Testride: SWM 440er

Ein weiterer Außeneinsatz in der Redaktion der MOTORRAD mit zwei weiteren Retro-Rennern. Nach einigen Tagen mit der Continental GT war ich auf diese kleinen Einzylinder bestens vorbereitet. Zunächst nahm ich auf der Sitzbank der Silver Vase Platz…

Der Ersteindruck war vergleichbar mit der Royal Enfield: ein kleines, witziges Motorrad mit überschaubarer Leistung. Und hier sogar mit Stollenreifen und hochgelegtem Auspuff. Die Silber-Vase gibt den Scrambler in der SWM-Modellepalette. Und im wieder entdeckten Segment der Urzeit-Enduros sicherlich einer der günstigsten. Nur 4490 € stehen in der Preisliste.

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Die Silver-Vase ist auch in rot zu haben. Heißt dann aber immer noch Silver-Vase.

Im Gegensatz zu den richtigen SWM-Enduros, die auf ex-Husqvarna Motoren aufbauen, stammen die 440er-Einzylinder aus China und werden in Italien endmontiert. Der Qualität soll das laut SWM natürlich keinen Abbruch tun. Also, raus aus der Tiefgarage und ab in den Großstadtdschungel. Mit vorbeirauschenden Straßenbahnen, unberechenbaren A-Klasse-Fahrern und Smartphone gesteuerten Fußgängern nicht minder gefährlich als der echte.

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Viel gibts nicht zu sehen, aber was man sieht, überzeugt mit Übersichtlichkeit.

Schon beim ersten Test der Hebel rutschte mir leicht das Hinterrad weg. Achja, kein ABS. Zusammen mit dem Schwestermodell, der Gran Turismo, schraubten wir uns Kurve für Kurve raus aus dem Stuttgarter Kessel. Obwohl mir die Sitzhaltung etwas merkwürdig vorkam, hatte ich mich schnell an die SWM gewöhnt. Gefühlt sind die Fußrasten etwas zu weit vorne, andererseits bedeutet das auch einen angenehmen Kniewinkel. Bei der wesentlich moderneren MT-07 habe ich mehr Eingewöhnungszeit gebraucht. Nur der Motor forderte etwas mehr Aufmerksamkeit. Bei Teillast hatte er ab und zu Aussetzer, verschluckte sich öfters uncool beim Beschleunigen und schüttelte das Motorrad bei niedrigen Touren kräftig durch.

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Typische Scrambler-Zutaten: hoher Auspuff, hoher Lenker, grobes Profil.

Auf dem Prüfstand hatte die Silver-Vase mit 31,8 etwa zwei PS weniger als die Gran Turismo. Ob nun Serienstreuung oder anderer Auspuff: In der Praxis machte das natürlich keinen Unterschied. Nach etwa einer halben Stunde ging es zurück, durch das Industriegebiet. Vorbei am Schloss, auf Serpentinen durch den Wald, über eine kurze Bundesstraße, runter in die Stadt. Links der Feuersee, rechts Ernst Klett Verlag. Zum Motor mit Schluckauf gesellte sich kurz vor Einfahrt in den Motorpresse-Hangar die Öldruckleuchte dazu. Sie zeigte schon bei vorherigen Testfahrten etwas willkürliche Leuchteigenschaften. Zusammen mit der aufgepappten Modellbezeichnung wirkt die Verarbeitung unterm Strich etwas weniger wertig als bei vergleichbaren Royal Enfields. Es sei ihr verziehen.

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Die Gran Turismo.

Tags darauf durfte ich auf der Gran Turismo eine Fotoproduktion begleiten. Die Probleme der Silver-Vase traten hier nicht auf. Da sich die Modelle bis auf Auspuff, Reifen und Lenker nicht unterschieden, gab es auch beim Fahren keinen Unterschied. Der Transfer via Schnellstraße machte aber schnell klar: ab 130 wird es richtig ungemütlich. Dazu tragen auch die Spiegel bei, die bei diesem Tempo nur noch digital funktionieren: entweder kommt was, oder es kommt nix. Mehr Informationen gibt das Rüttelbild nicht her. Auch die Sitzbank zeigte sich über den Tag verteilt nicht von ihrer besten Seite. Nach jedem Absitzen hatte ich einen nassen Hintern. Was weniger am Angstschweiß sondern mehr an den vollgesogenen Nähten lag. Und das, obwohl die Handwäsche fast 36 Stunden zurücklag.

Das Positive: Kilometer für Kilometer fühlte ich mich mehr verwachsen, konnte testen ab wann die Bremsen blockieren und spätestens nach der fünften Kurvenfahrt fürs Foto war ich mit der Kiste vertraut. Der Tag endete mit einer 100 Kilometer Tour, auf der wir den Verbrauch testeten. Dafür wurde der große 20 Liter Tank bis zum Rand aufgefüllt. Durch zahlreiche Serpentinen schwangen wir uns durch und über die schwäbische Alb. Erinnerte stellenweise schon fast an Südtirol, wenn auch etwas herbstlich. An der Zapfsäule folgte dann die Abrechnung. Aber mit rund vier Litern Verbrauch wird die Maschine ihrem Namen tatsächlich gerecht.

Der Fahrtest von MOTORRAD – man beachte den Testfahrer mit Loch im Schuh

Die dritte 440er, die Gran Milano, nimmt Stilelemente eines Café Racers auf. Sie unterscheidet sich optisch etwas deutlicher von ihren beiden Schwestern.

Fazit:

Die Silver-Vase und Gran Turismo sind sympathische Motorräder für Zwischendurch. Die Verarbeitung lässt natürlich hier und da zu wünschen übrig, aber das ist dem geringen Preis geschuldet. Der simple Motor dürfte dennoch robust genug sein. Beide Modelle lassen sich sehr unkompliziert fahren, sind mit 170 kg relativ handlich und mit rund 30 PS ausreichend motorisiert. Die eigenwillige Optik und die Idee damit länger zu verreisen bleiben natürlich Geschmackssache. Aber auch bei diesen Retro-Maschinen liegt gerade darin der Reiz: Reisen statt Rasen. Für den ansich geringen Preis würde ich mir trotzdem eher eine gebrauchte Maschine holen.

Besonders gut finde ich …

  • Simples Motorrad, „no frills“
  • Sparsamer und klassisch luftgekühlter Einzylinder

Was mir nicht so gut gefällt…

  • Eigenartiges Design
  • Schwerer als es die Optik vorgaukelt
  • Teilweise grobe Verarbeitung, Sitzbank wie ein Schwamm und billige Aufkleber

Auf dem Papier (Silver Vase)

  • 445 ccm Einzylinder, Einspritzung, öl-/luftgekühlt
  • 30 PS bei 7000 rpm und 36 Nm bei 5500 rpm
  • Fünfgang, Kette,
  • Gewicht vollgetankt: 170 kg
  • Zuladung: 144 kg
  • 20 l Tank, Verbrauch 4 l/100 km, Reichweite bis 500 km
  • Rohrrahmen aus Stahl
  • Fahrwerk vorne: 43 mm Telegabel mit 130 mm Federweg, 100/90- 19 Vorderrad
  • Fahrwerk hinten: einstellbares Federbein mit 94 mm Federweg, 130/80-17 Hinterrad
  • Sitzhöhe 820 mm
  • Bremsen: vorne 260 mm Einzelscheibe, hinten 220 mm Einzelscheibe, ABS Stand 2016 nicht verfügbar
  • Preis: 4990 € , Gran Turismo: 5390 €

Zubehör

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Vergleichbare Motorräder

  • Royal Enfield Bullet 500 EFI
  • Royal Enfield Classic 500 EFI
  • Mash Five Hundred
  • Yamaha SR 400

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