Bohemian Schnappsidee – Tag 2

  • Abschnitt: NebřichSázava Strunkovice nad Blanicí
  • Zeit: 09:30 bis 18:00 Uhr
  • Tageskilometer: 255
  • Kilometer insgesamt: 585
Für eine vergrößerte Karte hier klicken. Daten von OpenStreetMap – Veröffentlicht unter ODbL, Screenshot und Routenoverlay erstellt mithilfe von kurviger.de

Ich bin froh, dass ich mich doch für den dickeren, vermeintlich viel zu warmen Schlafsack entschieden habe. Es ist frisch und ich krieche erst spät aus dem Zelt. Bis Sasau habe ich eine gute Stunde, egal welche Stufe ich dem Garmin-Adventurous-Routing vorgebe. Nach wenigen Minuten folge ich der Navi-Empfehlung gerne auf eine unbefestigte Straße, die wie eine Abkürzung querfeldein aussieht. Nach wenigen Metern sehe ich, wie zugewuchert der Weg ist. Hmm. Ich wage mich trotzdem ins hohe Gras – und lande wenige Sekunden später links neben der GS. Ups. In bester Tradition mache ich (nachdem ich den Killschalter betätigt habe) erstmal ein Foto, erst dann bekomme ich ein mulmiges Gefühl. Ich verstehe nicht wirklich, warum ich weggerutscht bin und wie die GS SO schräg landen konnte. Mit wenig Kraftaufwand kippe ich die GS auf Sturzbügel und Koffer und, mit nur etwas mehr Kraft, hebe ich sie wieder in die Senkrechte. Der Sturz war jedoch so glimpflich, wie er sich angefühlt hat, bis auf einen verdrehten Spiegel, Handschützer und paar Kratzern im Sturzbügel ist nichts passiert.

Maximale Schräglage erreicht

Wieder im Sattel überlege ich nochmal, ob ich weiterfahren soll, oder es als Warnung interpretieren soll. Die Fahrspuren sind zwar zugewuchert, aber sehen so harmlos aus wie es eben geht. Ich fahre – vorsichtig – weiter. Ein paar Meter später verengt sich der grüne Tunnel noch mehr und ich steige ab, um die Fahrspuren zu Fuß zu erkunden. Ich bin hin- und hergerissen, weiß nicht, ob ich dieses spontane Mini-Abenteuer gut finde, oder ob ich einfach nur leichtsinnig bin. Ich tuckere weiter durchs hohe Gras und bekomme langsam mehr Angst vor massenhaftem Zeckenbefall, als vor einem Umfaller in der (bzw. in die) Botanik.

Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Oder andersrum?

Nach gut 200 Metern ist das Drama vorbei und ich biege auf eine staubige Lehmpiste ab, die mich schnell wieder auf das Asphaltband bringt. Ein paar Kurven später halte ich nochmal an, um die Unterseite zu inspizieren. Aber die teuer bezahlte Schutzausstattung hat ihren Job getan, nirgendwo tröpfelt Öl, alle Steckverbindungen sehen aus wie sie sollen, nichts ist verzogen oder sonst wie verbogen. Mit reinem Gewissen fahre ich weiter Richtung Sázava und entdecke links ein großes, dunkelrot strahlendes Feld. Auf der anderen Straßenseite wieder ein gelb-grünes Meer mit roten und blauen Farbtupfern.

Lädt fast zum Baden ein

Da ich noch kein wirkliches Fahrfoto gemacht habe, drehe ich um, parke die GS kurz im Straßengraben und baue mein Stativ auf. Vergleichsweise viel Verkehr macht es nicht einfach, ich fahre ein paar mal hin und her und bin wie immer nicht hundertprozentig zufrieden, aber will auch keine weitere Zeit verplempern. Fahrfotos auf Solo-Touren bleiben eben die schwierigste Disziplin.

Die Landschaft ist lieblich, aber letztlich ohne richtige Highlights – im Hintergrund liegt Benešov

Für diesen Vormittag habe ich schon reichlich erlebt, denke ich mir zumindest, als ich Sasau erreiche. Einen wirklichen Wow-Effekt erwarte ich nicht – schließlich habe ich die Gegend schon lange vor der Reise auf Google Street View und Google Maps erkundet. Trotzdem freue ich mich. Das erste, was ich in Sasau entdecke, ist eine Kirche, die (in leicht abgewandelter Form) schon im Spiel zu besichtigen ist. Kurze Zeit später halte ich an einer Ampel, wo ich im Dunst zweiter Jawas auf Grün warte. Zumindest gibt mir das Zeit, mich etwas umzusehen und zu orientieren.

Die tschechische Jawa-Szene wirkt sehr lebendig, allein am Samstag sehe ich noch viele mehr

Dann sehe ich das Kloster, das nach wie vor über den Stadtteil am anderen Ufer thront. Ich fahre stilecht über eine Holzbrücke. Ist zwar nur eine Behelfsbrücke, die eigentliche Betonbrücke wird gerade erneuert bzw. neu gebaut, aber mir gefällt’s. Auf der Suche nach einem Parkplatz fahre ich am Kloster vorbei und bin aufeinmal wieder auf der Landstraße. Na gut, dann mache ich erst meine Runde und schaue später ins Innere.

Na ja …*

Ich meine Serpentinen wiederzuerkennen, die es schon im Spiel gab, merke dann aber, dass ich woanders hinfahre, als ich dachte. Ich drehe also im nächsten Dorf um, folge den Linien auf dem Navi zurück zur Hauptstraße Richtung Talmberk. Der Weg wird irgendwann zum Forstweg, was mich aber freut und den (minimalen) Zeitreiseeffekt verstärkt. Bald bin ich auf dem Weg, der sich parallel zu einem Bach durch ein kleines Tal schlängelt und nach Talmberk führt.

Auf dem Holzweg – ich nehme eine Abkürzung um zur Straße nach Talmberk zu kommen

Wie ich schon aus meinen Vorabrecherchen weiß, gibt es in Talmberk (bzw. Talmberg) nicht mehr viel zu sehen – nur die Überreste eines Burgturms, die zudem in einem Wohngebiet stehen, also nicht wirklich zugänglich sind. Ich mache ein Foto und fahre weiter nach Úžice.

Mhm*

Es ist schon komisch, all diese irgendwie bekannten Namen auf Schildern lesen zu können – und gleichzeitig viele Städte, wo es viel mehr zu sehen gibt, links liegen zu lassen (z. B. Kutna Hora bzw. Kuttenberg). In Úžice, das ich schneller erreiche, als ich erwartet habe (ok, im Spiel ist man eben mit einem Pferd unterwegs), gibt es abgesehen von der Kirche kaum etwas, das ich wiedererkenne. Aber auch das war mir vorher klar. Trotzdem: Als ich weiter Richtung Rattay (bzw. Rataje) fahre, und das Dorf in einem Kilometer Entfernung so idyllisch in der Landschaft eingebettet liegt, passt das Bild irgendwie doch halbwegs.

So so*

In Rattay tanke ich auf und habe wieder die ungefähre Entsprechung der digitalen Spielwelt vor Augen. Aber das obere Schloss wurde im Laufe der Geschichte umgebaut, genauso wie der Marktplatz. Immerhin sorgen hier Kirche, die Anordnung der Gebäude und die ansteigende Straße für einen Wiedererkennungseffekt. Auch das Rathaus ist immerhin an der selben Stelle.

Mit etwas Fantasie…*

Die untere Burg Pirkstein ist besser erhalten, der Turm ist nach wie vor eine markante Erscheinung, besonders aus dem Tal unterhalb des Dorfs. Sonst finde ich bei meinem kurzen Abstecher hinter die (nicht mehr existenten) Stadtmauern nichts, was mich einlädt. Den dringend fälligen Kaffee verschiebe ich auf Sasau.

Aha, die Verkehrsführung wurde zwischenzeitlich geändert *

Auf dem Rückweg fahre ich durch das kleine Ledečko, auch hier markiert der Fluss und die umgebende Landschaft das einzige, was ich wieder erkenne. Statt einem Bogenschießwettbewerb wird das Gewässer heute für Kanutouren genutzt. Insgesamt setzt bereits jetzt eine gewisse Ernüchterung ein – aber was habe ich auch erwartet. Nach 600 Jahren und einem Spiel, das letztlich auch nur auf Aufzeichnungen basieren dürfte. In diesem Moment sehe ich eine Ölwarnung im Display, sicher nur, weil ich die ganze Zeit auf und ab fahre. Das hatte ich zumindest mal im Schwarzwald und schließlich habe ich gestern noch etwas Öl eingefüllt. Trotzdem halte ich lieber an und stelle die GS auf einem Feldweg auf den Hauptständer. Als ich merke, dass sie in beiden Achsen nicht wirklich gerade steht, will ich sie nochmal umparken, dabei sinkt der Hauptständer so tief ein, dass mir die GS fast nach rechts umkippt. Mannohmann. Ich klappe den Seitenständer aus und brauche viel Kraft, um das Motorrad nach vorne herunter vom Hauptständer zu heben. Nach ein paar Minuten auf dem Seitenständer und ein paar Schlückchen Wasser hebe ich die GS in die Senkrechte. Das Ölschauglas gibt Entwarnung. Nach ein paar weiteren Minuten sehe ich, dass der Ölstand gut im Soll liegt. Es sind die Kleinigkeiten, die mich auf solchen Reisen schnell aus der Bahn werfen. Aber auch Kleinigkeiten, die viel intensivere Freude verbreiten, als sie es im Alltag würden. Mit positiver Stimmung fahre ich die letzten Kilometer nach Sasau zurück und fahre wieder über die klappernden Bohlen der Holzbrücke. Wieder suche ich den Parkplatz und stelle das Motorrad schließlich ein paar Hundert Meter weiter an der Hauptstraße ab. Der kurze Fußmarsch gibt mir wenigstens Zeit, ein Café zu entdecken, in dem ich mir nachher etwas holen werde. Im Kloster sind schon einige Leute unterwegs, ich erfahre, dass lediglich geführte Touren etwas kosten, der Eintritt ist frei. Auch hier gibt es vergleichsweise wenig zu sehen, Hauptattraktion ist der große Turm der unvollendeten Kirche. Immerhin ohne Baugerüst – es wurde in den letzten Jahren wohl lange renoviert, was unter Fans des Spiels zum Running Gag wurde (denn schon im Spiel, das 1403 spielt, umgibt ein Holzgerüst samt Kränen das Bauwerk). Gästebuch und ein Poster mit den Schauplätzenbeweisen, dass sich auch schon andere auf so eine Mission begeben haben.

Sonst gibt es nicht viel zu sehen, die Gänge sind nur ein Teil zugänglich, immerhin gibt es einen Blick in den Innenhof. Trotzdem ist das Kloster das erwartete Highlight der Reise, denn hier ist noch am meisten erhalten und ersichtlich, was auf den Bildern hoffentlich gut rüberkommt.

Geht doch I*
Geht doch II (* = wie alle Screenshots mit freundlicher Genehmigung der Warhorse Studios)

Im Café um die Ecke hole ich mir einen Cappuccino und Gebäck, beides bezahle ich aus meiner schwarzen Kasse. Ich überlege wieder, wie weit ich noch fahren will, schließlich ist morgen auch schon wieder Sonntag. Ich breche wieder Richtung Südosten auf, fahre nochmal durch Benešov und durch unzählige Dörfer, was dank des Garmins und seiner Interpretation von abbiegenden Vorfahrtsstraßen eine permanente Herausforderung bleibt. Irgendwann bin ich genervt und gelangweilt vom Mittelmaß der Straßen und freue mich über jede Kurve. Aber auch dass mich das Garmin ständig auf buckelige Nebenstraßen lotst, nervt mich irgendwann. Die Routine wird von meiner Supermarkt-Suche unterbrochen, die ich in Písek starte. Ich versuche es per Orientierungssinn, scheitere aber im Dickicht der langen, von schönen Altbau-Wohnhäusern gesäumten Straßen und im Kopfsteinpflaster der Altstadt. Das Garmin hilft weiter und führt mich zu einem Lidl, der sogar Motorradparkplätze hat. Einen Einkauf und ein paar Minuten später rolle ich schon auf den Campingplatz, auf dem ich wohl heute der einzige Gast bin. Nach kurzem Kalkulieren im Kopf möchte der Betreiber nur einen Zehner (Euro), checkt die Warmwassertemperatur (35 Grad) und sagt mir, dass ich zelten kann, wo ich möchte. Ich beschließe gleich zu duschen und den Zecken-Check zu machen, finde aber keine einzige. Unter den Bäumen und unter dem Gesang vieler verschiedener Vogelarten (neben den üblichen Verdächtigen entdecke ich immerhin Bachstelzen und Hausrotschwänze) brutzel ich Brokkoli, Tortellini und Tomatensauce und brüte darüber, ob sich der ganze Aufriss gelohnt hat.

Home Sweet Home

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