B22 – Tag 10

  • Abschnitt: Kastraki (Griechenland) – Athen (Griechenland)
  • Zeit: 09:30 bis 15:30 Uhr
  • Tageskilometer: 363
  • Kilometer insgesamt: 3066

Nachdem bei den Klöstern viel los sein wird und ich mich entschieden habe, statt einem weiteren Zwischenstopp heute nach Athen zu fahren, entscheide ich mich für nur ein Kloster. Reisen bedeutet eben auch immer Kompromisse, denke ich mir in einem Anflug von Weisheit. Weil alle sehenswürdig sein werden, gibt mal wieder die Popkultur den Ausschlag und ich entscheide mich für das Kloster, das man berühmterweise in James Bond („For Your Eyes Only“, der deutsche Titel ist mir als O-Ton-Schauer und -Hörer nicht geläufig [Nachtrag: „In tödlicher Mission“]) gesehen hat. Da jetzt klar ist, wann ich in Athen sein werde, kann ich auch anfangen, mich mal nach Fähren umzuschauen. Es sieht schlecht aus. Erst ab Mittwoch nächster Woche ist die tägliche Fähre nach Bari wieder buchbar. Das ist zu spät für meinen Plan. Auf allen Seiten ist es das gleiche. Zähneknirschend schaue ich, wie es mit der Verbindung nach Ancona aussieht: Etwas besser. Aber das bedeutet auch, dass mit Süditalien ein nicht unerheblicher Teil der Reise wegfällt und ich mehr Zeit auf dem Meer abhänge. Reisen ist immer ein Kompromiss, ja ja… Ich überlege noch ein paar Minuten, buche dann aber lieber, bevor auch die Boote nach Ancona voll sind und ich über den Balkan (oder noch schlimmer: überwiegend Autobahnen) zurückfahren muss. Naja, ein Abstecher in den Gran Sasso Nationalpark ist ja vielleicht trotzdem drin.

Man weiß, was einen erwartet. In Echt wirkt es dann aber doch immer besonders!

Als ich mich aufmache fällt mir wieder ein, was andere gestern gemacht hätten. Vielleicht schon mal zu den Klöstern fahren, schöne Fotos im weichen Abendlicht machen. Weil Lesen (das ist das, was ich gestern gemacht habe) kann man ja auch daheim. Aber so ist es halt, und heute ist es auch schön und ich bin froh, wenigstens ein Kloster von innen zu sehen. Auch, das merke ich schnell, wenn es nach den anstrengenden Stufen nicht viel zu sehen gibt. Gedanken ob der strengen Kleiderordnung habe ich schnell abgelegt, als ich gesehen habe, wie mir andere Touristen so entgegenkommen. Da bin ich mit Motorradstiefeln und -hose vielleicht schwer, aber nicht unpassend bekleidet. Im Kloster bleiben viele Türen zu, aber trotz der vielen Besucher haben die Gemäuer eine besondere Atmosphäre. Besonders dicht ist sie in einem Nebenraum, der mit goldenen Ornamenten, Malereien und Kerzenleuchtern strahlt, ohne aber zu protzen. Ich respektiere das Foto-Verbot, stehe ungefähr eine Minute ungestört im Raum und versuche mit geschlossenen Augen etwas von der friedlichen Ruhe in mich aufzunehmen.

Aussicht über Kalambaka – und das ausgetrocknete Flussbett

Draußen mache ich noch ein paar Fotos, in die eine Richtung sieht man herunter auf die Stadt, das Panorama in der anderen Richtung schmerzt mit seinen bizarren Sandsteinfelsen schon fast in den Augen. Nach einer halben Stunde steige ich die Stufen wieder herab, nun kommen mir schon deutlich mehr Leute entgegen, auch die am Straßenrand parkenden Autos haben sich vervielfacht. Als gerade niemand vorbeilatscht, lege ich einen Striptease hin, wechlse nochmal mein durchgeschwitztes Shirt gegen das Funktionsshirt, fahre ins Tal und lasse mich vom Fahrtwind trockenfönen. Statt wie geplant nochmal einen Tag in die Berge zu fahren, nehme ich die unschöne Abkürzung über die Autobahn, was bei Temperaturen knapp unter 40 Grad noch weniger Spaß macht. Früher als erwartet muss ich tanken, vermutlich weil das letzte „full“ nicht wirklich volltanken war. Da ab Bosnien ja fast nur noch Tanken mit Bedienung angesagt war, habe ich irgendwann darauf verzichtet, noch einmal den Pegel zu kontrollieren wenn der Benzinrüssel den Blick in den Tank freigegeben hat.

„words to live by“ – aber in Griechenland fahren tatsächlich sehr viele oben ohne

In einer Vorstufe der Panik suche ich schon mal die nächsten Tankstellen im Navi, da ich gerade sowieso auf einer Umleitung über die Landstraße bin, mache ich mir aber nicht wirklich Sorgen. Ich habe die (bei den GS dieser Baureihe berüchtigte) Tankanzeige mittlerweile besser einschätzen gelernt, denn wenn der erste Strich fehlt, waren meist noch acht Liter im Tank. Ich verlasse mich trotzdem lieber auf den Kilometerzähler und folge dem Navi ein paar Kilometer zurück. Zur Überraschung kann man von der eingezeichneten Tankstelle nicht einmal mehr Überreste erahnen. Bei der nächsten Tanke habe ich mehr Glück, sie ist nicht nur sichtbar, sondern auch noch in Betrieb. Vor allem versteht der gute Mann mit der Bauchtasche sein Handwerk und tankt wirklich voll. Bei einer Außentemperatur, die wieder der Körpertemperatur entspricht brause ich nach ein paar Serpentinen wieder auf die Autobahn und durch zig Mautstellen. Irgendwann erreiche ich Athen, dessen breite Straßen sehr leer wirken. Durch die Buchung der Fähre bin ich wieder halbwegs synchronisiert und mir fällt ein, dass heute Sonntag ist. Ich erreiche das Apartment, in dem meine Frau untergekommen ist, und lade mein ganzes Geraffel in den Aufzug. Gleich in der Nähe finde ich eine Tiefgarage, in der ich das Motorrad für ein paar Tage unterstellen will.

Ach ja, Sonntag. Sonst sind die dreispurigen Straßen in Athen deutlich voller

Ungewohnt luftig (aber mit Helm) fahre ich die rund zwei Kilometer zum Parkhaus, beim Pförtner spielt die GS mal wieder den Eisbrecher. So etwas wäre sein Traum, aber viel zu teuer. Statt „Essen“ (wie in Bosnien) werde ich nun gefragt, ob ich aus „Düsseldorf“ sei, meine Antwort bleibt die gleiche. Da es keinen wirklichen Tarif für Motorräder gibt, legt er den Preis auf 12 Euro fest, was mir für acht Tage fast unverschämt billig vorkommt. Ich bezahle gleich, entdecke oben noch das Hellenic Motor Museum und überlege mir, das für morgen einzuplanen. Die Akropolis und das Archäologische Museum habe ich letztes Jahr schon mal bei anderer Gelegenheit gesehen. Ich mache mir auch nie irgendwelche utoptischen Bucket Lists und auch „Top Ten XY die man gesehen haben muss“ interessieren mich nicht. Aber das ein oder andere möchte ich mir eben doch anschauen.

Verschnaufpause für die GS – und für mich

Das Gefühl, dass die Reise bald vorbei ist, lässt sich nun nicht länger aufhalten. Obwohl doch noch acht Tage in Athen und sechs Tage in Italien vor mir liegen. Am Abend sichere ich mal wieder meine Fotos, blättere durch die Notizen und zähle schon mal die Kilometer bis hierhin zusammen: 3066. Es bleibt eine abstrakte Zahl, mit der ich in diesem Moment nicht viel anfangen kann. Wie war das nochmal? Wenn man schneller als im Pferdetempo reist, kommt die Seele nicht mehr mit?

Ein Gedanke zu “B22 – Tag 10

Schreibe eine Antwort zu palazzo43 Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s