Retter in Rot

Gestrandet im BMW-Glaspalast Leinfelden-Echterdingen. Mit meinem abgestellten Wochenendgepäck wirke ich bestimmt etwas deplatziert, zwischen Neuwagen, der Servicetheke und der loungeartigen Café-Ecke. Wo sonst Anzugträger ihre Unterschrift unter Leasing- und Finanzierungsverträge setzen, brüte ich über rund 1800 Euro. Und wie ich heute noch nach Hause komme.

15:30. Etwa zwei Stunden vorher, über den Reihensechser meines 3er Kombi gebeugt. Ölstand passt. Mit einem satten Rumms schließe ich die Motorhaube und fahre los. Ich kämpfe mich von Ampel zu Ampel, vorbei an der Motorpresse und durch den Tunnel auf die B27. Die Straße schlängelt sich am Hang entlang und spült genauso viele Autos aus Stuttgart, wie sie bergab hineinführt.

15:50. Während ich noch in der Playlist hin- und herdrücke, rolle ich die letzten Meter auf der Bundesstraße. 60 aufgehoben, 80 erlaubt. Na dann. Bis mir mit einem ekelhaften „Bonk“ ein großer, silberner Gegenstand die Sicht raubt. Es stellt sich als meine Motorhaube heraus. Nochmal Ölkontrolle gefällig? Nein Danke! Innerhalb von 0,2 Sekunden setze ich Blinker und Fernlicht, schaue in den Rückspiegel und bremse schnell aber nicht panisch herunter. Ich blinzel noch durch den Spalt zwischen Scheibenwischer und Motorhaube und schaffe es auf den Grünstreifen anzuhalten. !$%&! Ich bin noch heile und hinter mir hat auch nichts geknallt. Ab jetzt funktioniere ich wie im Lehrplan sämtlicher Fahrschulen. Warnblinker an, Warnweste um, Warndreieck raus. Ausstieg über die Beifahrertür.

15:53. Beim Pannendienst anrufen und sagen, dass man eine Panne hat, ist ungefähr so blöd wie beim Pizzaservice anzukündigen, dass man Pizza bestellen möchte. Aber egal. Nachdem ich angerufen habe, räume ich schonmal mein Auto aus. Die Motorhaube ist verbeult, lässt sich aber mit Gewalt schließen. Immerhin wieder freie Sicht nach vorn! In ein, zwei Anrufen kläre ich ab, dass ich morgen vermutlich nicht zur Hochzeit von Freunden fahren kann sondern irgendwo mitfahren muss. Mein Gespräch wird von Blaulicht im Rückspiegel unterbrochen. Die schwäbische Gendarmerie eskortiert mich die nächste Ausfahrt herunter und sorgt dafür, dass ich nicht auch noch zur Verkehrsmeldung im Radio werde.

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Heiligs Blechle!

16:30. Ich nehme Platz im Pannen-Iveco und werde zur nächsten BMW-Werkstatt chauffiert. Meine vorsichtige Anfrage an den Pannenlasterfahrer, wie teuer so etwas ungefähr wäre, kann der nette Herr nur unbefriedigend mit ungefähr 7, 800 Euro beantworten. Ich könnte mir ja eine gebrauchte besorgen. Soweit bin ich noch garnicht. Ich überlege, wie ich es heute noch nach Freising schaffe. Auto vom Bruder leihen? Motorrad vom Bruder leihen? Mit dem Zug?

17:00. Im Autohaus Briem herrscht spürbare Feierabendatmosphäre. Dennoch unterstützt mich der Werkstattmeister, dengelt die Motorhaube mit BMW Spezialwerkzeug (Hammer) notdürftig aus und stellt fest, dass sie offenbar (durch Rost und Schmutz) nicht richtig geschlossen hatte. Die zweite Sicherung hätte sich dann auch gelöst und die Physik hatte dann für den Rest gesorgt. Da das Kalkulationsprogramm nicht mitspielt, bleibt es bei einem groben Richtungsschuss von 1800 Euro. Dafür dürfte ich mir allerdings, ohne Aufpreis, sogar die Farbe aussuchen. Doch Montag könne er mir einen konkreteren Kostenvoranschlag geben.

18:10. Kurz nach sechs werde ich höflich aus dem nun geschlossenen Autohaus begleitet, aber mein Bruder ist eh schon auf dem Weg. Plan A: Warm anziehen und mit der alten Dominator heimfahren. Plan B: Zug.

19:00. Nach Einbau der Batterie und Aufpumpen der Reifen erwacht die alte Honda nach kurzen Ächzen des Anlassers aus ihrem Winterschlaf. Für eine Standzeit von September bis Mitte April nicht schlecht. Ich packe meine Sachen um und versuche mich trotzdem zu beeilen, um noch so viele Kilometer wie möglich bei Tageslicht zu machen. Ein paar Meter reichen mir, um mich an Ergonomie und Choke zu gewöhnen. Die moderne blaue BMW-Enduro-Kombi, die ich mir ebenfalls von meinem Bruder leihen musste, kommt auf der roten Dominator noch mehr zur Geltung.

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Strahlt fast noch wie 1988.

19:30. In der roten Abendsonne rolle ich zum zweiten Mal aus Stuttgart, passiere die nun geräumte Unfallstelle und hoffe, dass mich der Einzylinder, der älter als ich ist, nicht im Stich lässt. 120 Kilomter pro Stunde und 5000 Umdrehungen verwischen den Blick in die Rückspiegel zu einem diffusen Bild aus tiefstehender Abendsonne und den hellen LED-Strahlern der vorbeiziehenden Autos.

21:00. Trotz der vielen Schichten und den dicken Handschuhen friere ich langsam ordentlich. Immerhin habe ich schon mehr als die Hälfte der Strecke geschafft. Mal wieder wird mir die Entscheidung zur Pause abgenommen, denn das Motorrad verschluckt sich etwas und kündigt das Ende des Spritvorrats an. Zum Glück finde ich den Benzinhahn mit wenigen Handgriffen, ich hatte aber vergessen wo genau die Reserve ist. Das Drehen in die Horizontale beantwortet der Motor mit noch mehr Husten. Ich stelle ihn schnell genug wieder in die senkrechte Ausgangsstellung, als die nächste Tankstelle in vier Kilometern ausgeschildert ist. Ich drehe den Schalter um 180° und bleibe vorsichtshalber hinter einem Laster. Alles läuft rund und ich schaffe es ohne Probleme bis an Zapfsäule 4 der angepriesenen weiß-blauen Premium-Tankstelle. Erst beim Absteigen und Auftanken merke ich, wie sehr ich eigentlich zittere. Kaffee? Gute Idee vom Kassierer. Ich ziehe mir noch eine Jacke drunter und denke daran, dass es noch schlimmer sein könnte. Denn immerhin regnet es nicht.

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Luftgekühlter Einzylinder, Benzinhahn oben rechts

ca. 22:00 Mit bollerndem Doppelauspuff rolle ich durch Freising. Obwohl es ein kalter und langweiliger Gewaltmarsch war, ist es ein schöner Gedanke dass mich die alte Dominator heimgebracht hat. Wir haben sie seit 1988. Meine ersten richtigen Motorraderfahrungen mit 12 oder 13 habe ich ebenfalls der Honda zu verdanken, als Sozius in Südtirol. Sie stand schon oft auf der Kippe zum Verkauf, aber wirklich gelohnt hätte sich das nicht. Heute ist die Maschine vermutlich so weit gefahren, wie in den letzten zwei Jahren zusammen. Das könnte sich jetzt aber wieder ändern. Zur Belohnung bekommt sie bald frisches Öl, eine Durchsicht und, vermutlich problemlos, neuen TÜV. Ich bekomme noch ein warmes Abendessen und die heiße Dusche, an die ich seit zwei Stunden denke.

Glück im Unglück. Es war übrigens Freitag der 13.

Nachtrag:

Es war dann sogar noch etwas teurer, denn in Autohaus-Sprache bedeutet „alles dabei“ offenbar grundsätzlich „zuzüglich Arbeitszeit und Steuern“. Wieder was gelernt. Aber das Auto rollt wieder beulenfrei, die Dominator hat wieder TÜV bekommen. Ende gut, alles gut.

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2 Gedanken zu “Retter in Rot

    • Stimmt, eine wirklich gut nachspürbare Geschichte, die eindm ein gelegentliches Grinsen ins Gesicht bringt… 😉

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