Ein Plädoyer fürs Selber-Machen

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Ich gebe es gleich zu Beginn zu: Viele vermeintlich entspannende Abende in der Werkstatt enden in Frust. Es fängt oft schon an, da ist das Teil, an das ich eigentlich will, noch garnicht zu sehen. Aber Verkleidung, Schrauben und Muttern nerven genau mit dem, was eigentlich ihr Zweck ist. Gesellen sich dann noch Zeitdruck, Schweiß, wenig Platz, Kälte und wenig rückenschonende Haltung dazu, ist das Ergebnis abzusehen. “Ich schraub nix mehr, egal wie viel’s beim Händler kostet.” Bis ich wieder denke, beim nächsten Mal wirds anders. Und tatsächlich, die Montage der Heizgriffe hat Entspannung und Spaß gebracht. Weil ich ein paar Tage zuvor (es war bereits gegen 9) die Zeichen der Zeit erkannte.

Aus Fehlern lernen

Das Vorhaben war überschaubar. Batterie wechseln und, bei genügend Zeit, Heizgriffe montieren. Da meine G 650 GS eine leichte Lithium-Batterie spenidert bekam, schien es eine gute Idee, diese in die G 650 X zu verpflanzen und damit nochmal runde 2 Kilo einzusparen. Leider hatte ich vollkommen übersehen dass die originale X-Batterie wesentlich flacher baut. Und das gerade ausgebaute Leichtgewicht nicht in die X zu bekommen ist. Als beide Motorräder so halb offen da standen musste ich einfach lachen. Denn beide punkten nicht gerade mit schneller Zugänglichkeit des Batteriefachs. Die Idee, die Heizgriffe auch nur aus der Packung zu nehmen, verwarf ich schnell. Ich wusste, wie es enden würde. Alles umsonst also? Nein. Statt mich zu ärgern, sah ich es also positiv und freute mich über die gewonnene Schrauberfahrung. Die Heizgriffe mussten dann halt noch etwas warten.

Ganz oder garnicht

Vor kurzem starb der Autor Robert M. Pirsig, was verschiedene Motorradzeitschriften mit einem Nachruf würdigten. Sein relativ bekanntes Buch “Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten” wurde darin auch zitiert. Und spätestens hier fühlte ich mich ertappt. “Zwischen seinen Bewegungen und der Maschine waltet eine Art Harmonie… Das Motorrad, an dem man eigentlich arbeitet, ist man selbst.” Ich beschloss von nun an, alles am Motorrad mit Liebe und Sorgfalt zu machen. Oder es sein zu lassen. Warum ich es nicht sein lasse? Weil ich mich damit nicht zufrieden gebe und denke, dass ein Motorrad mehr als ein Gefüge aus verschiedenen Werkstoffen ist. Und daher auch mehr Pflege und Hingabe erfordert, als andere Nutzgegenstände.

Mensch und Maschine

In meiner Ausbildung zum IT-Feldwebel wollte ich auch immer verstehen, was in diesem Kasten vor sich geht. Wie Kondensatoren, Halbleiter und Elektronen zusammen das tun, was ich viele OSI-Schichten darüber eingebe. Doch vorstellen konnte ich es mir nie. Die fortschreitende Digitalisierung macht es einem dabei nicht leichter. Und je spezialisierter die Berufe werden, desto weniger Leute verstehen etwas, das über ihren Fachbereich hinausgeht. Motorräder sind hier anders. Zumindest wenn man sich damit beschäftigt. Weil ich meine Heizgriffe verlegte, weiß ich zumindest, wie die Kabel verlaufen. Als ich die Bremsflüssigkeit an der GS wechselte, bekam ich ein Gefühl für das Wirrwarr der Bremsleitugen, das man sonst nicht zu Gesicht bekommt. Und wenn ich das Öl wechsle, bekommen die 2,3 Liter im Datenblatt ein zähflüssiges, braun-schwarzes Gesicht. Stück für Stück werden die einzelnen Funktionen nachvollziehbar. Eine elementare Faszination für Technik entsteht, wie ich sie vorher noch nicht empfinden konnte. Auch im amerikanischen ADV-Rider las ich mal davon, dass “Meiner Meinung nach das Schrauben am Motorrad mit dazu gehört, mit zur Erfahrung gehört, ein Motorrad zu besitzen.”

Eine Tugend, die sich zu pflegen lohnt

Auch wenn ich noch weit davon entfernt bin, alles am Motorrad gemacht zu haben, freue ich mich über die nächste Gelegenheit. Um es mal gemacht zu haben. Um es mal in der Hand gehabt zu haben. Um es im Notfall auch am Straßenrand machen zu können. Auch wenn es manchmal hart ist. Und Geduld fordert. Aber unheimlich belohnt, wenn alles ineinander greift und ich mich darauf verlassen kann, dass mich die Maschine unter mir überall hinbringt, wo ich will.

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Ein Gedanke zu “Ein Plädoyer fürs Selber-Machen

  1. Jep, you got it man….nicht mehr ist da, das es zu erreichen gilt. Hoher Anspruch und darauf folgende Zufriedenheit. Gruss W. 😊

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