„MOTORRAD“ im Spiegel des 20. Jahrhunderts (Teil I)

Nach durchaus positivem Feedback gibt es jetzt hier die vollen 130 000+ Zeichen meiner Bachelorarbeit. Dabei habe ich zum einen die Motorradgeschichte in Deutschland nachgezeichnet und zum anderen versucht, die Historie der Zeitschrift „MOTORRAD“ im zeitgenössischen Kontext darzustellen. Zunächst wollte ich eine reduzierte, zusammengefasste Version erarbeiten, dabei wurde aber schnell klar, dass ich damit den roten Faden zerrupfe. Wer Fehler findet, darf sie bitte behalten – das Bachelorzeugnis sollte in den nächsten Tagen druckreif sein…

BA

„MOTORRAD“ im Spiegel des 20. Jahrhunderts

1 Einleitung

1.1 Erste Fachmagazine und Überblick zur Heftgeschichte

Mit der Industrialisierung entstanden im Europa des 19. Jahrhunderts auch erste Fachzeitschriften, die sich mit Technik und neu aufkommenden Maschinen beschäftigten. Auch größere Tageszeitungen berichteten um 1870 erstmals über Technik für technisch interessierte Leser (Weise, 2008, S. 61). Die Fortschritte in der Wissenschaft nahmen ein beeindruckendes Tempo auf und ermöglichten eine zuvor nicht vorstellbare Vernetzung der Welt. Dazu trug neben der Entdeckung der Elektrizität und ihrer Nutzung in der Telegrafie auch die erweiterte Mobilität durch die Eisenbahn bei. Für Fuhrwerke auf der Straße oder gar individuelle Fahrzeuge waren die dort genutzten, weiterentwickelten Dampfmaschinen jedoch zu schwer und unhandlich. Erst die Entwicklung des Verbrennungsmotors versprach eine praktikable Lösung (Hoffmann, 2012, S. 14). Um die Jahrhundertwende erreichten die ersten motorisierten Fahrzeuge eine gewisse Marktreife und ermöglichten einen motorisierten Individualverkehr. Nahezu zeitgleich entstanden verschiedenste Motorkutschen, Dreiräder oder Motorfahrräder, angetrieben vom wenige Jahre zuvor entwickelten Ottomotor.

Die ersten kraftfahrzeugtechnische Zeitschriften waren nach Autor Paul Simsa (1987, S. 16) die 1894 in Paris gegründete „La Locomotion Automobile“ und 1895 die britische „The Autocar“, 1898 folgte die Berliner Zeitschrift „Der Motorwagen“. 1903 erschien mit „Das Motorrad“ in Breslau eine dedizierte Zeitschrift für motorisierte Zweiräder. Diese waren zwar durchaus in den Journalen dieser Zeit vertreten, doch nach Ansicht der Gründer (Förster, Koehlich, 1903, S. 1) habe „der Motorradler aber seine eigenen Bedürfnisse, die nur ein eigenes Blatt“ verstehen und fördern könne.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg sank die Anzahl der verkauften Motorräder aufgrund der günstiger werdenden Automobile, wenngleich motorisierte Fahrzeuge aller Art im Deutschen Reich eher der Mittel- und Oberschicht vorbehalten waren. Aus „Das Motorrad“ wurde zunächst „Das Automobil“, kurz darauf „Der Motor“. Auch die breitere thematische Aufstellung verhalf dem Magazin zu keinem Erfolg, 1907 wurde es wieder eingestellt (Horenburg, Schneider, 2014, S. 162).

1920 legte der Berliner Motorverlag das Magazin unter seinem ursprünglichen Titel wieder auf. Nachdem die politisch und wirtschaftlich turbulenten Nachkriegsjahre überstanden waren, wurden auch Motorräder wieder beliebter. Schon 1925 wuchs der Bestand um 75 Prozent auf 216 829 Stück (Horenburg, Schneider, 2014, S. 162). Erst mit Fortschreiten des Zweiten Weltkriegs wurde das Magazin 1943 abermals eingestellt.

1949 erwarb die in Freiburg neu gegründete Motor Presse Verlag GmbH die Namensrechte und veröffentlichte mit „Das Motorrad“ seinen zweiten Titel neben dem bereits 1947 gestarteten Titel „DAS AUTO“, Vorläufer der heutigen Zeitschrift „auto, motor und sport“ (MPS, 2018). Abgesehen von einer Namensänderung (aus „Das Motorrad“ wurde „MOTORRAD“) erscheint das Magazin durchgängig bis heute und steht in der Tradition der Erstausgabe von 1903 (Horenburg, Schneider, 2014, S. 162).

Mit ihrer vergleichsweise langen Historie ist das Magazin auch ein Spiegel der allgemeinen Zeitgeschichte und insbesondere der Zweiradgeschichte in Deutschland, dessen wechselhafte Entwicklung das Magazin bis auf wenige Unterbrechungen unmittelbar begleitet hat. In dieser Arbeit soll deshalb einerseits untersucht werden, wie sich Zeitgeschichte allgemein in den korrespondierenden Ausgaben der Vorläuferausgaben der Zeitschrift „MOTORRAD“ wiederfindet. Andererseits soll auch untersucht werden, ob und wie sich die wechselnde Bedeutung des Kraftrads für die Gesellschaft in Inhalt und Berichterstattung widerspiegelt.

1.2 „MOTORRAD“ heute

Die heutigen Ausgaben von „MOTORRAD“ erscheinen vierzehntägig beim Verlag Motor Presse Stuttgart. Sie umfassen zwischen 132 und 164 Seiten und kosten pro Ausgabe 4,20 Euro. Die Ausgaben sind auch als E-Paper verfügbar. Zuletzt wurde das Magazin mit der Ausgabe 21/2018 vom 28. September 2018 optisch und inhaltlich überarbeitet.

Die Kernrubriken des Magazins sind:

  • Intro und News (Nachrichten)
  • Test + Technik (Einzel-, Vergleichs- oder Dauertests)
  • Ratgeber (Zubehör und Bekleidung, Werkstatttipps)
  • Magazin + Reise (Reiseberichte, Portraits und Firmenbesuche)
  • Sport

Dazwischen finden sich Editorial, Kolumnen, Kleinanzeigen, Leserbriefe, Rück- und Vorschau sowie ein Comic auf der letzten Seite.

Neben der Printausgabe betreibt eine dreiköpfige Online-Redaktion den Webauftritt des Magazins unter http://www.motorradonline.de, der seit 1997 existiert. Darüber hinaus ist das Magazin in den sozialen Netzwerken Facebook, Twitter und Instagram vertreten. Des Weiteren betreibt das Magazin einen eigenen Kanal auf der Videoplattform Youtube.

Mit einer durchschnittlichen Druckauflage von 141 239 Exemplaren je Ausgabe ist die Zeitschrift im dritten Quartal 2018 trotz gesunkener Auflage zu den Vorjahren (Quartal 3/2017: 152 070, Quartal 3/2016: 162 020) die auflagenstärkste deutschsprachige Motorradzeitschrift (IVW, 2018). Die Redaktion besteht aus rund 20 Redakteuren, sowie einigen freien Autoren. Chefredakteur ist seit 1999 Michael Pfeiffer. Neben „MOTORRAD“ veröffentlicht der Verlag im Motorradsegment noch die Magazine „MOTORRAD Classic“, „PS“ und „FUEL“. Zusätzlich produziert die Redaktion Sonderhefte, etwa den „MOTORRAD Katalog 2018“ oder das „MOTORRAD Gebrauchtkauf Spezial 2018“ (Shop MPS, 2019).

1.3 Methodik

Die grundsätzliche Vorgehensweise basiert auf einer vorhergehenden Einteilung in Epochen. Diese orientieren sich im Wesentlichen an der üblichen Einteilung Deutscher Geschichte. Darauf folgen die Beschreibung der Zweiradgeschichte sowie die Analyse ausgewählter Ausgaben.

1.3.1 Historischer Kontext

In diesem Teil sollen prägende gesellschaftliche, politische und alltagsgeschichtliche Entwicklungen dargestellt werden. Diese bilden einen groben Rahmen für die weitere Untersuchung. Aufgrund der großen gewählten Zeitspanne können die Ereignisse jedoch nur äußerst verkürzt und auszugsweise wiedergegeben werden. Darüber hinaus beschränkt sich die Darstellung von 1949 bis 1990 auf die westdeutsche Perspektive.

1.3.2 Technischer Kontext und gesellschaftliche Bedeutung

In diesem Teil wird die Entwicklung der Motorradtechnik in der jeweiligen Epoche aufgegriffen. Darüber hinaus wird die gesellschaftliche Bedeutung motorisierter Zweiräder beschrieben und, soweit möglich, mit den Zahlen zugelassener Fahrzeuge verglichen.

1.3.3 Analyse ausgewählter Ausgaben

Die inhaltliche Analyse der Zeitschrift steht im Mittelpunkt dieser Arbeit. Aufgrund der hohen Zahl erschienener Ausgaben können nur vereinzelte Ausgaben untersucht werden. Durch die Zielsetzung, gesellschaftliche Entwicklungen und Zäsuren in den Heften wiederzuerkennen, beschränkt sich die vollständige Analyse auf drei Ausgaben pro Epoche. Um jedoch längere Entwicklungen verfolgen zu können, werden vereinzelt auch weitere Ausgaben hinzugezogen, jedoch nicht in vergleichbarer Tiefe. Jahrgänge, die gesellschaftliche Zäsuren oder besondere Ereignisse der deutschen Geschichte beinhalten, werden dabei bevorzugt betrachtet. Beispiele dafür sind die Weltwirtschaftskrise 1929, die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933, der Kriegsbeginn 1939, die Studentenproteste 1968 oder der Mauerfall 1989. Darüber hinaus werden Hefte beschrieben, die besonders hervorstechen, beispielsweise Erstausgaben, Neuauflagen oder inhaltlich besonders auffällige Ausgaben. Aufgrund der mangelnden Verfügbarkeit konnten Ausgaben aus 1920 (Neugründung) und 1923 (Hyperinflation) im Zeitfenster dieser Arbeit nicht beschafft werden.

Grundsätzlich erschien die Zeitschrift in folgenden Zeiträumen:

  • 1903 bis 1907 in Breslau, Verlag Paul Förster
  • 1920 bis 1943 in Berlin, Berliner Motor Verlag, Verlag Georg König
  • 1949 bis 1950 in Freiburg, Motor Presse Verlag
  • 1950 bis heute in Stuttgart, Motor Presse Stuttgart

Für die Untersuchung wurde hauptsächlich das Archiv des Verlags genutzt, dessen Bestand ab Jahrgang 1929 vollständig ist. Ältere Ausgaben sind in den Archiven des Deutschen Museums in München sowie im Archiv des ADAC in München vorhanden. Diese wurden zum Teil bereits von Redakteuren der Zeitschrift für Recherchezwecke digitalisiert. Jedoch sind diese Jahrgänge nur unvollständig erhalten. Suchanfragen in Bibliotheken ergaben ein ähnliches Ergebnis, dort sind Hefte meist ab den Dreißigerjahren vorhanden.

Um eine Vergleichbarkeit der Ausgaben zu ermöglichen, werden alle ausgewählten Hefte auf folgende Punkte hin überprüft, die in drei Blöcken zusammengefasst werden:

Grundsätzliches und Anzeigen

  • Titelgestaltung, Verlag, sonstige Besonderheiten
  • Erscheinungsweise, Preis und Umfang
  • Anzeigen (Menge und Art der Anzeigekunden)

Redaktion und Rubriken

  • Redaktion, Autoren
  • Inhaltsverzeichnis und feste Rubriken

Inhalt

  • Welche Themen stechen besonders hervor?
  • Welche politischen oder gesellschaftlichen Themen werden erwähnt?

Neben der Inhaltsanalyse werden außerdem Interviews mit Redakteuren der Zeitschrift geführt. Hier bieten sich insbesondere Chefredakteur Michael Pfeiffer sowie Ralf Schneider an, der als langjähriges Redaktionsmitglied bereits viele Artikel zur Geschichte der Zeitschrift verfasst hat.

1.4 Stand der Forschung

Die Entwicklung der Zeitschrift ist bereits mehrfach von der Redaktion selbst untersucht wurden. Rückblicke finden sich bereits in Heften der Anfangsjahre sowie der Zwanzigerjahre. Umfassender untersucht und mit Motorradgeschichte verknüpft wurde dies Ende 1969 in Ausgabe 22/1969. Weitere Anlässe waren beispielsweise das Jubiläum 2003, für das die Ausgabe 17/2003 sogar einen Nachdruck der Erstausgabe enthielt. Zuletzt war die Zeitschrift im Kontext der Geschichte Thema eines mehrseitigen Artikels in Ausgabe 17/2014.

1.5 Forschungsfrage und Hypothesen

Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Frage, wie sich Zeitgeschichte im Heft widerspiegelt. Die sich direkt anschließende Frage ist, wie sich die wechselhafte gesellschaftliche Rolle des Motorrads in der Zeitschrift niederschlägt. Aus diesen Fragen, der Vorabrecherche und der grundsätzlichen Rolle als Fachmagazin ergeben sich folgende Hypothesen:

1: Politik findet sich nur mit Bezug zum Motorrad im Heft wieder.

2: Aktuelles Zeitgeschehen ist nur vereinzelt und angedeutet erkennbar.

3: Gesellschaftliche Trends sind eher an Anzeigen als an den Artikeln erkennbar.

4: Die gesellschaftliche Bedeutung des Motorrads ist direkt erkennbar.

5: Die Ausgaben werden zunehmend weniger technisch-nüchtern, sondern eher   

     unterhaltsam und informativ gestaltet.

6: Die Auflagezahlen entsprechen dem Trend der Zulassungszahlen.

Anmerkung außerhalb der Bachelorarbeit:
Aus urheberrechtlichen Gründen verzichte ich auf später erwähnte Titelbilder der Zeitschriften. Die Arbeit enthält eigentlich sieben Titelbilder verschiedener Epochen. Dafür füge ich an geeigneten Stellen lizenzfreie Bilder ein, die lange Textabschnitte etwas auflockern oder das Geschriebene etwas illustrieren. Aus den selben Gründen muss ich allerdings auch auf Bilder zu entsprechenden zeitgenössischen Motorrädern verzichten.

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