Testride: Husqvarna 401 Svartpilen

Die Studie sorgte bereits 2014 auf der Mailänder Messe für Aufsehen. Ein echter Blickfang, der auch Nicht-Motorradfahrer anmacht. Mission erfüllt? Zumindest teilweise. Viele Passanten bleiben beim Anblick der Motorräder stehen, umrunden die klassisch und gleichzeitig sehr modern anmutenden Vehikel. Weiterentwickelte Retro-Optik. Ein Widerspruch in sich? Vielleicht. Während meines Praktikums von den fahrerischen Qualitäten der Svartpilen und ihrer Schwester Vitpilen überzeugen. Den kompletten Test könnt Ihr in der MOTORRAD 15/2018 lesen.

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Hält, was sie verspricht. Knackig-leichter Einzylinder

Das Selbstbewusstsein endet nicht bei der Optik, auch das Drehen des Zündschlüssels verkündet in Flüssigkristall-Lettern „Pioneering since 1903“. Na ja, zumindest technisch hat Husqvarna das Rad nicht neu erfunden. Denn die Basis der Schachbrett-401er ist orange und heißt KTM 390 Duke. Aber jenseits gleicher Schwingen und Rahmen hebt das raffinierte minimalistische Design die konzeptionelle Eigenständigkeit der 401er hervor. Form follows function? Diesen Grundsatz drehen die Moppeds stellenweise auch gerne mal auf den Kopf. Das knackig-kurze Heck sieht super aus, aber potenzielle Passagiere sitzen quasi auf dem Rücklicht. Der Gepäckträger auf dem Tank ist ebenfalls eine nette Idee. Er bietet aber kaum mehr Stauraum als konventionelle Tankrucksäcke. Aber die Wörter Motorrad und Vernunft gehen ja eh nicht immer zusammen.

Einzylinder-Euphorie

Grau ist alle Theorie, schwarz ist der Startknopf. Der Einzylinder bollert vom Start weg kernig. Besonders spaßig beim Runterschalten mit Zwischengas. Da brabbelt der Motor frech aus dem kleinen Endtopf, der folgerichtig schwarz glänzt. Auch beim Fahren erinnert der Single stark an das 390er-Aggregat der Konzernmutter KTM. Inklusive gelegentlichem Konstantfahrruckeln. Ab Drehzahl 7000 legt der Motor noch mal eine Schippe drauf, zeigt ungeahnte Drehfreude bis in den fünfstelligen Bereich. Nominell geringe 42 bzw. 44 PS schießen das Leichtgewicht locker aus jeder Kurve. Oder, um im von Husqvarna angedachten Habitat zu bleiben, von jeder Ampel-Pole-Position. Echtes Understatement: Der Motor streut sogar etwas nach oben.  Entspannt bummeln geht aber auch, der Eintopf hackt nur bei sehr niedrigen Drehzahlen auf der Kette.

Sparsame dreieinhalb Liter Benzin werden auf 100 Kilometern im 373 Kubikzentimeter fassenden Brennraum in Arbeit umgesetzt. Bei gemütlicher Fahrweise sogar noch weniger. Aber auf die angezeigte Restreichweite ist wenig Verlass. Sie schwankt gerne mal zwischen 120 und 400 Kilometern. Bei identischem Füllstand. Etwas wechselhafte Performance zeigen auch die Bremsen. Die Bybre-Stopper (By Brembo) lassen sich sehr gut dosieren, leisten trotz Einscheibenbremse viel Verzögerungsarbeit. Bei starker Beanspruchung verschiebt sich der Druckpunkt aber zunehmend Richtung Lenker. Das ABS arbeitet hingegen unauffällig und lässt sich über eine Tastenkombination deaktivieren. Ebenfalls anpassbar: Brems- und Kupplungshebel. So weit, so ähnlich. Der größte Unterschied zur Vitpilen liegt im Lenker und der daraus folgenden Ergonomie. Auf der weißen 401 hängst du dank des tiefen Stummellenkers mit dem Kopf fast auf Höhe des Scheinwerfers, eine neue Definition von vorderradorientierter Sitzposition. Sie kuriert binnen Minuten vermutlich jede smartphone-induzierte Fehlhaltung.

Die Svartpilen ist mit ihrer Enduro-ähnlichen Ergonomie deutlich bequemer. Die Sitzhöhe bleibt aber mit 850 Millimetern relativ hoch. Eher optisches Beiwerk sind die moderaten Pirelli-Stollen vom Typ Rally STR, die sich bei sportlicher Fahrweise konzeptbedingt schneller an ihre Haftgrenzen rubbeln als die Reifen der Vitpilen. Im gemütlichen Tourenmodus gibt es aber nichts zu meckern. Echte Offroad- Ambitionen maßt sich die Svartpilen nicht an. Das können andere Husqvarna-Modelle viel besser. Aber die Straße ist das Revier der 401. Dafür vertrauen beide Motorräder auf das gleiche Fahrwerk und identische Raddimensionen. Das Fahrwerk ist sportlich-komfortabel abgestimmt und überzeugt mit einem guten Grund-Setup im Alltag. Und sollte sich doch jemand auf den Notsitz verirrt haben, bietet das Fahrwerk genügend Reserven.

Spektralanalyse

Abgesehen von Farbe, Lenker und dem damit verbundenen Handling sind es viele hübsche Details, die Weiß und Schwarz voneinander trennen. Kunststoff-Motorschutz und Gepäckträger hier, freie Sicht auf den toll geformten Tank dort. Sogar die Sitzbank unterscheidet sich optisch und haptisch. Letztlich ist es die Summe dieser kleinen Unterschiede, die beiden Modellen eine gewisse Eigenständigkeit beschert. Voneinander und ganz besonders von der Halbschwester 390 Duke. Denn anders als die in Indien gebaute KTM werden die Huskys in Mattighofen gefertigt. Trotzdem fällt auch hier das stellenweise grobe Oberflächenfinish ins Auge. Was bei der Duke noch zweckmäßig aussieht, verträgt sich mit der designlastigen Optik und dem selbstbewussten Preis von über 6000 Euro nur bedingt. Trotzdem: Svartpilen und Vitpilen sind spaßige Kurvenflitzer, die weder mehr Ausstattung noch mehr Spitzenleistung nötig haben. Sie faszinieren mit einer gelungenen Mischung aus technischer wie optischer Reduktion aufs Wesentliche.

Fazit:

Obwohl Mittesterin Mona und ich von beiden Motorrädern sehr angetan waren, bleibt die neo-scrambleresque Svartpilen unser eindeutiger Favorit. Dank ihres Stylings würden beide Motorräder sicher auch gut in ein Ikea-Musterwohnzimmer passen. Aber die schicken 401er taugen nicht nur als Deko, sie sind echte Fahrmaschinen. Und ein Genuss für Einzylinder-Fans wie mich, die lieber 150 Kilo als 150 PS steuern möchten. 900 Euro Aufpreis zur Halbschwester 390 Duke erinnern dagegen schon fast an Apple-Preispolitik. Es bleibt Geschmackssache, also lieber selbst herausfinden. Und Farbe bekennen.

Besonders gut finde ich …

  • Modern-klassischer Stilmix mit reduzierter Optik
  • Sportlicher Einzylinder mit schönem Sound, sparsam obendrein
  • sehr handlich
  • bequeme Ergonomie

Was mir nicht so gut gefällt…

  • 900 Euro teurer als eine Duke 390, trotzdem stellenweise grobe Verarbeitung
  • so gut wie kein Platz für kleines Urlaubgsgepäck

Auf dem Papier

  • 373 ccm Einzylinder, Einspritzung, wassergekühlt
  • 44 PS bei 9000 rpm und 37 Nm bei 7000 rpm
  • Nasssumpfschmierung
  • Sechsgang, Kette, ca. 160 km/h
  • Gewicht vollgetankt: 158 kg
  • 9,5 l Tank, Verbauch ca. 3,4 l/100 km, Reichweite ca. 250 km
  • Gitterrohrrahmen aus Stahl
  • Fahrwerk vorne: WP 43 mm USD-Gabel mit 142 mm Federweg, 110/70-21 Reifen
  • Fahrwerk hinten: WP-Federbein, 150 mm Federweg, 150/60-17 Reifen
  • Sitzhöhe 850 mm
  • Bremsen: Bybre, Einzelscheibe 320 mm vorne, Einzelscheibe 230 mm hinten, ABS
  • 180 W Lichtmaschine
  • Service: nach 1000 km, dann alle 7500 km
  • Preis: neu 6295 €
  • Link zur Produktseite

Zubehör

  • Scheinwerferschutz, Kettenschutz
  • Tankrucksack, Hecktasche

Vergleichbare Motorräder

  • KTM 390 Duke
  • BMW G 310 R
  • Yamaha MT 03
  • Kawasaki Z 300

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