Testride: Royal Enfield Continental GT

Auch wenn sie keine Zeitmaschine ist, sie lässt die Uhren zumindest deutlich langsamer ticken: während des Praktikums bei MOTORRAD konnte ich den kleinen Café-Racer über drei Tage, viele Kurven, im Berufsverkehr und ein Stück Autobahn kennen- und schätzen lernen.

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Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

Die kleine Rote überzeugt schon im Stand durch ihre sympathische, authentische Erscheinung. Zwei Räder, ein fetter Zylinder, ein schöner Stahltank und Stummellenker. Ein Café Racer wie damals, gebaut mit dem Rezept von damals. Und das bereits ab Werk. Anwohner und Passanten scheinen ihr sogar den lauten Auspuff zu verzeihen, der bei jedem Runterschalten frech sprotzelt, bevor der Motor an der Ampel in einen stapfenden Leerlauf übergeht.

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Klassisch-englischer Einzylinder: langhubig und mit viel Schwungmasse.

Die teilweise grobe Verarbeitung, quietschende Hebel, der sichtbare Drosselklappenöffner, Kickstarter… all das trägt zum Charme des Oldies bei. Einzig die digitale Tankanzeige erinnert den Fahrer daran, dass er sich nicht mehr in den 60s befindet. Aber die Inderin macht nicht nur auf oldschool, sie will auch so gefahren werden. Mit harter Arbeit, Schwung in der Kurve und der richtigen Linie. Denn viel ist aus dem Zweiventiler nicht zu holen. Der nutzbare Bereich liegt zwischen 2000 und 3500 Touren, ab 4000 verliert der 535er merklich an Biss, was er mit starkem Vibrieren und mehr Lärm ausgleicht. Spätestens bei  5500 erinnert der ruppig einsetzende Begrenzer ans Schalten.

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Aus Fahrerperspektive.

Spaß macht es trotzdem, gerade weil der Motor so rau, so angestrengt arbeitet und dadurch einfach lebendig wirkt. Mit diesem analogen Charme können heutige Einzylinder nicht mithalten. Auf freier Bahn und auf den Tank gelegt sind immerhin knapp 130 Sachen drin. Und obwohl der zweifach skalierte Tacho dazu einlädt: „the ton“ zu knacken bleibt ein Ding der Unmöglichkeit. Umso einleuchtender, warum 100 Meilen pro Stunde in den 60ern eine fast magische Grenze bildeten.

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Ob Bangalore oder Baden, die Royal Enfield ist ein Hingucker.

Das Fahren würde mit einem Wort so beschreiben: Unkompliziert. Lässt sich von einer in die nächste Kurve werfen, verzeiht auch mal Fehler und überfordert nie. Die Inderin zeigt sogar eine gewisse Alltagstauglichkeit. Die Sitzhaltung ist relativ aufrecht, die kleinen Spiegel erlauben tatsächlich den Kontrollblick nach hinten und die Sitzbank ist bequem genug um auch mal ein paar Kilometer abzureißen. Und im Gegensatz zu manch anderem Café-Racer zwickt auch nach über 100 Kilometern Fahrt nichts. Für die Kaffeefahrt zu zweit bietet Royal Enfield eine längere Sitzbank samt Soziusfußrasten an, die sich mit 250 € in das günstige Gesamtkonzept einfügt. Auch der beschriebene Sportauspuff ist mit 185 € erfrischend preiswert.

Fazit:

Unterm Strich ist die Continental eher ein Motorrad zum Genießen, denn um dem sportiven Anspruch gerecht zu werden, wären ein paar zusätzliche PS wünschenswert. So werden bereits Kleinwägen und LKWs bei Landstraßentempo zu ernsthaften Gegnern. Sportsgeister müssen also auf die bald erscheinenden Royal Enfield Parallel-Twins vertröstet werden. Wer aber ein Motorrad sucht, das nicht nur beim Bremsen entschleunigt, ist mit der Enfield gut beraten.

Besonders gut finde ich …

  • Reduzierte, klassisch-zeitlose Optik, die auch Laien begeistert
  • Unkompliziertes und gutmütiges Motorrad

Was mir nicht so gut gefällt…

  • Schwerer als sie aussieht. Ein paar Kilos weniger würden ihr gut stehen. Alternativ ein paar mehr PS…
  • Schwächer als sie aussieht. Ein paar Zusatz-PS würden aber reichen. Alternativ ein paar weniger Kilos…
recon

Falscher Helm und falsche Stiefel, aber auch mit 1,87 gut zu fahren.

Auf dem Papier

  • 535 ccm Einzylinder, Einspritzung, öl-/luftgekühlt, Elektro- und Kickstarter!
  • 29 PS bei 5100 rpm und 44 Nm bei 4000 rpm
  • Fünfgang, Kette, Maximal 140 km/h
  • Gewicht vollgetankt: 188 kg
  • Zuladung: 177 kg
  • 13,5 l Tank, Verbrauch 3,2 l/100 km, Reichweite bis 420 km
  • Doppelschleifen-Rohrrahmen aus Stahl
  • Fahrwerk vorne: 41 mm Telegabel mit 110 mm Federweg, 100/90- 18 Vorderrad
  • Fahrwerk hinten: zwei Paiolo Federbeine mit 80 mm Federweg, 130/70-18 Hinterrad
  • Sitzhöhe 800 mm
  • Bremsen: vorne 300 mm Einzelscheibe, hinten 240 mm Einzelscheibe, ABS ab 2017
  • Preis: 4990 € , Gran Turismo: 5390 €

Zubehör

  • Sportauspuff
  • Sitzbank für Sozius (mit Rasten)
  • Satteltaschenhalter

Vergleichbare Motorräder

  • SWM 440 Gran Milano
  • Royal Enfield Classic 500 EFI
  • Mash Five Hundred
  • Yamaha SR 400

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