Naja, ich bin ja selbst schuld. Ich habe nicht den Orient-Express (oder besser gesagt: einen Luxusliner) erwartet, vor allem weiß ich es ja eigentlich besser. Aber dieses Mal verflog das letzte Quäntchen Reiseromantik bereits im Hafen von Patras. Jetzt, wo das Schiff so voll ist, nervt es mich nur noch. Das Bild, das sich mehr und mehr aufdrängt ist das einer XXL-Autobahnraststätte auf See. Alles ist grintig, aber nicht im „used universe“-Sinne der Star Wars Filme. Sondern im Sinne von abgegriffen, unhygienisch, billig. Die schlecht gelaunte Crew und das Heer aus Türzuhauern, Danebenbrunzern, Nicht-Händewaschern und Ohne-Kopfhörer-Videos-auf-dem-Handy-Schauer macht es nicht besser. Aber vielleicht bin auch nur ich komisch. Oder übermüdet. Ich glaube langsam zu wissen, was mich daran so stört. Es ist die Diskrepanz zwischen dem, wie die Fähre angekündigt und beworben wird und dem, wie die Überfahrt dann ist. Aber vielleicht sollte ich mich als Holzklasse-Passagier auch einfach nicht beschweren. Es ist wie die letzten Male trotzdem eine in vielerlei Hinsicht interessante Erfahrung, um die ich später auch froh sein werde.

Eine Lektion in Geduld

Ungeduldig schaue ich auf das Navi, wo die italienische Landmasse Pixel für Pixel näher kommt. Ich weiß nicht, wann mir das letzte mal so langweilig war. Die Fahrt dauert einfach zu lange. Noch so ein Grund, warum ich lieber nach Bari gefahren wäre. Aus meinem Plan, alle restlichen Bordleistungen zu boykottieren wird daher nichts. Rund zwei Stunden vor Ankunft kippe ich nochmal einen Espresso in mich rein, esse wieder eine mit Käse gefüllte Sesamstange und verbringe die restliche Zeit im Schatten des großen Schornsteins.

Land in Sicht! Na endlich

Irgendwann wird Italien auch mit den Augen sichtbar, Ancona wird immer größer. Endlich. Es fühlt sich so an, wie in München zu landen, wie daheim anzukommen. Das anschließende Gedränge dämpft die Freude wieder etwas, aber nach ein paar Minuten kommt die Schlange aufeinmal in Bewegung und ich stehe wieder auf Deck 3, vor mir zweieinhalb Reihen Autos, die Stoßstange an Stoßstange stehen. Ich halte die Gepäckrolle und den Helm so hoch wie möglich und suche mir einen Weg durch die Blechlawine. Auf der anderen Seite fahren Autos schon wieder auf das Schiff. Ich habe immerhin genug Platz, um etwas zu rangieren. Vor lauter Hektik bleibt mir keine Zeit mich darüber zu freuen, dass mein Motorrad während der Überfahrt offensichtlich nicht übers Deck geschlittert ist, sondern dort steht, wo ich es gestern auf den Seitenständer geparkt habe.

Rette sich wer kann!

Dann rolle ich rückwärts in eine Lücke und fahre über die metallene Rampe ins Tageslicht. Unten bildet sich schon wieder ein Stau, weil viele Passagiere mittlerweile eine große Traube gebildet haben und jedes zweite Auto genau dort hält, um sie einsteigen zu lassen. Ich kann zum Glück durch und drumherum fahren und habe endlich wieder Ellbogenfreiheit. Den Hafen lasse ich schnell hinter mir und finde schnell eine Tankstelle. Durchatmen. Hey, ich bin in Italien! Ich kann nicht sagen, ob fünf Minuten oder 30 vergangen sind, seitdem ich oben in der Schlange stand.

Weil ich in Griechenland nicht mehr getankt habe und der Spritpreis hier wieder unter 1,70 liegt, spare ich unbeabsichtigt vier Euro fürs Volltanken. Noch viel größer ist die Freude über die vollkommene Freiheit der nächsten Tage. Ich habe nichts gebucht, vor allem aber bin ich endlich von diesem Scheiß-Schiff runter und muss niemanden sehen, wenn ich das nicht möchte. Den Gran-Sasso-Plan habe ich bereits gestern Abend verworfen, dass es selbst nach der Zeitumstellung (eine Stunde zurück) schon 16 Uhr ist, ist mir Ausrede genug. Bei angenehmen 25 Grad fahre ich superentspannt Richtung Jesi und dann Richtung Arcevia, genieße die sanfte Hügellandschaft der Marken und die italienischen Straßen. Seit langem kann ich Schilder wieder vollständig entziffern und auch verstehen, was darauf steht. Es ist fast zu einfach. Wieder habe ich diesen „Oh, wie schön ist Panama“-Moment. Morgen? Erstmal Kaffee. Und dann? Egal. Ich habe Zeit und auch in dieser Gegend gibt es sehr viel zu entdecken. Vielleicht habe ich die Fähre ja auch gebraucht um an diesen Punkt zu kommen: Erst jetzt, wo die Reise fast zu Ende ist, fühle ich zum ersten Mal keinerlei Verpflichtung. Aber nicht einmal darüber ärgere ich mich.

Endlich angekommen

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