B22 – Tag 9

  • Abschnitt: Struga (Nordmazedonien) – Kastraki (Griechenland)
  • Zeit: 08:50 bis 16:30 (Ortszeit: 17:30) Uhr
  • Tageskilometer: 313
  • Kilometer insgesamt: 2703

Heute war es endlich so weit. Nach dem Aufwachen dachte ich einfach nur: Kein. Bock. Ich wurde schon früh vom Muezzin geweckt, genau genommen von drei, die mit leichtem Versatz aus drei unterschiedlichen Richtungen an das Morgengebet erinnerten. Länger als halb 8 konnte ich sowieso nicht schlafen. Beim Zusammenpacken tröpfelt es leicht, beim Bezahlen bekomme ich nochmal einen kräftigen Espresso und bin weg. Beim Aufsteigen wünscht mir eine Camperin, die zu den Spülbecken schlappt, nochmal eine gute Reise, was ich in meiner dünnhäutigen Stimmung sehr herzlich und nett finde. Ein Teil von mir würde sich durchaus wünschen, abends mal spontan ins Gespräch mit anderen Gästen zu kommen, ein Bier oder ein Glas Wein zu trinken. Der andere Teil ist froh, abends seine Ruhe zu haben und einfach alles beobachten zu können. Ich fahre nochmal an Ohrid vorbei und durch die Vororte Richtung Osten.

Ein Schild aus besseren Zeiten

Ich bin nicht genervt aber einfach etwas freudlos, der graue Himmel und die Tatsache, dass mir die ganze Zeit der Geruch alter TDIs in der Nase hängt, machen es nicht besser. Ein Schild kündigt irgendein Denkmal an, es könnte die „Seemine“ sein, mir fehlt aber die Lust, einen größeren Umweg zu fahren (später stellt sich heraus, dass es wohl doch ein anderes Denkmal war). In Bitola genieße ich noch einmal die Eindrücke, die sich im vorbeifahren so ergeben. Die Bauweise der Hochhäuser, die Geschäfte, die Märkte, die vom Rücksitz winkenden Kinder. Wie aus dem Nichts steht auf einmal „ATHENS“ angeschrieben, was meine Laune sofort aufhellt. Ich schaue zwar jeden Tag mehrmals auf Landkarten und das Navi, zoome rein und raus, aber irgendwie verliert man trotzdem das große Ganze aus dem Auge. Und in diesem Moment ist Athen eben mein Magadan.

Energieschub in Bitola, die letzte größere Stadt in Nordmazedonien.

Vom Grenzübertritt gibt es auch dieses Mal nichts zu berichten. Von wegen längere Wartezeit weil man von einem Nicht-EU-Land in die EU einreist. Aber es liegt vielleicht auch am Timing. Apropos, was für ein Wochentag ist heute eigentlich? Ich habe schon am zweiten Tag aufgehört, darauf zu achten. Das Kapitel „Ex-Jugoslawien“ schließe ich jedenfalls so unspektakulär ab, wie ich es begonnen habe. Was bleibt, sind fast ausschließlich positive Eindrücke dieser großen Landmasse, die ich nun wieder etwas besser, aber noch lange nicht gut kenne.

Die letzte harte Grenze

Im Vergleich zu meiner Reise 2020 fühle ich mich in Griechenland sofort willkommen und wohl. Wieder verstehe ich nicht, warum das mal anders war. Nach wenigen Metern im Land biege ich direkt auf die Autobahn ab, ich zähle in der nächsten Zeit vielleicht drei Autos, was das ganze etwas surreal macht. Auch hier gibt es Schilder, die vor Bären warnen. Ich sehe zwar nichts, aber es macht die monotone Fahrt ein wenig aufregender, danach Ausschau zu halten. Bei der ersten Mautstelle bildet sich ein kleiner Stau, dann werden alle Autos einfach durchgewunken. Auch gut. Nach einer guten Stunde biege ich auf kleinere Landstraßen ab, lasse auftanken und zahle erstmals wieder gute zwei Euro pro Liter. Die Bar neben der kleinen Tankstelle sieht eigentlich einladend aus, mich zieht es aber wieder zurück auf die Straße, in die ich erstmals wieder etwas mehr vertrauen habe, was die Schräglagen angeht. An einem Restaurant, das direkt an der Landstraße liegt, überwinde ich mich zu einer richtigen Mittagspause. Obwohl ich mich in vielen, eigentlich in fast allen Belangen, deutlich mehr traue als noch bei den letzten Reisen, habe ich immer noch ein Problem damit, ein volles Café oder Restaurant zu betreten. (Nachtrag: Wer den neuen Top Gun gesehen hat, möge an die Szene denken, in der Tom Cruise im Astronautenanzug ein American Diner betritt. Ich habe das unbegründete Gefühl, in solchen Situationen genau so zu wirken). Es lohnt sich jedenfalls, denn Aubergine mit Feta klingt nicht besonders spektakulär, ist aber nach all den Abenden mit Nudeln oder Gnocchi mit Pesto ein großer Genuss.

Die besten Gerichte sind doch immer noch die mit wenigen, aber gut gekochten Zutaten

Meine Laune bleibt trotzdem auf dem Tiefpunkt und ich schaue schon mal, wie lange ich nach Athen bräuchte. Es ist theoretisch nicht mehr so weit, aber zu weit für heute und den Großstadtverkehr packe ich heute definitiv nicht mehr. Ohne es zu merken, bin ich schon recht nah an den Meteora-Klöstern und sehe auf Google Maps einen Aussichtspunkt, der gute Bewertungen genießt. Da fahre ich doch mal hin. Mit spontanen Erkundungsfahrten habe ich es trotz meiner „Go-Anywhere-GS“ bis jetzt ja auch nicht so…

Der Aussichtspunkt (und der Weg dorthin) ist ganz nett

Ich biege kurz vor Kalambaka über eine Brücke, die über ein völlig ausgestrocknetes Flussbett führt. Dann ist der Aussichtspunkt sogar ausgeschildert, über etwas Schotter erreiche ich schnell den kleinen Hügel, der fast dazu einlädt, hier wild zu campen. Die Aussicht auf die Sandsteinfelsen ist nett, aber so richtig viel sieht man aus dieser Entfernung auch nicht.

Zurück nach Kalambaka – ähnlich glattgebügelt hatte ich mir den Weg von Theth nach Shkodra vorgestellt

Ich fahre zurück nach Kalambaka um mich im Supermarkt mit Vorräten einzudecken, denn in Karditsa gibt es abermals einen im Reiseführer (und bei Google) empfohlenen Campingplatz. Auf dem kleinen Parkplatz des Supermarkts braut sich dann alles zusammen. Schlechte Laune, die andauernde Hitze, vermutlich eine leichte Dehydrierung, die Kilometer, das jeden Tag woanders gewesen zu sein. Ich schwitze wie ein Affe, komme mir nur noch dumm vor, ich habe keine Lust, keine Lust auf garnichts. Ich habe weder Lust auf einen Campingplatz, noch möchte ich nach Athen. Was ich mir zu essen kaufen soll? Keine Ahnung, auch das ist mir gerade völlig egal. All das verstärkt sich noch dadurch, dass mich mein Luxusproblem selber total ankotzt. Wie viele wollen sowas machen, haben aber nicht die Zeit oder das Geld dafür? Und ich sitze hier direkt unter den Klostern und jammere rum? Vor dem totalen Zusammenbruch rufe ich meine Frau an, die mir eine weitere Option aufzeigt: schönes Hotel suchen, auch wenn es etwas mehr kostet, und am Abend schön Essen gehen. Für mich in diesem Moment definitiv die beste, die einzige Lösung.

Die Meteora-Klöster sind in Rufweite. Und ich? Habe fast einen Nervenzusammenbruch

Mein Einkauf beschränkt sich daraufhin auf zwei Flaschen Wasser. Ein nettes Gasthaus ist schnell gefunden und gebucht, Restaurants gibt es in Karditsa in Hülle und Fülle. Ich checke schnell ein und bin einfach nur platt, der Kellner (das Restaurant gehört zum Gasthaus oder andersrum) gibt mir auf einer schön gestalteten Karte noch den Kurzüberblick über alle Klöster. Ich zwinge mich trotz meiner Ungeduld zuzuhören, außerdem stinke ich wie ein Iltis, aber auch das ist mir gerade wurscht. Er gibt mir dann sogar noch einen Zettel, auf dem alle Klöster aufgelistet sind, inklusive der zu bewältigenden Stufen. Für mich ist klar: Ich mache heute garnichts mehr und nehme mir lieber morgen die Zeit, ein oder zwei Klöster zu besuchen. Selbst wenn ich keine Lust haben sollte.

Dieser Überblick über die Klöster ist herrlich unmodern und das gefällt mir total

Nach einer Dusche und einem guten Abendessen sieht alles schon wieder etwas besser aus. Vielleicht sollte ich mein Reisekonzept (sofern man es so nennen will) einfach mal überarbeiten und mir mehr Zeit nehmen. Nicht jeden Tag woanders schlafen, mir mehr Zeit für die Dinge links und rechts nehmen. Eigentlich waren es nicht besonders viele Kilometer. Aber irgendwie schon. Und das holt einen eben irgendwann ein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s